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Die Kämpfe bei Gorlice - der Sturmangriff

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Die Schlachtengeschichte des Reichsarchivs beschreibt den entscheidenden Augenblick, als nach dem vierstündigen vorbereitenden Beschuß um 10 Uhr das Artilleriefeuer von den vordersten russischen Linie nach hinten verlegt wird. Damit war der Augenblick des Sturmangriffs gekommen. Auch hier entspricht der Stil keineswegs einer sachlich-distanzierten Darstellung. Vielmehr ist er in seiner Theatralik bemerkenswert.

Denkmal auf dem Soldatenfriedhof Łucna
Denkmal auf dem Soldatenfriedhof Łucna mit der Aufschrift: "Hier ruhen in Frieden Deutsche Krieger." Fotos: Frank Hilbert

Da rücken Uhrzeiger "unerbittlich" vorwärts und der "Vorhang hebt sich empor":

Die Führer der Infanterie stehen bereit, die Uhr in der Hand; unerbittlich rückt der Zeiger auf 10 Uhr vormittags. Da schweigt das dumpfe Krachen der Minen. Unmerklich hebt sich der aus Staub und Dampf gewobene Vorhang von den vordersten feindlichen Stellungen empor. Die Feuerwalze der Artillerie wandert gen Osten und legt sich schwer auf die hinteren Gräben und die feindlichen Reserven. Auf den Höhen, die nicht gleich im ersten Anlauf genommen werden können, auf den Räumen, wo Reserven zu vermuten sind, bleibt noch das Feuer liegen.

Als das Artilleriefeuer nach hinten verlegt wird, springen dreißig- bis vierzigtausend Infanteristen aus ihren Gräben und laufen schnell auf die russischen Gräben zu. Einer davon ist der deutsche Offizier Gustav Adolf von Wulffen, dessen Beschreibung des Angriffs es an Dramatik ebenfalls nicht fehlen läßt:

Über die Brüstung hinweg stürzen die Kompanien mit den MG in Schützenlinie aus den Gräben hervor. Die aufgepflanzten Seitengewehre blitzen im Sonnenschein, die Hornisten blasen unentwegt das Signal: Rasch vorwärts! Heftiges Feuer schlägt uns entgegen, das noch durch flankierendes MG- und Infanteriefeuer von rechts her aus Gorlice verstärkt wird. Heiße Sommerhitze umgibt uns, trocken und voller Qualm ist die Luft, die Zunge klebt am Gaumen. Rechts und links fallen die Kameraden zu Boden, Verwundete schleichen mühsam zurück, Sterbende wälzen sich vor Schmerzen an der Erde und schreien nach Wasser. Immer lichter werden die Reihen.

Er fährt fort:

Nach 30 Minuten ist der Gegner erreicht, und der Nahkampf beginnt. Furchtbar wüten Bajonett und Kolben. Die Wut ist entfacht, man kennt keine Schonung, Entsetzen packt die Russen in ihren Gräben. - Als sie alles verloren sehen, hissen sie weiße Tücher an den Bajonetten, ergeben sich willenlos, formieren sich selbst zu Kolonnen und lassen sich zu Hunderten durch einzelne Infanteristen in Gefangenschaft abführen.
Grab eines ungarischen Soldaten auf dem Soldatenfriedhof Łucna
Grab eines ungarischen Soldaten auf dem Soldatenfriedhof Łucna.

Gustav Adolf von Wulffen berichtet zwar von heftiger Gegenwehr, doch nach Churchill war das nur dort der Fall, wo es in Frontnähe Wald gab oder wo der Beschuß aufgrund des hügeligen Terrains nicht seine volle Wirkung entfaltet hatte. Die erste Verteidigungsinie sei beim ersten Vordringen erobert und die russischen Gegenangriffe abgewehrt worden, so Churchill. Nach harten Kämpfen, die den ganzen 2. Mai hindurch andauerten, wurde die zweite Verteidigungslinie ebenfalls erobert. Den Angreifern war es gelungen, die russischen Stellungen zu durchbrechen. Derartige Anfangserfolge glückten an der Westfront sowohl Engländern und Franzosen als auch den Deutschen. Beide Seiten verfügten dort jedoch über ein tiefgestaffeltes Verteidigungssystem, so daß der Angriff, sobald er die Reichweite der eigenen Artillerie verlassen hatte, ins Stocken geriet. Auch war es auf Grund des dichten Eisenbahnnetzes im Westen möglich, schnell Verstärkungen herbeizuschaffen. Beides stand den zaristischen Truppen im Osten nicht zur Verfügung. Weder verfügten sie über ein tiefgestaffeltes Verteidigungssystem, noch über gute Eisenbahnverbindungen. Während im Westen sowohl im Hinblick auf die Quantität der Geschütze als auch im Hinblick auf die Qualität der Truppen ein annäherndes Gleichgewicht herrschte, war das im Osten nicht der Fall.

