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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Geschichte von Vilnius (Wilna, Wilno)

In civitate nostra regia Vilna


Die schriftlich beurkundete Geschichte Wilnas beginnt mit dem Großfürsten Gediminas. Zum ersten Mal schriftlich wurde der Name Wilna in einem der Briefe Gediminas aus dem Jahr 1323 erwähnt. An einer Stelle lesen wir: „in civitate nostra regia Vilna“ (in unserer Königsstadt Wilna), was darauf hindeutet, dass Wilna zu jener Zeit nicht mehr bloß eine Stadt war, sondern bereits den Status der Hauptstadt Litauens besaß.

Gediminas-Turm auf dem Burgberg in Vilnius
Der Gediminas-Turm auf dem Burgberg von Vilnius. Fotos: Frank Hilbert

Der Legende nach träumte der Großfürst eines Nachts von einem eisernen Wolf, der auf einem Hügel stand. Als er auf das Tier mit einem Pfeil schoss, prallte er an dessen stählernen Körper ab. Beunruhigt bat er seinen Hohepriester um die Deutung. Dieser erklärte dem Herrscher, er solle auf dem Hügel, auf dem der eiserne Wolf stehe, eine Burg und eine Stadt - so fest wie Eisen - errichten.

Soweit die Sage. Historisch belegte Tatsache ist, dass Gediminas seine Residenz von Trakai (poln. Troki) nach Wilna verlegte, wo er auf einer Anhöhe am Fluss Vilnia eine steinerne Wehrburg bauen ließ und von der aus er nun seine Regierungsgeschäfte leitete. Im 14. Jahrhundert kreuzten sich in  Wilna die Handelswege (von Plock und Riga über Kaunas nach Klajpeda/Memel, Königsberg und Masowien). In Wilna begegneten sich auch der westliche und östliche Ritus des christlichen Glaubens auf Augenhöhe, was sich aus der gleichrangigen Stellung der katholischen und orthodoxen Kirchen der Stadt ablesen lässt. Zugleich war Wilna in der Regierungszeit Gediminas auch ein politischen Zentrum von großer Bedeutung. Polnische Monarchen, Abgesandte des Deutschen Ordens und Unterhändler der mongolischen Khane kamen hierher zu wichtigen Verhandlungen mit dem Herrscher von Litauen.

Ostra Brama - einziges Relikt der Stadtmauer

Nach der polnisch- litauischen Union im Jahr 1385 wurde Gediminas Enkelsohn Jogaila (poln. Wladysław II. Jagiełło) zum ersten polnisch-litauischen König. Nach der offiziellen Taufe Litauens (Polen hatte bereits 966 das Christentum angenommen.) im Jahr 1387 verlieh er Wilna die Magdeburger Stadtrechte. In den Jahren 1503-1522 wurde eine 3 km lange Stadtmauer mit 9 Toren und 3 Wehrtürmen errichtet.  (An der Wende zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert wurde sie – mit Ausnahme der Morgenröte-Tores (poln. Ostra Brama), das die wundersame Madonnenikone beherbergt – abgerissen.)
In Wilna wurden mehrere polnisch-litauische Herrscher gekrönt (u. a. Zygmunt Stary, Zygmunt August, Stefan Batory).

Seit 1544 residierte hier der letzte Vertreter der Jagiellonen-Dynastie, Zygmunt August, der sich als ausgesprochener Kunstiliebhaber und -mäzen einen Namen machte. Seine enge Verbindung zu Litauen und insbesondere zu Wilna ist vermutlich auf dem Einfluss seiner litauischen Frau Barbara Radziwiłłówna zurückzuführen, die er 1547 gegen den Willen des polnischen Sejms und Senats heiratete. (Die jung verstorbene Barbara fand im Wilnaer Dom ihre letzte Ruhestätte.) Einen Höhepunkt in der Regierungspolitik Zygmunt Augusts stellt zweifelsohne die Realunion mit Litauen (auch Union von Lublin genannt) dar, die 1569 auf dem Sejm von Lublin geschlossen wurde und die bisherige Personalunion in eine gemeinsame Adelsrepublik umwandelte.

