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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Komplex Riese – Führerhauptquartier und Rüstungsproduktion

In den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges (1939 - 1945) legten die Nationalsozialisten im Eulengebirge bei Waldenburg (Wałbrzych) ausgedehnte Stollensysteme an, in denen Waffen produziert werden sollten. Das Stollensystem trägt den Namen Komplex Riese. Zwangsarbeiter mussten mit primitiven Werkzeugen die Stollen in die Berge treiben. Tausende überlebten die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen nicht.

Stollen des Projektes RiesePolen Fotos
Kammer in einem Stollen bei Walim, der Teil des "Komplexes Riese" gehörte. Fotos: Frank Hilbert

Eine ältere Dame aus Deutschland betrachtet eine Informationstafel vor dem Eingang zu einem Museumsstollen bei Wüstewaltersdorf (Walim), auf der Orte in der Umgebung mit roten Symbolen markiert sind. Einer dieser Orte heißt Erlenbusch (Olczyniec). "Meine Mutter hat in Erlenbusch für die Mitarbeiter der Organisation Todt gekocht. Oberhalb des Ortes befand sich ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter, das nachts hell erleuchtet war", erzählt sie, während die kleine Gruppe Menschen um sie herum ihr aufmerksam zuhört. "Die Juden haben kein Essen bekommen. Ab und zu kam heimlich ein junger Jude angekrochen und hat unter der Küchenbaracke nach Speiseresten gesucht. Meine Mutter hat ihm immer ein kleines Schälchen mit Essen hingestellt und ihm auch einmal ein Hemd dazugelegt, weil seins nur noch aus Fetzen bestand.“ Die Juden, an die sich die ältere Dame erinnert, waren Zwangsarbeiter.

Über 13.000 Zwangsarbeiter

1943 begannen die Nationalsozialisten im Eulengebirge in der Nähe der Säuferhöhen (Osówka) und des Ortes Wüstewaltersdorf (Walim) Stollensysteme in das Bergmassiv zu treiben. Sie waren Teil des Projektes Komplex Riese. Auch die Stollen unter dem Schloss Fürstenstein in Waldenburg (Wałbrzych) werden zum Komplex Riese gezählt. Die Leitung des Bauvorhabens übernahm zunächst die Industriegemeinschaft AG und im April 1944 die Organisation Todt. Die Stollensysteme sollten als unterirdische Rüstungsschmiede dienen. Der Grund: Niederschlesien galt als der "Luftschutzbunker des Reiches", weil der Weg für die alliierten Bomber bis hierher zu weit war. Das änderte sich zwar im September 1943 mit der Landung alliierter Truppen in Italien. Aber die Deutschen hielten an ihren Plänen im Eulengebirge fest.
Die Bauarbeiten führten über 13.000 Zwangsarbeiter aus, für die vier große und 12 kleine Lager errichtet wurden. Es waren Außenlager des Konzentrationslagers Groß-Rosen. Der Komplex Riese wurde bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges nicht fertiggestellt.

Eingang zum Museum Stollen Walim
Attrappe einer Vergeltungswaffe 2 (V2) vor dem Museum Stollen Walim.

Menschenschreie, Befehle und Schüsse

Bei Walim können zwei Stollen besichtigt werden. Der Eintritt ist nur im Rahmen von Führungen möglich. Eine Gruppe polnischer Touristen steht mit ihrem Museumsführer im Eingangsbereich zum unterirdischen Tunnelsystem. Die Wände und die Decke sind mit Beton verkleidet. Aus der Öffnung einer Betonwand ragt der Lauf eines verrotteten deutschen Maschinengewehrs vom Typ MG42 heraus. Das Licht geht aus, Menschenschreie sind zu hören, ein Mann brüllt Befehle, Schüsse fallen. Die kurze Tonbandaufnahme soll den Touristen der Stollenanlage deutlich machen, unter welch schrecklichen Verhältnissen die Häftlinge im Eulengebirge schuften mussten. Unterernährung, schwere körperliche Arbeit, primitve sanitäre Einrichtungen und Misshandlungen führten dazu, dass etwa 5.000 Zwangsarbeiter starben. Häftlinge, die zu schwach für die Arbeit erschienen, wurden „selektiert“ und in das Konzentrationslager Auschwitz verlegt. Dokumentiert sind zudem 14 Exekutionen von Häftlingen, die fliehen wollten.

Neues Führerhauptquartier unter Schloss Fürstenstein und Suche nach einem Gold-Zug

Im Rahmen des Komplexes Riese planten die Nationalsozialisten auch ein neues Führerhauptquartier (FHQ) für Reichskanzler und Dikator Adolf Hitler.[1] Als Standort wählten sie den Berg unter dem Schloss Fürstenstein bei Waldenburg. Die ersten Planungen begannen ebenfalls 1943. Es gab zahlreiche Führerhauptquartiere im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten. Sie dienten Hitler als Befehlsstellen. In Niederschlesien existierte kein FHQ. Deshalb sollte auch hier eine solche Anlage entstehen. Später kam als weiterer Grund hinzu, dass sich die Ostfront der ostpreußischen Grenze näherte und das dortige FHQ Wolfsschanze in absehbarer Zeit nicht mehr sicher sein würde. Für die Wohn- und Arbeitsräume von Hitler trieben die Deutschen Gänge in den Berg unter dem Schloss und einen Schacht, in den angeblich ein Fahrstuhl für Hitlers Limousine eingebaut werden sollte. Für die Stollen mussten die Bauarbeiter Teile des Schlosses umbauen und wertvolle barocke Inneneinrichtungen zerstören. Weil die Gänge unter dem Schloss heute eine seismologische Station beherbergen, können Besucher nur Teile der Anlage im Rahmen von Führungen besichtigen.

