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Zagan (Żagań) - Museum erinnert an Flucht von alliierten Kriegsgefangenen 1944

In einem schmucklosen Bau in der südlichen Vorstadt des Ortes Żagań (ehemals Sagan, 90 Kilometer östlich von Cottbus) befindet sich eines der zweifellos interessantesten Museen zur Geschichte des Zweiten Weltkriegs: das Museum des Martyriums der alliierten Kriegsgefangenen. Es befindet sich auf dem Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers "Stammlager der Luftwaffe Nr. 3 Sagan" (kurz Stalag Luft 3 genannt), das 1942 errichtet worden war. In ihm wurden Piloten abgeschossener alliierter Flugzeuge interniert. 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges, lebten hier 10.000 allierte und 200 polnische Soldaten.

Żagań - Denkmal für alliierte Piloten
Ein Steinweg kennzeichnet den Verlauf des Tunnels "Harry". Auf dem Foto ist die Stelle zu sehen, an der sich der Tunnelausgang befand. Foto: Frank Hilbert

Fluchttunnel zehn Meter unter der Erde mit elektrischem Licht

Die Museumsausstellung ist einer Gruppe alliierter Offiziere der Luftstreitkräfte gewidmet, die in der Nacht vom 24. auf den 25. März 1944 einen lang geplanten und groß angelegten Ausbruchsversuch aus dem Lager in Żagań (Sagan) unternommen hatten. Über einen 111 Meter langen, von kanadischen Fliegern gegrabenen, unterirdischen Tunnel (Spitzname "Harry"), krochen 76 Gefangene in Zivilkleidung und mit gefälschten Papieren aus dem Lager in Richtung Freiheit.

"Harry" war einer von drei Fluchttunneln. Mit dem Bau begannen die alliierten Kriegsgefangenen am 11. April 1943. Der Eingang befand sich unter einem Eisenofen in der Wohnstube der Baracke 10. Er verlief in einer Tiefe von 10 Metern in Richtung Norden. Für einen heimlich und unter primitiven Bedingungen gegrabenen Tunneln war er sehr komfortabel und technisch ausgeklügelt. So gab es mehrere Ausweichstellen, die die Erbauer nach Stationen der Londoner U-Bahn (London tube) benannten. Sie hießen Picadilly Circus und Leicester Square. Die Kriegsgefangenen installierten elektrisches Licht und bauten einen Raum mit einem von Hand betriebenen Blasebalg ein, der den Schacht mit Luft versorgte. 2.000 Bretter wurden verbaut und 132 Tonnen Sand aus dem Tunnel geholt, der unter den Sitzen des Lagertheaters verteilt wurde. Ein Teil des Sandes verstreuten Gefangenen auf dem Lagergelände. Sie trugen den Spitznamen "Pinguine".

Nur drei Häftlingen gelang die Flucht

Leider erwies sich der Tunnel als zu kurz, sodass die Gefangenen noch eine mehrere Meter lange Strecke über eine beleuchtete Wiese bis zur Lagergrenze überwinden mussten. Der Fluchtversuch wurde von der Lagerwachmannschaft in Żagań (Sagan) bemerkt. Nur drei der Flüchtlinge, dem Norweger Jens Muller, Per Bergslund (Spitzname "Rockland") und dem Holländer Bram van der Stock, gelang die Flucht. Alle Übrigen wurden von den Deutschen gefasst. Mehr als die Hälfte von ihnen wurde auf ausdrückliche Anordnung Hitlers und entgegen der Haager Konvention erschossen.
Die Luftwaffenoffiziere Arnold Christensen aus Neuseeland, James Catanach aus Australien, Nils Jørgen Fuglesang und Halldor Espelid aus Norwegen zum Beispiel kamen bis nach Flensburg, bevor sie von den Deutschen aufgegriffen wurden. Die Gestapo erschoss sie am 29. März 1944 an der Hamburger Chaussee in der Nähe von Flintbek südlich der Schleswig-Holsteinischen Landeshauptstadt Kiel. SS-Männer transportierten die Gefangenen in zwei Personenkraftwagen. Im ersten saßen James Catanach und SS-Sturmbannführer Johannes Post. Post ließ halten und ging mit dem Kriegsgefangenen in das Feld neben der Straße, wo er ihn erschoss. Wenige Augenblicke später traf der zweite Wagen mit den übrigen Kriegsgefangenen ein. Man ließ sie unter dem Vorwand aussteigen, sie müssten eine Pause vor der langen Weiterfahrt machen. Die SS-Männer führten die Gefangenen ins Feld und erschossen sie ebenfalls.  Ihre Leichname wurden in einem Krematorium in Kiel verbrannt. Eine kleine Gedenktafel am Straßenrand erinnert an die Ereignisse im Jahr 1944.
Nach dem Krieg wurde ein Teil der deutschen Polizei- und Gestapomitarbeiter, die an der Ermordung der Piloten beteiligt waren, von einem britischen Militärgericht zum Tode verurteilt.

 

Die Flucht der alliierten Piloten aus dem Lager in Żagań (Sagan) wurde 1963 mit Steve McQueen und Charles Bronson in den Hauptrollen verfilmt. Der Film heißt "Gesprengte Ketten" (Originaltitel: "The great escape").

Museum und Friedhof des Gefangenenlagers

Eine "museumspädagogische" Attraktion bildet eine Replik des Tunnels, durch den die Besucher durchkriechen können. Etwa einen Kilometer vom heutigen Museum entfernt, an der Stelle, wo sich der echte Tunnel befunden hatte, errichtete man mehrere Gedenksteine sowie ein Denkmal mit einer genauen Beschreibung des Tunnelverlaufs.

Die Museumsausstellung erzählt auch die Geschichte des Stalags VIIIC, einem Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht. Es befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft des Stalag Luft 3. Errichtet wurde es im Zuge des deutschen Überfalls auf Polen im Jahr 1939. Die ersten dort inhaftierten Offiziere waren deshalb Angehörige der polnischen Armee. Insgesamt waren im Stalag VIIIC im Verlauf des Krieges 49.000 Soldaten inhaftiert.

In der ul. Lotników Alianckich 2 kann der Friedhof des Gefangenenlagers besichtigt werden, auf dem während des Zweiten Weltkrieges verstorbene Gefangene beerdigt wurden. Im Sommer 1944 wurde hier außerdem ein symbolisches Grab für die geflohenen Offiziere errichtet, die von der Gestapo wieder eingefangen und ermordet wurden. Das Grabmal hat die Form eines Altars mit drei Steintafeln, in die die Namen der Ermordeten Offiziere eingemeiselt sind. Ihre Gräber, die sich an verschiedenen Orten im Reich befanden, wurden nach dem Krieg exhumiert, und die Urnen auf dem Kriegsfriedho Cytadella in Posen (Poznań) umgebettet.  (fh)

Trailer des Films "Gesprengte Ketten".

Karte

Landkarte von Polen mit Żagań

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Zagan (Żagań), Polen24.10.2018 – 03:03 Uhr
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Kontakt

Muzeum Obozów Jenieckich (Museum des Gefangenenlagers)
Lotników Alianckich 6
68-100 Żagań
Tel.: +48 68 4784994
Internet: muzeum.zagan.pl

Karte

Żagań - Museum Kriegsgefangenenlager, Lotników Alianckich 6, 68-100
Żagań - Museum Kriegsgefangenenlager, Lotników Alianckich 6, 68-100 Żagań (Google Maps)