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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Waldenburg (Wałbrzych) - Niederschlesien, Polen

Waldenburg (Wałbrzych) ist mit seinen 140.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Niederschlesiens und ein bedeutendes Industriezentrum. Die Stadt liegt malerisch im Waldenburger Bergland. Zahlreiche Monumente der Technik aus der Zeit, als Waldenburg ein Zentrum des Bergbaus war, sind erhalten. Die wohl größte Sehenswürdigkeit ist jedoch das Schloss Fürstenstein mit einer beeindruckenden Parkanlage.

Alte Mine (Stara Kopalnia)Polen Fotos
In der stillgelegten Alte Mine (Stara Kopalnia) informiert ein Museum über die Geschichte des Bergbaus in Waldenburg. Fotos: Frank Hilbert

"Die Standesbeamtin sagte, sie könne uns auch auf Deutsch trauen. Aber sie dürfe es nicht", erinnert sich Heinz, ein rüstiger Rentner aus dem Saarland. Das Benutzen der deutschen Sprache, der Sprache der Nationalsozialisten, war in der frühen Nachkriegszeit in Polen in der Öffentlichkeit verboten. Heinz ist gebürtiger Waldenburger und hat seine Frau nach dem Zweiten Weltkrieg in der einstigen deutschen Stadt kennengelernt, die seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zu Polen gehört und seitdem den Namen Wałbrzych trägt. "Ich bin aus der Altstadt und meine Frau aus der Neustadt", fügt er noch hinzu, ohne zu erklären, was daran so Besonderes sei.
Nun ist er nach Wałbrzych gekommen, um seiner Tochter und seinem Schwiegersohn seine Geburtsstadt zu zeigen. Einquartiert haben sie sich in einer Pension östlich von Waldenburg, zwischen sanften Hügeln, über denen abends die Sonne untergeht und die einsamen Wölkchen am Himmel in ein rotes Licht taucht. Der rüstige Rentner kommt ins Erzählen und die Erinnerungen sprudeln nur so aus ihm heraus, während seine Frau einen Meter hinter ihm steht und lächelnd zuhört. Die Familie von Heinz wollte nach dem Krieg Waldenburg in Richtung Deutschland verlassen, durfte es aber nicht, weil der Vater ein erfahrener Bergmann war, der in einer der Steinkohlegruben in Waldenburg dringend gebraucht wurde. Keine leichte Zeit seien die Jahre nach dem Krieg gewesen. "Ich habe damals kein Polnisch gesprochen und deutsche Kinder wurden gehänselt."

Polnisch unter Tage gelernt

Seit dem frühen 16. Jahrhundert wurde in Waldenburg Steinkohle abgebaut. Im Zuge der Industrialisierung im 19. Jahrhundert entwickelte sich der Bergbau zum wichtigsten Industriezweig der Stadt und ist es bis in die 1990er Jahre geblieben.
Nach dem Krieg herrschte absoluter Fachkräftemangel, weil viele deutsche Bergleute das Gebiet verlassen hatten und für die neuen polnischen Einwohner der Bergbau Neuland war. Eine sofortige "Repatriierung" (Rückholung ins Vaterland), wie beschönigend und bewusst verfälschend im Nachkriegspolen sowohl die Zwangsumsiedlung der Polen aus dem seit Kriegsende zur Sowjetunion gehörenden polnischen Staatsgebiet als auch die Vertreibung der Deutschen nach Westen genannt wurde, der deutschen Spezialisten hätte den Zusammenbruch der hiesigen Wirtschaft bedeutet. Die polnischen Behörden verweigerten deshalb deutschen Bergleuten – wie dem Vater von Heinz - die Ausreise. Also blieben sie mit ihren Familien. Zu Beginn der 1950er Jahre entfalteten sich sogar deutschsprachige Aktivitäten auf dem Gebiet der Kultur und in den Kirchen. In den Schulen wurde auf Deutsch unterrichtet und die Lehrer verwendeten deutschsprachige Schulbücher.[1] Heinz zum Beispiel besuchte ab 1950 eine Bergbauschule. "Der Unterricht", erinnert er sich, "war auf Deutsch." Polnisch habe er erst nach dem Abschluss seiner Lehre gelernt, in einer polnischen Jugendbrigade unter Tage. Deutsche Waldenburger erhielten später auf Wunsch sogar die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und durften trotzdem in Polen bleiben.

