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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Als Zamość beinahe "Himmlerstadt" hieß

Nach einem Besuch im Distrikt Lublin im Juli 1941 kam SS-Führer Heinrich Himmler auf die Idee, ein in den von den Deutschen annektiertem Gebiet bei Zamość, dem Cholmer und Lubliner Land einen Musterbezirk „reichsdeutscher und volksdeutscher Wehrbauern“ einzurichten. Zamość und Umgebung wählte Himmler zusammen mit dem Lubliner Polizei- und SS-Führer Odilo Globocznik als Versuchsgebiet aus. Um Platz für die deutschen Siedler zu schaffen, deportierte die deutschen Besatzer zunächst die jüdische Bevölkerung in Konzentrationslager. Anschließend vertrieben sie die Polen aus ihren Häusern und von ihren Höfen. Sie wurden entweder ermordet oder mussten Zwangsarbeit leisten. Rund 30.000 polnische Kinder, die blond und blauäugig waren, wurden von ihren Eltern getrennt und nach Deutschland gebracht. Dort kamen sie in Lebensborn-Heime oder wurden zur Adoption freigegeben. Nach Abschluss der Besiedlung sollte die Stadt Zamość in "Himmlerstadt" umbenannt werden. Dazu kam es aber nicht mehr.

Gedenkstein, der an die Deportation der Kinder von Zamosc erinnert
Der Gedenkstein trägt folgende Inschrift: "Den Kindern aus der Region um Zamość, die zwischen 1942 und 1943 durch die Hitlerdeutschen ermordet oder verschleppt wurden. Zum 20. Jahrestag der Aussiedlung und Pazifikation. Die Einwohner der Region um Zamość. Zamość November 1962." Fotos: Frank Hilbert

Die Schaffung des „deutschen Musterbezirkes" steht im Zusammenhang mit dem "Generalplans Ost", den SS-Oberführer Konrad Meyer am 15. Juli 1942 vorgelegt hatte. Er sah die Deportation der einheimischen Bevölkerung, die Ansiedlung von Deutschen und die wirtschaftliche Ausbeutung aller besetzten Gebiete im östlichen Mittel- und Osteuropa vor. Insgesamt sollten 31.000.000 Bürger der damaligen Sowjetunion, Polen, Tschechen und Ukrainer nach Sibirien verbannt und die Grenzen des "Deutschen Reiches" nach Osten verschoben werden.
Wie die Pläne der Nationalsozialisten für Polen aussahen, geht aus den Ausführungen des Höheren SS- und Polizeiführer Ost (HSSPF) Wilhelm Hoppe aus dem Jahr 1941 hervor:

Dem Sieg der deutschen Waffen im Osten muss also der Sieg des deutschen Volkstums über das Polentum folgen, wenn der wiedergewonnene Ostraum nunmehr gemäß dem Willen des Führers für immer ein wesentlicher Bestandteil des Großdeutschen Reiches bleiben soll. Es kommt daher entscheidend darauf an, das wiedergewonnene deutsche Land mit deutschen Bauern, Arbeitern, Beamten, Kaufleuten und Handwerkern zu durchdringen, damit sich ein lebendiges und dennoch am Boden festverwurzeltes Bollwerk deutscher Menschen als Schutzwall gegen fremde Eindringlinge herausbilden kann.

Der Lubliner SS- und Polizeiführer Odilo Globocnik vertrat die Ansicht, dass im Lubliner Distrikt einst Germanen gesiedelt hätten, deren Nachfahren noch immer hier lebten und polinisiert worden seien. Deshalb sei der Lubliner Distrikt ideal für die Schaffung eines deutschen Musterbezirks. Die germanischen Nachfahren, die aus nationalsozialistischer Sicht als "rassisch wertvoll" galten, sollten wieder eingedeutscht werden. Himmler war begeistert von der Idee und beauftragte Globocnik mit der Umsetzung. Zamość machten die Deutschen zum Versuchsfeld. Die Straßen der Stadt erhielten deutsche Namen. Polnische Denkmäler wurden entfernt. Die ersten Dörfer räumten die Deutschen im November 1941. Dabei gingen sie mit äußerster Brutalität vor. Bewohner, die Widerstand leisteten, wurden auf der Stelle erschossen.
Parallel entstanden die Konzentrationslager Majdanek, Sobibór und Bełżec, in denen die Deutschen die Juden umbrachten. In Zamość lebten vor dem Zweiten Weltkrieg 10.200 Juden, von denen so gut wie keiner den Krieg überlebte. Aber auch Polen, die die Deutschen des Widerstands verdächtigten, kamen in Konzentrationslager. Reichspropagandaminister Josef Goebbels schrieb am 27. März 1942 in sein Tagebuch:

