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Kriegsgräberstätte Golm bei Swinemünde (Świnoujście)

Einen so weitläufigen Ausblick bis nach Swinemünde (Świnoujście) und das Stettiner Haff hatte ich nicht erwartet. Mit einer Höhe von fast 70 Metern ist der Golm die höchste Erhebung auf der Insel Usedom. Er befindet sich in einer malerischen Gegend nahe dem Dorf Kamminke, nur wenige Meter von der Grenze zu Polen entfernt. Der Name Golm leitet sich von dem slawischen Wort für Hügel ab. Im Mittelalter war ganz Usedom slawisches Siedlungsgebiet. Seit 1967 steht der Golm unter Naturschutz.
Es ist jedoch nicht die einzigartige Naturlandschaft des schmalen Landstreifens zwischen dem Stettiner Haff und der Ostsee, die mich in diese Region gelockt hat. Vom Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge habe ich erfahren, dass es direkt vor den Toren Swinemündes eine der größten Kriegsgräberstätten in Deutschland gibt.

Die Skulptur "Die Frierende" auf dem Friedhof Golm
Die Skulptur "Die Frierende" schuf der Bansiner Künstler Rudolf Leptien. Weil sie nicht in das ideologische Raster der herrschenden Sozialistischen Einheitspartei Deutschland (SED) passte, wurde sie erst 1984 auf dem Golm ausgestellt - von einer Bürgerinitiative. Foto: Frank Hilbert

Am 12. März 1945, nur wenige Wochen vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, flogen 661 Bomber der 8. US-Air Force einen taktischen Angriff auf die Stadt Swinemünde zur Unterstützung der aus Osten heranrückenden Sowjetischen Armee. Ziel des Angriffs waren der Hafen mit seinen militärischen Einrichtungen, den Werften und den vielen Kriegsschiffen. Neben Kiel war Swinemünde zu diesem Zeitpunkt der wichtigste deutsche Marinestützpunkt an der Ostseeküste. Innerhalb einer Stunde (zwischen 12 und 13 Uhr) warfen die US-amerikanischen Piloten über der Hafen- und Marinestadt 2.000 bis 3.000 Bomben[1], zumeist Sprengbomben, ab. Bei dem verheerenden Luftangriff starben etwa 4.500 Menschen[2]. Genaue Angaben sind nicht möglich, da sich in Swinemünde zur Zeit des Luftangriffs Tausende Menschen aus Hinterpommern, West- und Ostpreußen aufhielten, die auf der Flucht vor der Sowjetischen Armee waren. Die meisten der Flüchtlinge starben im Bereich des Kurparks und auf Schiffen im Swinemünder Hafen.

Aus Angst vor Seuchen hatte man die Toten nicht direkt in Swinemünde bestattet. Die Stadt liegt so tief, dass die Anlage von Massengräbern das Grundwasser verunreinigt und somit die Trinkwasserversorgung gefährdet hätte. Ihre letzte Ruhestätte fanden die Opfer aus diesem Grund in anonymen Massengräbern auf dem Golm, der vor dem Krieg ein beliebtes Erholungsgebiet der Swinemünder war. In den Massengräbern liegen auch Zwangsarbeiter aus Polen und den Niederlanden. Nur links vom Eingang der Gedenkstätte befinden sich 500 Gräber von Zivilisten, deren Identität bekannt ist.
Bereits seit 1943 hatte die deutsche Armee den Golm als Marine- und Soldatenfriedhof genutzt.

Überblick über die Gräberfelder auf dem Friedhof Golm:

  1. Marinefriedhof, der 1943 angelegt worden ist.
  2. Soldatenfriedhof, der ebenfall seit 1943 existiert.
  3. Friedhof für zivile Opfer, auf dem namentlich bekannte Swinemünder und Flüchtlinge ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, die beim Bombenangriff am 12. März 1945 umgekommen sind.
  4. Friedhof für Unbekannte, auf dem Soldaten, Einwohner der Stadt Swinemünde, Zwangsarbeiter und Flüchtlinge beerdigt sind, die ebenfalls beim Bombenangriff am 12. März 1945 ihr Leben verloren haben.