Strukturwandel

Der Bergbau ist Geschichte. In den 1990er Jahren wurden die unrentablen Zechen und die meisten der vom Bergbau lebenden Betriebe geschlossen. Fast die gesamte Stadt war plötzlich arbeitslos. Nur die traditionsreichen Porzellanfabriken produzierten noch weiter. Die grauen bröckelnden Fassaden der Häuser symbolisierten in jenen Jahren die schwere Wirtschaftskrise. Nur mühsam gelang die Ansiedlung neuer Unternehmen in Waldenburg, angelockt durch besonders niedrige Löhne und Steuervorteile.
Heinz sitzt mit seiner Familie bei einem Glas Bier auf der Terrasse der Pension. Am Horizont zeichnen sich - ganz klein - die Umrisse von modernen schnörkellosen Industriebauten ab. Toyota und Autozulieferer produzieren hier seit Beginn des 21. Jahrhunderts. "Es gibt gut ausgebildete Fachkräfte, die Löhne sind niedrig und es ist über die Autobahn nicht weit bis nach Deutschland", erläutert ein deutscher Ingenieur, der für einige Tage nach Waldenburg gekommen ist, um Fließbänder in einer der neuen Fabriken einzurichten. Er sitzt mit einem Kollegen an einem der Nachbartische und schaufelt einen großen gemischten Salat mit Hühnchen in sich hinein. "Die Autoteile werden hier billig produziert und per LKW just-in-time an die Autofabriken in Europa ausgeliefert. Das ist Globalisierung." Dass die polnische und die deutsche Wirtschaft inzwischen eng miteinander verflochten sind, zeigt sich auch an einem der Nachbartische. Die vier Monteure aus Dresden, die hier beim Abendbrot zusammensitzen, kommen regelmäßig nach Waldenburg, um in den umliegenden Steinbrüchen die Maschinen zu warten und zu reparieren.

Neoklassizistisches Rathaus in Waldenburg (Wałbrzych)
Das neoklassizistische Rathaus von Waldenburg.

Sehenswürdigkeiten

Als weitere Einnahmequelle setzt Waldenburg auf den Tourismus. Die Stadt kann ihren Besuchern einiges bieten. Teile der historischen Innenstadt sind für den Fahrzeugverkehr gesperrt, so die mit Kopfstein gepflasterte ul. Gdańska, die den Markt (Rynek) mit dem pl. Magistracki verbindet. Prunkvolle Bürgerhäuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert säumen den Markt. Über die Geschichte des Bergbaus informiert die Alte Mine (Stara Kopalnia), und für die Besichtigung des Schlosses Fürstenstein im Norden der Stadt mit seinen ausgedehnten Parkanlagen, seinem Gestüt und dem Palmenhaus sollte mindestens ein Tag eingeplant werden. Nicht nur die Geschichte des Schlosses ist interessant, sondern auch die Familiengeschichte der letzten Besitzer aus dem Adelsgeschlechts derer von Hochberg. Ihre vielen Skandälchen wären heute ein gefundenes Fressen für die Klatschpresse. Der Schlossherr Hans Heinrich XV. Fürst von Pless, Graf von Hochberg heiratete 1925 in zweiter Ehe die Spanierin Clothilde de Silva y Gonzalez de Candamo, die eine Liebschaft mit ihrem Stiefsohn Conrad (Spitzname Bolko) einging. Hans Heinrich XV. ließ sich scheiden und zwang seine Ex-Frau Bolko zu ehelichen. Zu Geschichte gehört auch das gespannte Verhältnis der Familie zu den Nationalsozialisten, das in der Beschlagnahme des Schlosses durch die Nazis gipfelte. Sie begannen in den Fels, auf dem das Schloss Fürstenstein steht, Bunker und Gänge als Teil des Komplexes Riese zu graben, von denen einige heute besichtigt werden können.

