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Konzentrationslager Groß-Rosen in Niederschlesien, Polen

1940 gründete die Schutzstaffel (SS) das Kontrationslager (KZ oder KL) Groß-Rosen, dessen Insassen in einem der SS gehörenden Granitsteinbruch arbeiten mussten. In den ersten beiden Jahren gehörte Groß-Rosen zu den kleineren Konzentrationslagern, bis zu dem Zeitpunkt, als die Nationalsozialisten KZ-Häftlinge verstärkt in der Rüstungsproduktion einsetzten. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gehörten zum KZ Groß-Rosen neben dem Stammlager 99 Außenlager. Insgesamt waren hier rund 125.000 Menschen inhaftiert, von denen etwa 40.000 ermordet wurden. Als Juden Verfolgte bildeten die größte Gruppe, gefolgt von Polen.

Das Eingangstor zum KL Groß-RosenPolen Fotos
Das Haupttor und die ehemalige SS-Kantine des Konzentrationslagers Groß-Rosen. In beiden Gebäuden informieren Ausstellungen über die Geschichte des KZ. Fotos. Frank Hilbert

Ein kleines Stück Gummi in einem Vitrinenkasten, die Ränder nicht mehr gerade, ausgefranst. Aus dem Gummirest ragen Buchstaben empor, die so stark verwittert sind, dass sie kaum noch zu entziffern sind. „Das ist das historisch wertvollste Stück in unserer Ausstellung“, sagt die Museumsführerin und beobachtet die Besucher, wie sie sich interessiert über das kleine Fragment beugen. Nach einigen Augenblicken wandern ihre Blicke nach oben. Über der Vitrine hängt eine Tafel mit einem um das Vielfache vergrößertem Foto vom Ausstellungsstück und den wieder sichtbar gemachten Buchstaben: „Leiche am ... um ... Uhr dem Krematoriumswärter übergeben. Im Dienstbuch eingetragen.“ Deutscher Ordnungssinn, praktiziert vor über 70 Jahren im Konzentrationslager Groß-Rosen nördlich von Waldenburg (Wałbrzych) in Niederschlesien. Der Stempel wurde nach dem Krieg auf dem Gelände des Konzentrationslagers gefunden und liegt nun – neben 300 anderen Fundstücken – in einer Vitrine im Keller der ehemaligen Häftlingsweberei. Die Luft hier ist trocken und wohltemperiert. Die gemauerten Wände sehen frisch saniert aus. Die Ausstellungsstücke sind in modernen Glasvitrinen ausgestellt und professionell ausgeleuchtet. Über dem gemauerten Keller befand sich früher das aus Holz zusammengezimmerte Erdgeschoss, das nicht mehr existiert.

Die SS kauft Granitsteinbruch bei Groß Rosen

Das KL Groß-Rosen wurde 1940 als Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen von den Nationalsozialisten eröffnet und 1941 zum eigenständigen Konzentrationslager umgewandelt. Die SS unter ihrem Chef Heinrich Himmler wollte vom erwarteten Bauboom im Deutschen Reich, der durch die Umsetzung von nationalsozialistischen Prestigebauten in Großstädten wie Berlin, Breslau und Nürnberg zu erwarten war, profitieren. Deshalb kaufte die „SS Deutsche Erd- und Steinwerke GmbH“ für 500.000 Reichsmark die Granitwerke Alfons Hay in der Nähe des kleinen Ortes Groß Rosen (Rogoźnica) und übernahm deren 214 Mitarbeiter, die in den folgenden Jahren die qualifizierten Arbeiten im Granitsteinbruch ausführten. Die Lagerhäftlinge mussten als Arbeitssklaven schwerste körperliche Arbeit leisten. Im Steinbruch arbeiteten 1940 im Durchschnitt 80 Häftlinge. Ihre Zahl stieg bis zum Jahr 1943 auf durchschnittlich 633 an.
Unter den Häftlingen befanden sich politisch und rassisch Verfolgte. Hier ein Beispiel: Ein Transport, der am 1. Mai 1941 im KL Groß-Rosen eintraf, bestand aus 271 Polen, 110 Schutzhäftlingen (Deutschen und Tschechen), 73 „Asozialen“, zwei Homosexuellen, einem Bibelforscher (Zeugen Jehovas), einem Emigranten und 255 deutschen „Berufsverbrechern“. Die kriminellen Häftlinge waren ein für die Nationalsozialisten wichtiges Glied in der „Häftlingsselbstverwaltung“. Sie wurden vorrangig als Blockälteste, Kapos und Stubenälteste eingesetzt, weil sie brutal gegen ihre Mithäftlinge vorgingen. Die sogenannten „Funktionshäftlinge“ waren Teil des Unterdrückungsapparates in den deutschen Konzentrationslagern.

