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Sejny - Grenzlandstiftung

Man muss ein unverbesserlicher Idealist sein, um diese Einöde freiwillig zum Lebensmittelpunkt, ja gar zu einer Lebensaufgabe zu wählen. "Man muss vermutlich auch ein wenig verrückt sein" würde mit Sicherheit Krzysztof Czyżewski augenzwinkernd hinzufügen.

Eingang zur barocken Dominikanerkirche in Sejny
Barocke Dominikanerkirche. Fotos: Frank Hilbert

Sejny, ein Städtchen nur knappe zehn Kilometer von der Grenze zu Litauen entfernt, mit unendlichen grünen Weiten und einem Urwald direkt vor seinen Toren. Es ist die nordöstlichste Ecke Polen. Ein Hund gähnt gemütlich auf den von der Mittagssonne aufgewärmten Stufen eines Markthauses, ab und zu tuckert ein Auto über das unebene Kopfsteinpflaster. Nur die behagliche Eintracht, in der die barocke Dominikanerkirche, die große Synagoge und die kleine orthodoxe Kirche nebeneinander seit Jahrhunderten das Stadtbild beherrschen, lässt erahnen, dass wir uns an einer einst bedeutenden Schnittstelle verschiedener Kulturen befinden.

Ausgelöschte Kultur

Kurz nach der politischen Wende der Jahre 1989/90 und entgegen dem damaligen Trend, nach entbehrungsreichen Jahrzehnten der sozialistischen Trostlosigkeit endlich das gelobte Westland zu erkunden, fasste der Dichter und Schauspieler Krzysztof Czyżewski den Entschluss, in diese entlegene östliche Provinz zu ziehen. Er suchte einen Ort mit Geschichte, geprägt durch kulturelle Vielfalt, durch Tradition und Toleranz. Er fand all das in Sejny, der Heimat verschiedener Völker und Religionen. Seit Jahrhunderten lebten hier Polen und Litauer in nächster Nachbarschaft zusammen. Altrussische Gläubige fanden nach Verfolgung in Russland in Sejny ein neues Zuhause. Deutsche Siedler errichteten unweit des Stadtzentrums ihr protestantisches Gotteshaus. Im 18. Jahrhundert wurde die große Weiße Synagoge - mit finanzieller Unterstützung der Dominikaner - erbaut. Nach der Fertigstellung wurde die Thora, die Heilige Schrift der Juden, gemeinsam von einem Rabbiner und einem katholischen Priester feierlich in das neue jüdische Gebetshaus hineingetragen. Sesshafte und umherfahrende Zigeuner, Weißrussen, Russen und Ukrainer ergänzten das bunte Bild der Stadt.

Eine Zäsur für Sejny und seine Bewohner stellte erst der Zweite Weltkrieg dar: Die deutschstämmigen Einwohner verließen die Stadt, die Juden und Zigeuner wurden von den Nazis ermordet, die Polen von ihren östlichen Nachbarn durch eine neue Grenzziehung getrennt. Innerhalb von nur zwei bis drei Jahren wurde eine Jahrhunderte alte, einzigartige kulturelle Landschaft unwiederbringlich ausgelöscht. Im Verlauf weiterer Jahre verblasste auch die Erinnerung an sie.

Grenzlandstiftung

Diese Erinnerung ist es jedoch, der sich Czyżewski verpflichtet fühlt. Seit seiner Ankunft vor zwanzig Jahren bemüht er sich, mit Hilfe einiger weniger kultur- und geschichtsbegeisterter Freiwilliger die Tradition der kulturellen Vielfalt der Grenzregion wieder aufleben zu lassen. Im Jahr 1991 gründete er eine Grenzlandstiftung (Fundacja "Pogranicze - sztuki, kultur, narodowości"), die sich der Förderung von Kunst und Kultur der "Grenzland-Staaten" widmet. Die Weiße Synagoge, seit der Vernichtung der jüdischen Gemeinde im Zweiten Weltkrieg nicht mehr für religiöse Zwecke genutzt, ist zu einer wichtigen Begegnungsstätte für die Bewohner des Grenzgebiets - Polen, Litauer, Weißrussen, Ukrainer und Russen - aber auch für die mittlerweile aus allen Ländern der Welt anreisenden Besucher geworden. Die Stiftung organisiert Konzerte und Theateraufführungen, Ausstellungen, Vorträge, Lesungen und Diskussionsabende. Sie veröffentlicht Bücher zum Thema Toleranz und Verständigung zwischen den Kulturen. Die Stiftung hat unter anderem das in Polen heftigst umstrittene Buch "Nachbarn" über ein Judenpogrom in der polnischen Kleinstadt Jedwabne von Jan Tomasz Gross herausgegeben.

Haus der Granzlandstiftung in Sejny
Haus der Grenzlandstiftung in Sejny.

Der Brückenbauer

Das Kulturzentrum ist insbesondere auch bemüht, ein Bindeglied zwischen den heutigen und den früheren Einwohnern von Sejny zu sein. Es versucht, einen Bogen von der Gegenwart bis zurück in die Vergangenheit zu spannen, selbst wenn dieser lange Schatten wirft. Die Mitarbeiter betonen, dass es ihnen dabei nicht darum gehe, ein Freilichtmuseum im süßlichen Nimbus der Völkerverständigung zu schaffen. Schließlich sei ein Grenzgebiet nicht nur ein Ort gegenseitiger Toleranz, sondern immer auch ein Feld zahlreicher Spannungen. Historisch gewachsene Vorurteile, Ressentiments oder gar Hass bilden einen nicht zu unterschätzenden Teilaspekt der Kulturarbeit. Es sei wichtig, dass auch diese Emotionen ans Tageslicht gelangen, damit sie sich nicht zu einer explosiven, vernichtenden Kraft aufstauen. Eine Kultur des Dialogs beruhe schließlich nicht auf dem Vorsatz, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Ihre Bedeutung liege eher darin, einen Weg für einen konstruktiven Umgang mit den bestehenden Konflikten zu aufzuzeigen.
In seinem Buch "Linia powrotu" (Umkehrlinie) schreibt Czyżewski:

Der Dialog eines Menschen mit dem "Anderen" ist ein schöpferischer Prozess. Er ist uns nicht gegeben, er geschieht nicht von selbst. Er entsteht in Handarbeit. Der Dialog-Schaffende wurde seit Jahrhunderten mit einem Brückenbauer verglichen. Die Balkanvölker nannten ihn "Neimar" und zollten ihm großen Respekt, der einem Architekten gebührt, welcher die Geheimnisse der Natur kennt und die Kräfte des Chaos zu bändigen weiß. (...) Wir leben zu lange in Gemeinschaften, in denen es keine Neimar-Tradition mehr gibt, in denen die Dialogphilosophie und das Handwerk des Brückenbauens nicht mehr gelehrt werden.

(fh)

Karte

Landkarte von Polen mit Sejny

Wetter

(Sejny), Polen28.05.2017 – 22:25 Uhr
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Sehenswürdigkeit

Grenzlandstiftung
ul. Piłsudskiego 37
16-500 Sejny
Tel.: +48 (0) 87 5162189
E-Mail: centrum@pogranicze.sejny.pl
Internet: www.pogranicze.sejny.pl

Karte

Sejny - Grenzlandstiftung, ul. Piłsudskiego 37, 16-500
Sejny - Grenzlandstiftung, ul. Piłsudskiego 37, 16-500 Sejny (Google Maps)