Sven Hedin beschreibt den "ergreifenden Anblick", der sich ihm wenige Tage nach den Kämpfen in der russischen Hauptstellung bot:

In ihren Schützengräben lagen die Toten so dicht, daß man vor Leichen nicht vorwärts kommen konnte, sondern außerhalb des Grabens bleiben mußte. Die Gefallenen nahmen alle möglichen Stellungen ein, auf dem Rücken, vornüber gebeugt, auf der Seite, ineinander verschlungen. Abgetrennte Arme und Beine, ein Rumpf ohne Kopf, ein Kopf ohne Hirnschale, so stellt sich die eine Seite der furchterweckende Feuerwirkung der modernen schweren Artillerie dar.

Hedin bedient sich ebenfalls einer Naturmetapher, wenn er vom Artilleriebeschuß als einem "glühenden Eisenregen" spricht, dessen Wirkung auf die Kampfmorla der Verteidiger er wie folgt schildet:

Dazu kommt der moralische Druck, der sich auf alle Funktionen des Lebens erstreckt. Der Wille verliert seine Herrschaft über den Körper. Das Bewußtsein erlahmt, der Verstand vernebelt sich - weniger aus Todesangst, denn aus der entsetzlichen Gewißheit, daß es ihm nicht gelingt, seine Gedanken so schnell zu fassen wie die feindlichen Granaten Erwägungen, die man gerade erst anzustellen begonnen hat, wieder zunichte machen. Wenn ein Bajonettangriff dann nach einem Feuer solcher Art vorgetragen wird, geht er über menschliche Reste im doppelten Sinne hinweg.

Schließlich verstummt der Chronist angesichts des Massakers, mit dem er sich konfrontiert sieht:

Der Graben verschwand mit Leiche an Leiche nach oben im Wald auf der Hügelkette, wo die Fichten wie Zypressen auf einem Friedhof standen. Still und feierlich. Man spricht im Flüsterton und geht am besten für sich allein, um nichts sagen zu müssen. Und was sollte man im übrigen auch sagen!

Innerhalb von 6 Tagen verlor die russische Armee im engeren Bereich des Kampfgebietes 210.000 von rund 250.000 Soldaten, darunter 140.000 als Kriegsgefangene. Die Armee des zaristischen Generals Dimitrev wurde Churchill zufolge ausgelöscht. Die Sieger hätten 140.000 Gefangene gemacht und 100 Geschütze und 300 MG erbeutet. (Alexander Molter)

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Sehenswürdigkeit

Museum - Ausstellung von Erinnerungsstücken aus der Schlacht von Gorlice
ul. Wąska 7-9
38-300 Gorlice
Tel.: ś48 (0) 18 3522615
E-Mail: muzeum.pttk.gorlice@interia.pl

Karte

Gorlice - Museum Schlacht Tarnów-Gorlice, ul. Wąska 7-9, 38-300
Gorlice - Museum Schlacht Tarnów-Gorlice, ul. Wąska 7-9, 38-300 Gorlice (Google Maps)
  1. Einleitung Schlacht von Tarnów-Gorlice 1915
  2. Die Kriegslage im Frühjahr 1915
  3. Die Entscheidung für den Durchbruch bei Tarnow-Gorlice
  4. Die Kämpfe bei Gorlice
  5. Artillerievorbereitung
  6. Sturmangriff
  7. Das Schicksal der Stadt Gorlice
  8. Gründe für den Erfolg der Offensive
  9. Militärstrategische Folgen
  10. Politikstrategische Folgen
  1. Der Bericht eines britischen Militärbeobachters (mit Bild des dt. OB Mackensen)
  2. Karte mit dem Verlauf der Ostfront 1915
  3. Kurze Darstellung des Verlaufs der Schlacht von Tarnów-Gorlice mit Fotos

Anmerkungen

Literatur:
  • Rauchensteiner, Manfred: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Wien 1993
  • Stone, Norman: Gorlice-Tarnow, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg hrsg. von Gerhard Hirschfeld u.a., Paderborn u.a., 2003
  • Ders.: The Eastern Front 1914-1917, London u.a. 1975
  • Tile von Kalm, Oskar: Schlachten des Weltkrieges Bd. 30: Gorlice, Reichsarchiv (Hrsg.), Oldenburg i.O. 1930
  • Urbanski von Ostrymiecz, August: Conrad von Hötzendorf, Graz, Leipzig, Wien 1938.
  • Die Übersetzungen aus Churchill: The Unkown War und Hedin: Kriget mot Ryssland wurden vom Autor angefertigt.