1578 Gründung der Wilnaer Universität

Zu jener Zeit durchlebte Wilna eine dynamische Entwicklung. Die Stadt wurde ausgebaut, wildem Bauwuchs wurde mit urbanarchitektonischen Ordnungsmaßnahmen, wie z. B. der Einführung gerader Straßenzüge, begegnet. Im Jahr 1578 wurde die Wilnaer Universität gegründet – die erste im Baltikum. Die erste (hölzerne) Wasserleitung wurde gelegt. Zahlreiche Buchdruckereien entstanden. 1562 wurde eine Postkutschenlinie über Krakau und Wien bis nach Venedig eingerichtet. Neue katholische, orthodoxe, und protestantische Kirchen wurden gebaut. 1604 bekam Wilna seinen eigenen Heiligen, den im 15. Jahrhundert jung verstorbenen, von seinen Zeitgenossen als besonders fromm und gerecht angesehenen und im Wilnaer Dom beigesetzten Kazimierz, Sohn des polnischen Königs Kazimierz Jagiellończyk. Die Feierlichkeiten der Heiligsprechung leitete der damalige Bischof von Wilna, Benedykt Woyno, der auch den Grundstein für die Kirche des hl. Kazimierz legte. 1527 erteilte König Zygmunt Stary den Juden die Erlaubnis, sich in Wilna anzusiedeln. Die jüdische Gemeinde vergrößerte sich stetig, 1573 erbaute man die erste Synagoge. Nach Prag war Wilna im ausgehenden 16. Jahrhundert die zweitgrößte osteuropäische Metropole.

Nichtsdestotrotz läutete die Union von Lublin eine langsame Degradierung Wilnas zur Provinzstadt ein. Kraft der Union wurde Krakau zur Hauptstadt (zum Sitz des Königs und der Legislative) des Doppelstaates ernannt. Im Jahr 1596 verlegte der König Zygmunt III. Vasa die Hauptstadt nach Warschau. Sejmsitzungen fanden zwar auch in Litauen statt, jedoch in Grodno und nicht mehr in Wilna. Weitere Folge der Union war eine Polnisierung der Eliten und der zunehmende Einfluss der westeuropäischen Kultur auf die litauische Kunst, Literatur und Architektur. Bis heute hallt in der litauischen Geschichtsforschung Kritik an der Realunion mit Polen nach, wodurch die polnische Kultur die litauischen Traditionen verdrängt und dazu geführt habe, dass Litauen seine nationale Identität verloren habe. Trotzdem minderte der sichtbare Polonisierungsprozess nicht die Verbundenheit des litauischen Adels mit dem   Vermächtnis des Großfürstentums Litauen. Seit dem 17. Jahrhundert bezeichnete sich die litauische Oberschicht offiziell als „gente Lithuanus, natione Polonus“ (Volkszugehörigkeit litauisch, Nationalität polnisch).

Theresienkirche in Vilnius
Blick vom Tor der Morgenröte auf die Theresienkirche in Vilnius.

Geistiges Kulturzentrum

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts besetzten mehrfach die aufstrebenden Großmächte Russland und Schweden Wilna. Großbrände, Epidemien und Verwüstungen durch die Besatzer setzten der Stadt arg zu. Erst in der Aufklärung erlebte Wilna eine erneute Blütezeit. In der Architektur dominierte der Klassizismus, auch der gotische Baukörper des Doms wurde dem Zeitgeschmack angepasst und erhielt eine klassizistische Fassade. An der Universität entstand die Akademie der Schönen Künste. Durch die Gründung des Collegium Nobilium – einer höheren Schule für Kinder aus Adelsfamilien - leistete der Piaristenorden einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung des Bildungssektors in der Stadt bei.

Durch die Dritte Teilung Polens im Jahr 1795 fiel Wilna an Russland. Trotz einer starken Russifizierung entwickelte sich Wilna zu einem Zentrum der polnischen-litauischen Kultur und einer wachsenden Widerstands- und Befreiungsbewegung gegen die Besatzungsmacht. Besonders der Universität fiel die Rolle des Kulturträgers zu. Die Unterrichtssprache war nach wie vor Polnisch. Nationalgesinnte polnische Studenten (wie z. B. die Dichter Adam Mickiewicz, Tomasz Zan und Jan Czeczot) gründeten patriotische Gesellschaften wie die der Philomaten und Philareten. In Wilna erschienen polnische Zeitungen und wurden Bücher in polnischer Sprache verlegt. Als Wiege der polnischen Romantik zog Wilna zahlreiche Künstler und Literaten an. Unter ihnen waren Adam Mickiewicz, Juliusz Słowacki, Józef Ignacy Kraszewski, Stanisław Moniuszko. Natürlich darf man die Bedeutung Wilnas für das geistige Leben der Litauer nicht unerwähnt lassen. Hier lebten und arbeiteten so hervorragende Vertreter der litauischen Kultur wie der Historiker Simonas Daukantas, der Schriftsteller Simonas Stanevièius und der Kulturforscher und Ethnograph Kiprijonas Nezabitauskas-Zabitis. 

