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Weberhäuser in Schömberg (Chełmsko Śląskie)

Nach dem Dreißigjährigen Krieg lag die Wirtschaft in Niederschlesien danieder. Um sie wieder anzukurbeln, legten die Zisterzienser des Klosters Grüssau in ihren Gütern ein Konjunkturprogramm auf, das Reformen in der Landwirtschaft vorsah und die Leinenweberei in ihren Domänen förderte. Ein Beispiel ist Schömberg (Chełmsko Śląskie), wo die Mönche 1707 und 1736 insgesamt 19 Häuser für Weber bauen ließen, die sogenannten "12 Apostel" und "Sieben Brüder". 12 der historischen in Holzbauweise errichteten Häuser mit ihren typischen Schindeldächern und vorspringenden Giebeln sind noch erhalten.

Fassaden der Weberhäuser in Schömberg (Chełmsko Śląskie) Polen Fotos
Von den ursprünglich 12 Weberhäusern aus dem Jahr 1707 sind noch 11 erhalten. Fotos: Frank Hilbert

Die niedrige Eingangstür führt in einen kleinen Flur mit niedrig hängender Holzdecke. In der winzigen Küche gleich rechts hinter der Haustür sitzt eine ältere Frau mit ihrem erwachsenen Sohn zu Tisch. Es ist Mittagszeit. Sie blicken nur kurz auf, als der Hausherr die Besucher in die Wohnstube führt, in die nur spärliches Licht durch die kleinen Fenster fällt, obwohl die Sonne diesen heißen Julitag in ein gleißendes Licht taucht. Dafür ist es hier angenehm kühl. Auf dem Tisch und auf dem Sofa sind Tischdecken und Leinentücher in den unterschiedlichen Größen, Geschirrhandtücher und Wandtücher, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts modern waren, ausgebreitet. Jedes einzelne Stück ist mit einem Preisschild versehen. Die Familie scheint ihren Lebensunterhalt mit dem Verkauf der Textilwaren, die in den nahegelegenen Textilfabriken produziert werden, zu bestreiten oder sich zumindest ein wenig Geld dazuzuverdienen.
Wir sind in einem der Weberhäuser im niederschlesischen Schömberg, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts errichtet worden sind. Von den ursprünglich 12 Häusern, den "12 Aposteln", sind noch 11 erhalten. Von ihnen steht nur noch ein Haus. Ihre vorspringenden Giebel und die darunterliegenden Lauben schützen die Eingänge vor extremer Witterung. Das Innere war aufgeteilt in einen Wohnbereich und in eine Werkstatt. In den winzigen Häusern haben kinderreiche Familien gelebt und gearbeitet. Ihr Leben war ärmlich, besonders seit dem Ende des 18. Jahrhunderts.  

Nach dem Dreißigjährigen Krieg, der zwischen 1618 und 1648 in Europa tobte, befand sich die Wirtschaft in einer tiefen Rezession. Schömberg gehörte damals dem Zisterzienserkloster im nahegelegenen Grüssau. Um die Wirtschaft wieder anzukurbeln, richteten die Mönche 1698 einen Leinenmarkt in Schömberg ein und bauten 1707 die "12 Apostel" und "Sieben Brüder". 1736 entstanden sieben weitere Weberhäuser, die "Sieben Brüder", für eingewanderte Damastweber aus Bayern. Ein wichtiger Absatzmarkt für Leinenprodukte waren die Habsburger Länder. Das änderte sich 1742, als Schlesien zusammen mit Schömberg an Preußen ging. Damit befand sich der Ort in einer Grenzlage mit der Folge, dass die Leinenhändler von ihren traditionellen Kunden im Habsburger Reich abgeschnitten waren.
Gegen Ende der Regierungszeit von Friedrich II. (1712–1786) erreichte der Handel mit schlesischen Leinenwaren zwar noch einmal eine Blütezeit durch die Erschließung neuer Absatzmärkte. Exportiert wurden sie nach ganz Europa und bis nach Übersee. Aber der Lebensstandard sank so stark, dass 1793 in Schömberg, Liebau und Landeshut der erste Weberaufstand ausbrach. Es entstand eine revolutionäre Stimmung, die durch die Französische Revolution noch weiter angeheizt wurde. Unmittelbarer Auslöser der Unruhen waren die "unchristlichen Wucher"-Preise der Händler. Als sich Weber über die niedrigen Aufkaufpreise ihrer Waren beschwerten, erhielten sie von einem Kaufmann die flapsige Antwort: "Ihr könnt Heu und Stroh fressen."

Laubengang der Weberhäuser in Schömberg (Chełmsko Śląskie)
Die vorspringenden Giebel der Weberhäuser bilden eine Laube, die im Sommer angenehm kühlen Schatten spendet. Die Häuser wurden liebevoll restauriert.