Doch zurück zur Innenstadt von Wałbrzych. Erwähnenswert ist hier das zwischen 1813 und 1879 im neogotischen Stil errichtete Rathaus, für das Hermann Friedrich Waesermann die Pläne entworfen hat. Die beiden größten Kirchen der Stadt sind die katholische Schutzengelkirche und die nur wenige hundert Meter von ihr stehende evangelische Kirche. Während Erstere in den Jahren von 1900 bis 1904 im neogotischen Stil errichtet worden ist, entstand die evangelische Kirche im Stil des Klassizismus bereits zwischen 1785 und 1788 nach Plänen des Architekten Carl Gotthard Langhans. Wie der Name Stary Zdrój (früher Altwasser) schon suggeriert, handelt es sich bei dem 1929 in Waldenburg eingemeindeten Stadtteil um einen Kurort mit Heilquellen. Die architektonischen Highlights sind das einstige Kurhaus (Löwenburg) mit seiner klassizistischen Fassade und die imposante Trinkhalle am Kurpark.

1956 durften Heinz, seine Frau und seine Eltern Polen verlassen. Im Saarland hat er im Bergbau und die letzten Jahre vor der Rente in einer Schraubenfabrik gearbeitet. Nach Waldenburg ist er für eine Woche zurückgekehrt, in der er mit seiner Familie die Stationen seiner Kindheit und Jugend in der niederschlesischen Stadt abgelaufen ist. Seine Tochter hat die wichtigsten Momente mit ihrer Videokamera festgehalten und sich fest vorgenommen, die Aufnahmen Zuhause in Deutschland zu einem Film über ihren Vater zusammenzuschneiden. „Das war wohl der letzte Besuch in meiner Geburtsstadt”, sagt er kurz vor seiner Abreise ins Saarland. (fh)

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Waldenburg (Wałbrzych), Polen21.10.2017 – 05:13 Uhr
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WaldenburgWetter Polen13 °CLuftfeuchte: 87%
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Wirtschaft

Autozulieferindustrie, Tourismus, Porzellanherstellung

Einwohner

ca. 117.000 (Stand 2014)

Sehenswürdigkeit

Porzellanmuseum Waldenburg (Muzeum Porcelany w Wałbrzychu)
ul. 1 Maja 9
58-300 Wałbrzych
Tel.: +48 74 6646030
E-Mail: muzeum@muzeum.walbrzych.pl
Internet: muzeum.walbrzych.pl

Touristeninformation

Centrum Informacji Turystycznej‎ i Kulturalnej w Wałbrzychu
Rynek 9
58-300 Wałbrzych
Tel.: +48 74 6666068
E-Mail: cit@starakopalnia.pl
Internet: cit.walbrzych.pl

Karte

Waldenburg (Wałbrzychu), Rynek 9, 58-300
Waldenburg (Wałbrzychu), Rynek 9, 58-300 Wałbrzych (Google Maps)

Anmerkungen

  1. Nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) am 7. Oktober 1949 und der Anerkennung der "Oder-Neiße-Friedensgrenze" im Görlitzer Abkommen vom 6. Juli 1950 durch die DDR änderte die polnische Regierung ihre Politik gegenüber der deutschen Minderheit. Das Politbüro des Zentralkomitees der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (Polska Zjednoczona Partia Robotnicza, PZPR) erlaubte 1950 per Beschluss in Orten in Niederschlesien und in Hinterpommern, in denen der Anteil der deutschen Bevölkerung hoch war, die Gründung deutscher Schulen und die Verwendung von Schulbüchern aus der DDR.