Russifizierungsmaßnahmen im 19. Jahrhundert

In Folge des Novemberaufstands von 1830 und der daraufhin einsetzenden Welle von Russifizierungsmaßnahmen wurde die Universität 1832 geschlossen (und blieb es bis 1919). Geschlossen wurden auch alle anderen Schulen und sogar die Wilnaer Klöster. Noch drastischere Maßnahmen ergriffen die russischen Besatzer nach dem misslungenen Januaraufstand von 1863. In Wilna wurde der Aufstand vom Statthalter des Zaren, Michail Muravev, blutig niedergeschlagen. Gefangen genommene Aufständische wurden - vor dem Palast des Statthalters - öffentlich hingerichtet. Den Polen wurde untersagt, in Litauen Land zu kaufen, ihre Religion auszuüben (katholische Kirchen wurden abgerissen oder in orthodoxe Kirchen umgewandelt) oder sich auf irgendeine Weise kulturell zu betätigen. 1864 wurde das polnische Theater in Wilna geschlossen. Polnische und litauische Zeitungen und Bücher durften nicht gedruckt werden

Einen kräftigen wirtschaftlichen Aufschwung bescherte Wilna dennoch ab Mitte des 19. Jahrhunderts dessen Anschluss an die Eisenbahnlinie zwischen St. Petersburg und Warschau. Gegründet wurden Industrieunternehmen, Brauereien, Gerbereien, Ziegeleien, eine Eisenhütte, Großhandlungen, zahlreiche Geschäfte und Banken. Wilna wurde um die sog. Neustadt erweitert, entlang des heutigen Gediminas-Prospekts entstanden zahlreiche neoklassizistische Prunkhäuser. Knapp die Hälfte der 160.000 Einwohner waren Juden, was Wilna den Beinamen „Jerusalem des Nordens“ bescherte.

Wilna wird polnisch

Während des Ersten Weltkriegs wurde Wilna abwechselnd von deutschen, litauischen, sowjetischen und polnischen Truppen besetzt und wechselte auch mehrfach seine Staatszugehörigkeit. 1920 wurde Wilna trotz der Entscheidung der Entente von Polen annektiert und von der ersten litauischen Republik abgespalten. 1922 wurde der Anschluss Mittellitauens mit Wilna an Polen durch den polnischen Sejm in Mittellitauen (wo sich die Mehrheit der Bevölkerung zur polnischen Nationalität bekannte) beschlossen. Ein Jahr später wurden die neuen Grenzen Polens von der internationalen Botschafterkonferenz offiziell anerkannt. Die litauische Republik fand sich mit dem Verlust seiner historischen Hauptstadt nicht ab. In der Zwischenkriegszeit übernahm Kaunas die Funktion der Hauptstadt von Litauen, jedoch mit der Betonung auf "provisorisch". Bis 1938 erkannte Litauen die neue Grenzziehung nicht an und unterhielt zu Polen keine diplomatischen Beziehungen.

„Was brachte Polen die Auseinandersetzung mit Litauen? Nur eine weitere Woiwodschaftsstadt. Die Litauer jedoch verloren ihre jahrhundertealte Hauptstadt", stellte zutreffend der polnische Historiker Jerzy Ochmański fest.

Zweiter Weltkrieg, Sowjetisierung und nationale Unabhängigkeit

1939 wurde Litauen mit Wilna gemäß dem Hitler-Stalin-Pakt an die Sowjetunion angegliedert. Nach dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1941 begann auch in Wilna der organisierte Massenmord an der jüdischen Bevölkerung. Über 90% der litauischen Juden  fielen bis zum Herbst 1943 dem Holocaust zum Opfer.

Im Mai 1944 befreite die Rote Armee das stark zerstörte Wilna. Litauen wurde eine Republik der Sowjetunion mit Russisch als Amtssprache. Im Zuge der Sowjetisierung behinderte und bekämpfte man u. a. die Religionsausübung. Zahlreiche Kirchen wurden geschlossen oder zu Lagern oder Museen umfunktioniert. (So wurde z. B. aus der Kirche des hl. Kasimirs das Museum des Atheismus.) Noch heute wirken viele der Wilnaer Kirchen seltsam leer und steril auf den Besucher, was darauf zurückzuführen ist, dass ihre wertvolle Inneneinrichtung sowie die Jahrhunderte alte Wandmalereien und Verzierungen über vierzig Jahre lang systematisch verwüstet oder ungehindert dem Verfall preisgegeben wurden.

Seit 1990 ist Wilna die Hauptstadt des unabhängigen Litauen. (Barbara A. Woyno) 

  1. www.vilnius-tourism.lt
  2. www.vilnius-airport.lt