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Kaschubei - Steinkreise von Węsiory

Von malerischen Wäldern der Kaschubei umrandet, unweit der alten Ordensstadt Bytow, liegt das kleine Dorf Węsiory. Etwa 2 km von diesem Dorf entfernt entdeckte man in den 20-er Jahren des 20. Jahrhunderts - auf einer sich über dem nord-westlichen Ende des Dugie-Sees erhebenden Anhöhe und in einem tiefen Wald versteckt - eine alte Begräbnisstätte. Sie besteht aus 4 Steinkreisen (von einem Durchmesser von 10 bis 30 m) und 20 Hügelgräbern, angelegt vor fast 2000 Jahren von dem Volk der Goten.

Steinkreise von Węsiory
Steinkreis von Węsiory. Fotos: Hilbert

Wer waren diese Menschen und wann kamen sie in das Gebiet der heutigen Kaschubei? Lassen wir einen Chronisten sprechen:

Von dieser Insel aus, Skandia genannt, einer Völkerschmiede oder einer Stammeswiege gleich, brachen die Goten einst mit ihrem König namens Berig auf. Bis heute erinnert man sich an dieses Ereignis. Dem Landstrich, den sie nach Verlassen ihrer Schiffe betraten, gaben sie sogleich einen Namen. Wie es heißt, wird dieses Gebiet noch heute Gothiskandia genannt. [1]

Die Goten waren ein germanischer Stamm, der zu Beginn der neuen Ära seine skandinavische Heimat verließ und bald die Weichselmündung (Gothiskandia) erreichte. Vermutlich in den 60-er Jahren des 1. Jahrhunderts n. Chr. ließen sich die Goten in dem damals unbewohnten Gebiet der heutigen kaschubischen Schweiz nieder. An schwere Lebensbedingungen in Nordeuropa gewohnt, wählten sie zu ihrer neuen Heimat einen Landstrich aus, dessen karger Boden zwar geringe landwirtschaftliche Erträge bot, die Wälder aber umso reicher an Tieren und essbaren Pflanzen waren.

Überall in der heutigen Kaschubei sind Spuren der Existenz der Goten in Form von Grabfeldern mit Steinkreisen und Hügelgräbern erhalten geblieben. Eines davon mit insgesamt 129 Gräbern befindet sich in Węsiory. Die Toten wurden hier unter künstlich aufgeschütteten Hügeln sowie auf ebenen Flächen zwischen den Hügeln bestattet. Manchmal verbrannten die Goten ihre verstorbenen Stammesangehörigen. Die Knochen wurden entweder in Tonurnen oder direkt in die Erde gelegt. Bei Erdbestattungen wurden die Toten in Rückenlage beerdigt. Der Kopf zeigte immer in Richtung Norden - ein Ritual, dessen Bedeutung heute im Dunkeln liegt. Während die Gräber der Männer schlicht waren, wurden die Frauen üppig für ihre letzte Reise ausgestattet. Als Grabbeigaben fanden die Archäologen Silber- und Bronzeschmuck (Broschen, Anhänger, Armreifen) und zahlreiche kleinere Tongefäße, gefüllt mit Lebensmitteln oder Perlen aus Glas und Bernstein. Der Friedhof zeichnet sich durch eine große Anzahl von Kindergräbern aus, eine Folge der hohen Kindersterblichkeit jener Zeit. (Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug damals ohnehin nur 35-40 Jahre.)

Über die Gründe der Entstehung der Steinkreise sind sich die Wissenschaftler nicht sicher. Es wird angenommen, dass sie den Familiensippen, die hier ihre toten Angehörigen begruben, als Gerichts- und Versammlungsorte dienten. Vermutlich waren die Zusammenkünfte mit uns unbekannten Ritualen verbunden. Erich von Däniken, Autor mehrerer Bestseller über sog. "prähistorische Astronauten", sieht dagegen in der Konstruktion der Steinkreise alte astronomische Observatorien oder gar Landeplätze von Besuchern aus dem Weltall. In den Volksüberlieferungen ranken sich um die Steinkreise zahlreiche Legenden, nach denen die Steinkreise magische Kräfte besitzen und eine geheimnisvolle Energie ausstrahlen sollen. Vielleicht haben die späteren Bewohner dieser Gegend - nach der Abwanderung der Goten - die Steinkreise aus diesem Grund gemieden und dazu beigetragen, dass die wertvollen Zeugnisse der gotischen Geschichte im Laufe der Jahrhunderte nicht zerstört wurden.
Über 150 Jahre lang lebten die Goten ungestört in dem Gebiet der heutigen Kaschubei. Etwa um das Jahr 200 n. Chr. entschlossen sie sich, weiter zu ziehen:

Weil der Stamm schnell an Größe zunahm, ordnete der wohl fünfte Nachfolger des Königs Berig nach einer Beratung an, die Gotenarmee solle mit ihren Familien weiter ziehen. (...) Es begab sich zu einer Zeit, als die römischen Thermen des Kaisers Caracalla fast fertig waren (...). [2]

Nicht das stetige Wachstum des Stammes allein trug zur Abwanderung der Goten bei, sondern vermutlich auch die schweren Lebensbedingungen. Die Goten zogen weiter in Richtung Südosten und erreichten im 3. Jahrhundert das Schwarze Meer, wo sie mit den Römern in Kontakt kamen. An der Wende zum 4. Jahrhundert kam es zu einer Aufspaltung des Volkes in Ost- und Westgoten. Im 5. Jahrhundert erreichten die Ostgoten Italien und gründeten dort einen eigenen Staat, die Westgoten dagegen drangen im 6. Jahrhundert bis zur Iberischen Halbinsel vor und errichteten dort ebenfalls einen Staat, der erst nach dem Einfall der Araber zu Beginn des 8. Jahrhunderts unterging. Auf diese Weise legte ein kleiner Stamm, dessen Mitglieder ca. 150 Jahre lang in Węsiory lebten, den Grundstein für den heutigen italienischen und spanischen Staat. (fh)

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(Węsiory), Polen24.09.2017 – 05:22 Uhr
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Anmerkungen

  1. Jordanes, Historia Gothorum, 25 (Jahr 551)
  2. Jordanes, Historia Gothorum, 25 (Jahr 551)

Quellen:

  • Tadeusz Grabarczyk: Goci w Węsiorach i kontekst historyczny: Kręgi kamienne i kurhany. Węsiory. Gmina Sulęczyno / woj. Pomorskie, Gdańsk-Sulęczyno 2003, S. 11-14
  • Herwig Wolfram: Die Goten und ihre Geschichte, München 2001
  • Henryk Paner: Cmentarzysko w Węsiorach: Kręgi kamienne i kurhany. Węsiory. Gmina Sulęczyno / woj. Pomorskie, Gdańsk-Sulęczyno 2003, S. 7-10
  • Erich von Däniken: Die Steinzeit war ganz anders. Bechtersmünz 2003