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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Ostern in Polen - Polnische Osterrezepte

Dem Napfkuchen sah man für gewöhnlich nicht an, wie viele Schweißperlen er der Hausfrau abverlangt hatte. Aus besten Zutaten angerührt, wurde der Teig mit Leinentüchern zugedeckt und an einem warmen Ort zum Gehen gestellt. Allen am Backvorgang unbeteiligten Familienmitgliedern – und insbesondere uns Kindern – wurde der Zutritt zur Küche strengstens untersagt. Schon der leiseste Luftzug konnte das mühsam gerührte Backwerk zusammen sacken lassen und die vorösterliche fröhliche Laune ruinieren.

Zwei Mädchen mit einem Osterhäschen

Um unsere unbändige Energie auf andere Bahnen zu lenken, nahm uns unsere Oma am Karfreitag bei der Hand und führte durch die zahlreichen Kirchen Lublins zu den symbolischen Gräbern Christi. In der Karwoche fanden keine Gottesdienste statt. In der Seitenkapelle einer jeden Kirche war eine Figur Christi aufgebahrt, umgeben von einem Blumenmeer und mit violetten Tüchern verhüllt, der liturgischen Farbe der Trauer. Die Dekoration der Gräber spielte häufig auf aktuelle zeitpolitische Themen an. Uns Kindern war es ein wenig unheimlich, dem in völliger Dunkelheit ertönenden Geflüster der Gebete zu lauschen. Nach mehreren Stunden Kirchen-Marathon waren wir froh, wieder zu  Hause zu sein, wo der fertige Napfkuchen schon auf dem Küchentisch abkühlte und einen unwiderstehlichen Duft durchs ganze Haus verströmte. Naschkatzen bekamen was auf die Finger, denn es war strengste Fastenzeit.

An Ostersonnabend hatte die Oma nun keine Zeit mehr für uns. Mir ihren Schwestern, Töchtern und Nachbarinnen in seltener Eintracht vereint kochte und buk sie, als ob es keinen Morgen gäbe. Die Männer machten sich währenddessen unsichtbar. Unsere Aufgabe war es wiederum, die festlich geschmückten Osterkörbchen mit bunten Eiern (meist ökologisch korrekt in Zwiebelschalen goldbraun gefärbt), Brot, Wurst und Salz zur Speisensegnung in die Kirchen getragen. Die Körbchen – wie überall in Polen - wurden in der Kirche auf eigens dafür aufgestellten langen Bänken drapiert. Der Priester ging die langen Reihen entlang, sprach ein kurzes Gebet und besprengte die Speisen mit Weihwasser.  Am Abend ging es früh zu Bett, denn am Ostersonntag begann ganz früh, noch in der Dunkelheit, die eine düstere Welt ohne das Christentum symbolisierte, die Auferstehungsandacht. Erst als der Priester eine Kerze zum Zeichen an das Licht des Glaubens durch die Kirche getragen hatte und nach und nach immer mehr Lichter angingen, durfte das Lied „Christus, unser Herr, ist auferstanden“ angestimmt werden. Ein Glockengeläut über der Stadt verkündete die Auferstehung Christi.

Ostern Rezept Mazurek
Mazurek - ein typisch polnischer Osterkuchen.

Mit knurrenden Mägen eilten wir nach dem Gottesdienst zum Osterfrühstück nach Hause. Nach der fast vierzigtägigen Fastenzeit durfte endlich ausgiebig und ungehemmt geschlemmt werden. Zuallererst nahm unsere Oma aus dem Körbchen mit den gesegneten Speisen ein Ei und teilte es in so viele Stücke, wie viele Familienmitglieder an der gedeckten Tafel saßen. Begleitet von Glück- und Segenswünschen aß jeder ein Stück davon. Diese Tradition soll – ähnlich dem Teilen der weihnachtlichen Oblate – an das letzte Abendmahl Christi erinnern und den Wunsch nach der Erneuerung der Vitalkräfte im Einklang mit dem Frühling symbolisieren. Zur traditionellen Ostertafel gehörten in unserer Familie wie in anderen polnischen Familien auch verschiedene Fleisch- und Wurstsorten, Osterbrot (hałka), das gebackene oder aus Zucker gefertigte Lamm, die Sauerteigsuppe (żurek wielkanocny), rote Bete mit Meerrettich (ćwikła) und zahlreiche Kuchensorten wie der Käsekuchen (sernik), Mohnkuchen (makowiec) und die typisch polnischen Osterkuchen wie Pascha und Mazurek. Natürlich durfte nun auch der sensible Napfkuchen (babka) endlich angeschnitten werden.

So sehr sie sich am Ostersonntag unter den strengen Augen von Müttern und Tanten gesittet am Tische benehmen musste, umso ausgelassener war die Kinderschar am darauffolgenden Montag. Am „Śmigus-Dyngus” war keiner vor uns sicher. On jung oder alt, alles, was sich nach draußen wagte, wurde erbarmungslos mit Wasser traktiert. Wo die Wurzeln dieser Tradition liegen, die früher eher ausschließlich in ländlichen Regionen verbreitet war, weiß man nicht mehr genau. Ihr Ursprung liegt vermutlich in der Taufe des polnischen Fürsten Mieszko I. im Jahr 966, die an einem Ostermontag stattgefunden haben soll. An diesem Tag nahm Polen offiziell das Christentum an. (fh)

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