Eingangstor zum KL Groß-Rosen
Blick in den Granitsteinbruch, in dem tausende Häftlinge während des Zweiten Weltkrieges als Arbeitssklaven arbeiten mussten.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen

Die Touristen sind mit der Museumsmitarbeiterin, die sie über das ehemalige Lagergelände führt, in einen Raum einer wiederaufgebauten Holzbaracke gegangen, der vollgestellt ist mit dreistöckigen Betten. Die Gruppe besteht überwiegend aus Polen, aber auch zwei holländische Ehepaare mit ihren Kindern im Teenageralter und zwei Spanier sind darunter. Die Kommunikation klappt ausgezeichnet. Ein Pole übersetzt ins Holländische und ein Holländer weiter ins Spanische und wieder zurück. Europäische Zusammenarbeit. Der Blick eines holländischen Familienvaters fällt in den Raum mit den Bettgestellen. Ungläubig schaut er die Museumsmitarbeiterin an: „Waren die Betten wirklich alle belegt?“ Es müssen – grob geschätzt – zweihundert Menschen gewesen sein, die in dem kleinen Raum geschlafen haben.
Die Arbeitsbedingungen für die Häftlinge in Groß-Rosen waren unmenschlich. Morgens um 6 Uhr begann die Arbeit im Steinbruch und dauerte bis 18 Uhr, in den Sommermonaten auch bis 20 Uhr. Mit Spitzhacken mussten die Häftlinge die Granitbrocken brechen und anschließend in Loren abtransportieren oder tragen. Andere polierten Steinplatten oder stellten Straßenpflastersteine unter der Aufsicht von Kapos her. Erfüllten die Gefangenen ihre Norm nicht, ruhten sich aus oder brachten Loren zum Entgleisen, wurden sie von den Kapos oder SS-Wachmannschaften mit Fußtritten malträtiert oder brutal verprügelt. Es kam häufig vor, dass Häftlinge sich das Leben nahmen, um der Marter zu entkommen.
Die schweren Arbeitsbedingungen und die spärliche Verpflegung führten dazu, dass die Häftlinge innerhalb kürzester Zeit völlig ausgemergelt waren. Von den 200 im Juni 1942 im Steinbruch eingesetzten Inhaftierten zum Beispiel waren im Dezember 1942 nur noch 30 arbeitsfähig.

Unter dem Terror der SS-Wachmannschaften und Funktionshäftlinge hatten besonders die Juden zu leiden. Sie waren in einer gesonderten Baracke (Block 4) einquartiert und mussten oft noch länger arbeiten als die anderen Inhaftierten. Zudem wurden sie ausschließlich für die schweren Arbeiten im Steinbruch oder bei Bauarbeiten eingesetzt. Die Möglichkeit, in einer Schreibstube oder in der Küche zu arbeiten oder für eine andere leichtere Arbeit eingeteilt zu werden, hatten sie nicht.
1942 gab die nationalsozialistische Führung die Anweisung, die Konzentrationslager im Reichsgebiet „judenfrei“ zu machen. Daraufhin wurden die jüdischen Häftlinge aus Groß-Rosen in die Konzentrationslager Auschwitz und Majdanek bei Lublin deportiert.
Insgesamt waren wischen 1940 und Oktober 1942 in Groß-Rosen knapp unter 300 Juden inhaftiert.

Die Gefangenen im Stammlager, die an den Folgen der katastrophalen Arbeits- und Lebensbedingungen starben, mit Phenolspritzen ermordet, auf dem Stellplatz erhängt, an der Todeswand erschossen oder zu Tode geprügelt wurden, verbrannte man in der ersten Zeit in einem mobilen Krematorium. Später errichteten die Nationalsozialisten einen festen Bau für das Krematorium.

Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie

1942 begannen die Nationalsozialisten, Häftlinge des Konzentrationslagers Groß-Rosen auch für die Produktion von Rüstungsgütern und bei militärischen Bauvorhaben auszubeuten. Die Gefangenen arbeiteten in Steinbrüchen, im Straßenbau und für Industriebetriebe, unter denen sich Namen wie Siemens, Krupp und die IG-Farben fanden. In diesem Zusammenhang eröffnete man bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges etwa 100 Außenlager in Niederschlesien, dem damaligen Reichsgau Sudetenland und im Mittelodergebiet. Mit der Erweiterung stieg auch die Zahl der Gefangenen rapide an.
Zu den größten Außenlagern zählte das mit dem Namen „Riese“. Ab dem Jahr 1943 planten die Nationalsozialisten im Eulengebirge bei Waldenburg den Bau von unterirdischen Rüstungsproduktionsstätten und eines neuen Führerhauptquartiers (FHQ), das das von der heranrückenden Ostfront bedrohte FHQ Wolfsschanze in Masuren ersetzen sollte. Das gesamte Projekt ist unter dem Namen „Komplex Riese“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Für den Bau wurden überwiegend Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Außenlager Riese bestand aus vier großen und 12 kleineren, in der Nähe der Baustellen errichteten, Lagern.
Ab Ende 1943 kamen wieder Juden als Arbeitssklaven zum Einsatz, jedoch nur in den Außenlagern. Sie stammten zum überwiegenden Teil aus Ungarn und Polen. Erst im Zuge der Evakuierung des KZ Auschwitz Ende 1944 trafen wieder Judentransporte im Stammlager ein. Zu den prominentesten Gefangenen gehörte Simon Wiesenthal, der es sich nach dem Krieg zur Lebensaufgabe gemacht hat, untergetauchte Naziverbrecher aufzuspüren.