Der Aufstand wurde niedergeschlagen und die Anführer bestraft. Es trat Ruhe ein. Die sozialen Verhältnisse besserten sich jedoch nicht. Das lag daran, dass sich in den folgenden Jahrzehnten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verschlechterten und damit der Handel mit schlesischen Leinenwaren immer schwieriger wurde. Dazu trugen die von Napoleon 1806 gegen Großbritannien verhängte Kontinentalsperre und die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts von Russland gegen Preußen verhängte Grenzsperre bei. Auf der anderen Seite gelang es den Webern in Schlesien nicht, die Produktionskosten durch eine Modernisierung der Leinenproduktion zu senken. Ihnen fehlte das Geld für die teuren Investitionen. 1830 soll es nur eine mechanische Flachsspinnerei gegeben haben. Die modernen englischen Webereien und Spinnereien konnten nach der Beendigung der Kontinentalsperre den europäischen Markt mit ihren preiswerteren Erzeugnissen erobern. Preußen lehnte Schutzzölle zugunsten der schlesischen Weber ab und beharrte auf dem „Grundsatze des unbeschränkten Verkehrs“.
Als 1852 in Breslau eine schlesische Industrieausstellung eröffnet wurde, beschrieb ein Reporter der Londoner Times den Zustand der Leinenproduktion, die Preußen inzwischen mit Schutzzöllen vor der ausländischen Billigkonkurrenz schützte, und die sozialen Verhältnisse wie folgt:

In Schlesien will man dem Beispiel des Kristallpalastes folgen, wird es dort doch bald unter einem Glasdach eine Ausstellung schlesischer Erzeugnisse geben. Das ist sehr viel treffender, als ihre Planer wahrscheinlich erkannt haben, ist doch die gesamte Leinenfabrikation Schlesiens, die auf der Handweberei beruht, eine Treibhauspflanze, die nur durch hohe Importzölle auf die weit überlegenen Erzeugniss Manchesters vor dem Aussterben bewahrt wird ... Schlesien bleibt das Irland Preußens.[1]

Ein anderer Augenzeuge der damaligen Lebensverhältnisse war Alexander Schneer. Er bereiste im Auftrag des Breslauer "Vereins zur Abhilfe der Noth unter den Webern in Schlesien" die Weberdistrikte Langenbielau und Peterswaldau und verfasste einen Bericht "Über die Noth der Leinenarbeiter in Schlesien und die Mittel ihr abzuhelfen", der 1844 von einem Berliner Verlag gedruckt wurde:

Man wird sich am Leichtesten den Zustand denken können, wenn man erwägt, dass für Hunderte, ja Tausende dieser unglücklichen Familien der tägliche Erwerb von 9 Pfennigen bis 1 Silbergroschen, 3 Pfennige, den Mann, Frau und ein Kind erarbeiten, oft für sechs Köpfe ausreichen soll.

1844 brach in Schlesien erneut ein spontaner Weberaufstand aus, dessen Zentrum sich im Peterswaldau (Pieszyce) im Eulengebirge befand und den das preußische Militär brutal niederschlug. 11 Tote und 20 Verletzte beklagten die Weber. Es war die Hungerrevolte, die Gerhart Hauptmann zum Thema seines Dramas „Die Weber“ machte, das am 26. Februar 1893 in Berlin privat vor den Mitgliedern des Theatervereins "Freie Bühne" aufgeführt wurde. Die geplante Uraufführung ein Jahr zuvor hatte das Berliner Polizeipräsidium verboten.

Sehenswürdigkeiten

  • Weberhäuser "12 Apostel", 1707 von Zisterziensermönchen aus Grüssau errichtet, ul. Sądecka 17
  • Ein einzelnes Weberhaus steht in der ul. Kamiennogórska 21. Es gehörte zu einem Komplex von Weberhäusern, den "Sieben Brüder",  die 1763 für eingewanderte bayrische Damastweber errichtet worden waren. Drei der Häuser fielen 1952 einem Brand zum Opfer.
  • Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein Barockhaus, in dem sich früher einmal ein Webereimuseum befand.

Informationen für Touristen

Die Weberhäuser in der ul. Sądecka sind nur wenige Gehminuten vom Markt in Schömberg entfernt, wo es Parkmöglichkeiten gibt. Schömberg ist von Glatz (Kłodzko) 60 km, von Krummhübel (Karpacz) 40 km und von Waldenburg (Wałbrzych) 28 km entfernt.
Wer sich über die Arbeits- und Lebensbedingungen der Weber informieren möchte, kann das Museum der Schlesischen Weberei in Landeshut (Kamienna Góra), plac Wolności, besuchen. (fh)

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Sehenswürdigkeit

Weberhäuser von 1707
ul. Sądecka
58-407 Chełmsko Śląskie

Anmerkungen

  1. Norman Davies und Roger Moorhouse, Die Blume Europas, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München, S. 282

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