Aus einem Schreiben des Superintendenten Dr. Achterberg aus Demmin vom 20. Juni 1955 geht hervor, dass auf dem Golm ca. 10.000 Tote liegen[3].

Friedhof Golm bei Swinemünde
Grabkreuze auf dem Golmer Friedhof.

Die Kriegsgräberstätte, die heute über ein Gedenk- und Dokumentationszentrum verfügt und eine der Tragik des Ortes fast unangemessene idyllische Ruhe ausstrahlt, ist zu einem wichtigen Mahnmal gegen den Krieg geworden.
Das Zentrum des Friedhofs bildet ein Rundbau aus Beton, zu dem eine Treppe mit zwölf Stufen hinaufführt. Sie symbolisieren die dunklen Jahre der Herrschaft der Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 in Deutschland. Am Fuße der Treppe steht eine Skulptur des Bansiner Bildhauers Rudolf Leptien mit dem Namen "Die Frierende". Um die Gestaltung des Friedhofs haben sich in der früheren DDR die Vertreter der evangelischen Kirche, Bürger und die sozialistischen Machthaber gestritten. Die Skulptur, die Rudolf Leptien in den Jahren 1952 und 1953 schuf, durfte über 30 Jahre lang nicht aufgestellt werden, weil sie offensichtlich den ideologischen Maßstäben der SED nicht entsprach. Gegen die Skulptur aus staatlicher Sicht sprach auch, dass Leptien kurz nach Vollendung seines Werkes nach Westberlin geflohen war. Erst 1984 setzte sich eine Bürgerinitiative durch und stellte die Skulptur auf dem Friedhof auf.
Ein in den 1950-er Jahren von der evangelischen Kirche errichtetes 13 Meter hohes Holzkreuz wurde 1954 entfernt. Angeblich von unbekannten Tätern. Es folgte eine Umgestaltung des Friedhofs durch den SED-Staat ohne Einbeziehung der Kirchen. Den Rundbau am Ende der Treppe errichtete der Rostocker Künstler Wolfgang Eckardt im Auftrag der SED. Sein Entwurf sah ein Relief auf der Innenseite vor, das aber nicht zur Ausführung kam. Stattdessen empfangen den Besucher die Worte von Johannes R. Becher "Dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint".
Auch vorher schon war der Umgang der SED mit dem Friedhof würdelos. Bis in die 1950er Jahre hinein hatte die DDR das Friehofsgelände forstwirtschaftlich genutzt. Über Gräbern wurden Kiefern angepflanzt und an anderen Stellen wiederum Bäume gefällt. Ab 1951 wurde der Friedhof auf Initiative und mit personeller und finanzieller Hilfe der evangelischen Kirche wieder instandgesetzt.

Der Golm wird jährlich von rund 40.000 Menschen besucht. (fh)

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Landkarte von Polen mit Golm in Deutschland

Wetter

Swinemünde (Świnoujście), Polen21.10.2017 – 14:09 Uhr
Überwiegend bewölkt
SwinemündeWetter Polen13.52 °CLuftfeuchte: 82%
Luftdruck: 1014 hPa
Windgeschwindigkeit: 2.6 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Sehenswürdigkeit

Kriegsgäberstätte Golm
Dorfstr. 33
17419 Kamminke
Tel.: +49 (0) 38376 290-0
E-Mail: info@jbs-golm.de
Internet: www.jbs-golm.de

Karte

Swinemünde - Kriegsgäberstätte Golm, Dorfstr. 33, 17419
Swinemünde - Kriegsgäberstätte Golm, Dorfstr. 33, 17419 Kamminke (Google Maps)
  1. www.volksbund.de (Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.)

Anmerkungen

  1. Aus einem Bericht des Befehlshabers der Ordnungspolizei Stettin, Der Luftangriff auf Swinemünde, Helmut Schnatz, F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München 2004, S. 74
  2. Ebd., S. 138; Andere Quellen gehen von bis zu 23.000 Menschen aus, die beim Angriff der 8. US-Air Force ums Leben gekommen sind. Helmut Schnatz nennt die Zahl von "höchstens etwa" 4.500 Toten und begründet sie plausibel.
  3. Ebd., S. 117