Eine Ausnahme unter den Außenlager stellte das Lager in Brünnlitz (Brněnec) in der heutigen Tschechischen Republik dar. Oskar Schindler bestach die SS mit Geld und erhielt die Erlaubnis, seine Fabrik von Krakau (Kraków) nach Brünnlitz zu verlegen und seine jüdischen Mitarbeiter mitzunehmen. Dafür setzte er sein gesamtes Vermögen ein und rettete auf diese Weise das Leben der „Schindlerjuden“, wie sich die Überlebenden selbst nannten.

Überall, wo Arbeitskräftemangel herrschte, kamen Zwangsarbeiter zum Einsatz, auch in der Forschung. Im Stammlager wurde im Juni 1944 die „Wetterstelle“ eröffnet, in der gefangene Wissenschaftler und Ingenieure Hochfrequenzforschung betrieben, die unter anderem die Grundlage für die Entwicklung von Radarsystemen war. Auf diesem Gebiet war das Deutsche Reich den Alliierten weit unterlegen. An was genau die Gefangenen forschten, ist jedoch nicht bekannt. Die Häftlinge dieses Sonderkommandos kamen aus ganz Europa: aus der Sowjetunion, aus Polen, Holland, Griechenland, Armenien und Kroatien. Ende 1944 gehörten zudem drei jüdische Wissenschaftler der Gruppe an.

Frauen im Konzentrationslager

Eine Besonderheit in der Geschichte des KZ Groß-Rosen ist die große Zahl weiblicher jüdischer Häftlinge. Von 1944 bis 1945 durchliefen die Außenlager rund 23.000 Frauen. Zu den Frauenlagern gehörte das in Trautenau (Trutnov, damals Reichsgau Sudetenland) am Fuße des Riesengebirges in der heutigen Tschechischen Republik. Unter dem „SS-Sonderkommando Trautenau“ waren sieben Lager organisatorisch zusammengefasst: Bernsdorf (Bernartice u Trutnova), Gabersdorf (Libeč), Liebau (vermutlich Libina), Ober Altstadt (Horní Staré Město), Ober Hohenelbe (Horni Vrchlabí), Parschnitz (Trutnov-Poříčí) und Schatzlar (Žacléř). Die meisten Frauen des Sonderkommandos in Trautenau arbeiteten in der Textilindustrie. Einige waren für Firmen tätig, die Panzerketten, Flugzeugteile, Teile für Radioapparate und Munition herstellten.

Das Museum

Vom Hauptlager stehen heute noch das Kantinengebäude für die SS-Wachmannschaften und das Lagertor mit der Hauptwache. In beiden Gebäuden informieren Ausstellungen über die Geschichte des Konzentrationslagers. Auf dem Lagergelände sind noch die Küche für die Häftlinge und die Fundamente der Baracken erhalten geblieben. Eine Holzbaracke wurde wiederaufgebaut. Die Ausstellungsräume im Keller kann man nur mit einem Museumsführer betreten. Ebenfalls zu besichtigen ist ein wiederaufgebauter Wachturm.

Über die Arbeits- und Lebensbedingungen im KL Groß-Rosen gibt es zahlreiche Augenzeugenberichte. In dem Museumsteil, der sich in der ehemaligen Kantine der Wachmannschaften befindet, können sich Besucher einen Film anschauen (auch auf Deutsch), in dem Überlebende über ihre Erlebnisse in Groß-Rosen berichten.

Das Museum Groß-Rosen wurde 1983 eröffnet. Der Steinbruch, in dem die Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen schuften mussten, liegt oberhalb des Lagers und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst weiterbetrieben. In den 1990er Jahren kaufte sich der Polnisch-Amerikanische Unternehmerfonds (PAFP) für zwei Millionen Dollar bei der Firma Borowskie Kopalnie Granitu in Groß Rosen ein, die die Betreiberin war. Nachdem der Fonds erfahren hatte, dass der Steinbruch einst zu einem deutschen Konzentrationslager gehörte, stellte er den Betrieb ein und stiftete 160.000 Dollar. Das Geld erhielt die Stiftung Steinbruch Groß-Rosen, die auf Inititiave des Fonds gegründet worden war. Am 22. September 2005 ging der Steinbruch in den Besitz des Museums über. (fh)

Karte

Landkarte von Polen mit Groß-Rosen

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Groß Rosen (Rogoźnica), Polen24.05.2017 – 23:27 Uhr
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Kontakt

Museum KL Groß-Rosen
Ofiar Gross Rosen 26
58-152 Rogoźnica
Tel.: +48 74 8559007
E-Mail: muzeum@gross-rosen.eu
Internet: www.gross-rosen.eu

Anmerkung:
Kinder bis zum 13. Lebensjahr dürfen das Museum nicht besichtigen.

Karte

Rogoźnica - Museum KL Groß-Rosen, Ofiar Gross Rosen 26, 58-152
Rogoźnica - Museum KL Groß-Rosen, Ofiar Gross Rosen 26, 58-152 Rogoźnica (Google Maps)