Aus dem Generalgouvernement werden jetzt, bei Lublin beginnend, die Juden nach Osten abgeschoben. Es wird hier ein ziemlich barbarisches und nicht näher zu beschreibendes Verfahren angewandt, und von den Juden selbst bleibt nicht mehr viel übrig. Im großen kann man wohl feststellen, dass 60 Prozent liquidiert werden müssen, während 40 Prozent bei der Arbeit eingesetzt werden können. Der ehemalige Gauleiter von Wien (Globocnik - Anm. d. Red.), der diese Aktionen durchführt, tut das mit ziemlicher Umsicht und auch mit einem Verfahren, das nicht allzu auffällig wirdkt [...] Die in den Städten des Generalgouvernements frei werdenden Ghettos werden jetzt mit den aus dem Reich abgeschobenen Juden gefüllt, und hier soll sich dann nach einer gewissen Zeit der Prozess erneuern.

Die Deportation von Polen im großen Stil begann im November 1942. Eingeteilt wurden sie in die folgenden Kategorien:

  • Die nach den deutschen Kriterien "rassich wertvollen" Einheimischen sollten zur Wiedereindeutschung ins Reich gebracht,
  • arbeitsfähige Polen zur Zwangsarbeit eingezogen und
  • alle anderen, die in den Augen der Besatzer als "rassich schlecht" galten, in Vernichtungslager deportiert.
  • Kinder und über 60-Jährige wurden in sogenannte "Rentendörfer" gebracht, in denen sie dahinvegetierten und die sie nicht verlassen durften.

Bis zum Abbruch der Aktion im August 1943 deportierten die Deutschen ca. 100.000 Polen aus Zamość und den umliegenden Dörfern. Im Gegenzug siedelten sie 8.000 Volksdeutsche aus Bessarabien, Russland, Serbien, dem Baltikum und der Bukowina an.
Die ersten Siedler kamen aus Bassarabien, das durch den Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion gefallen war. Insgesamt waren es 2.000. Unter ihnen befanden sich die Eltern des ehemaligen Bundespräsidenten Horst Köhler. Er wurde im Februar 1943 in Skierbieszów geboren, das nur 18 km von Zamość entfernt liegt.

Gedenktafel für entführte Kinder
Gedenktafel im Durchgang des freistehenden Glockenturms der Kollegiatskirche, die an die Verschleppung der Kinder erinnert.

Die Kinder von Zamość

In die Kategorie "rassisch wertvoll" stuften die Besatzer auch Kinder ein, die blond und blauäugig waren. SS-Führer Heinrich Himmler schrieb in sein Diensttagebuch:

Wie oft müssen wir, wenn wir ein blondes, blauäugiges Kind sehen, uns darüber wundern, dass es Polnisch spricht [...] Wenn ich dieses Kind deutsch erziehen würde, dann würde es ein hübsches deutsches Mädel sein. Wir sehen also eine absolut germanische Rasse ...

Die Kinder sollten ins Reich gebracht und dort "eingedeutscht" werden. Allein im Sommer 1943 trennten die Besatzer 12.000 Kinder von ihren Eltern und verschleppten sie nach Breslau (Wrocław). 30.000 waren es bis zum Abbruch der Aktion. 4.500 von ihnen sollten "eingedeutscht" werden. Sie erhielten neue Biografien, kamen in Lebensborn-Heime und wurden im Reich zur Adoption freigegeben. Kinder, die den Rassekriterien der Nationalsozialisten nicht entsprachen, mussten Zwangsarbeit leisten. 12.000 Kinder überlebten den Krieg nicht.

Bauern leisteten Widerstand

Die polnische Bevölkerung reagierte auf die Vertreibung und Verschleppung mit verstärktem Widerstand. Die polnischen Bauern flüchteten in die umliegenden Wälder und schlossen sich den Partisanen an. Sie überfielen von Deutschen besiedelte Dörfer und verübten Anschläge auf Bahnlinien. Im Dezember 1942 ermordeten sie zum Beispiel 37 Neusiedler. Die Rache der Besatzer war grausam. Auf dem Marktplatz von Zamość und in mehreren Dörfern fanden zur Abschreckung Schauhinrichtungen statt. Dörfer, deren Einwohner die Deutschen verdächtigten, Widerstand geleistet zu haben, brannten die Deutschen nieder. Im Kreis Zamość waren es 34. Die Dorfbewohner erschossen sie.
Der Widerstand der Polen, der trotz der militärischen Übermacht und Vergeltungsmaßnahmen der deutschen Besatzer nicht zu brechen war, hatte einen Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion und damit eine Verschlechterung der Versorgungslage der deutschen Armee und der deutschen Bevölkerung im Reich zur Folge. Den Plan zur Schaffung einer deutschen Kolonie im Gebiet um Zamość beendeten die Besatzer deshalb, und Zamość wurde nicht in „Himmlerstadt" umbenannt. (fh)

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