Was sie im Eulengebirge bauten, hielten die Nationalsozialisten gegenüber der Bevölkerung streng geheim. Die Planungsunterlagen gingen 1945 verloren oder wurden vernichtet. Es war der ideale Nährboden für Gerüchte. Immer wieder tauchten nach dem Zweiten Weltkrieg Vermutungen auf, die Nationalsozialisten hätten im Eulengebirge einen gepanzerten Zug voller Gold und geraubter Kunstschätze in einem Tunnel versteckt. Zuletzt 2015. Ein Pole und ein Deutscher behaupteten, sie hätten den Zug mit einem Bodenradar ausfindig gemacht. Mit behördlicher Unterstützung begannen die Schatzsucher aufwendige Grabungen. Fündig wurden sie nicht und gaben das Projekt 2018 auf.

Mit Spitzhacke und Spaten Gänge und Kammern in den Berg getrieben

Die Luftfeuchtigkeit in den Stollen bei Walim ist so hoch, dass Wasser von der Decke und den Wänden tropft. Die Temperatur beträgt knapp 10 Grad Celsius, mitten im Hochsommer. Alle Touristen haben ihre Jacken angezogen. Von einer hölzerneren Treppe aus blicken sie in eine in den Berg geschlagene Kammer, die so riesig ist, dass eine auf dem Grund stehende Lore wie ein Spielzeug aussieht. "Mit einfachen Mitteln mussten die Häftlinge die Gänge und Kammern aus dem Stein hauen", erzählt der Führer der Gruppe. Spitzhacke und Spaten waren ihre Werkzeuge.
Die Stollen möchte die ältere Dame aus Deutschland nicht betreten. Sie hat Angst vor den starken Gefühlen, die sie bei der Besichtigung der Stollen, in denen so viele Menschen gequält und umgebracht wurden, übermannen könnten. Gegen Ende des Krieges floh sie - damals noch ein Kind - mit ihrer Mutter nach Niedersachsen, ausgerechnet in die Nähe des gerade befreiten Konzentrationslagers Bergen-Belsen. "Dort musste meine Mutter im Auftrag der britischen Besatzer Kleidung für die ehemaligen Häftlinge nähen." Mit einem strahlenden Lächeln erzählt sie von einem Wiedersehen mit einer Jüdin, die sie und ihre Mutter aus Erlenbusch kannten. "Sie hat überlebt."[2] (fh)

Chronologie des Baus der Anlage "Komplex Riese"

  • 11.09.1943: Auftragserteilung für den Bau des Führerhauptquartiers im Eulengebirge bei Waldenburg.
  • 15.09.1943: Rüstungsminister Albert Speer, der Leiter der Organisation Todt und Oberbauleiter Leo Müller führen in Moysee nahe der Wolfsschanze Gespräche über den Bau eines neuen Führerhauptquartiers bei Waldenburg.
  • 01.11.1943: Beginn der Bauarbeiten bei Bad Charlottenbrunn im Eulengebirge.
  • Juni 1944: Die Organisation Todt erhält zusätzlich den Auftrag für die Errichtung von Industriebauten im Eulengebirge.
  • 20.06.1944: Albert Speer trifft sich mit Adolf Hitler. Die beiden verabreden, die bombensicheren Arbeits- und Wohnräume für Adolf Hitler im Schloss Fürstenstein bis August 1945 fertigzustellen.
  • Juni 1944: In Polsnitz nahe des Schlosses Fürstenstein wird ein Außenkommando des Konzentrationslagers Groß Rosen eingerichtet.
  • 19.07.1944: Es wird die Verlegung von Baufirmen von der Wolfsschanze ins Eulengebirge beschlossen.
  • 02.10.1944: Der Warschauer Aufstand endet mit der Kapitulation der Aufständischen. Hitler befiehlt, 100.000 Gefangene auf Baustellen als Zwangsarbeiter einzusetzen. Dazu zählte auch der Komplex Riese.
  • Jahreswechsel 1944 / 1945: An der Errichtung des Komplexes Riese sind 22.000 Arbeiter beschäftigt, darunter Häftlinge. Während der gesamten Bauzeit waren über 13.000 Häftlinge des Konzentrationslager Groß Rosen auf den Baustellen eingesetzt.
  • Kriegsende: Die Arbeiten am Komplex Riese konnten bis zum Ende des Krieges nicht abgeschlossen werden.

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Wüstewaltersdorf (Walim), Polen16.02.2019 – 16:03 Uhr
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Kontakt

Museum Stollen Walim (Muzeum Sztolni Walimskich)
3-go Maja 26
58-200 Walim
Tel.: +48 74 8457300
Internet: www.sztolnie.pl

Anmerkungen

  1. Die Führerhauptquartiere, Franz W. Seidler, Dieter Zeigert, E. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München, S. 299 ff.: Die beiden Autoren gehen davon aus, dass im Eulengebirge ein Führerhauptquartier enstehen sollte. Ihre Vermutung basiert auf zahlreichen Quellen aus jener Zeit, die sie ausgewertet haben. Sie gehen außerdem davon aus, dass im Eulengebirge die zweitgrößte unterirdische Waffenproduktionsstätte nach dem Mittelbau Dora entstehen sollte.
  2. Ende 1944 verlegten die Nationalsozialisten immer mehr weibliche Häftlinge in das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Aus den Frauenaußenlagern des KL Groß-Rosen waren es vor allem Wöchnerinnen und arbeitsunfähige Frauen.