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Liebichshöhe in Breslau (Wrocław)

Der große Platz wird von einem halbkreisförmigen Säulengang eingerahmt, den die Abendsonne in ein kräftiges warmes Gelb getaucht hat und die Säulen lange Schatten werfen lässt. Der Großstadtverkehr ist hier kaum zu hören, obwohl gleich nebenan die viel befahrene ul. Piotra Skagi verläuft. Ein Pärchen lehnt eng umschlungen an einer Brüstung. Kinder spielen zwischen den Säulen, während ihre Großmütter ganz in der Nähe in eine angeregte Unterhaltung verwickelt sind, die ab und zu von ihrem Lachen unterbrochen wird. Der Partisanenhügel (Wzgórze Partyzantów), der zu deutscher Zeit Liebichshöhe hieß, ist ein beliebtes Ausflugsziel der Breslauer.

Belvedere auf der Liebichshöhe in Breslau
Fotos: Frank Hilbert

Im Turm oberhalb des Säulenganges hatte zeitweise die Astronomische Gesellschaft von Breslau ihren Sitz und die Freifläche vor dem Säulengang wird immer noch für Konzerte genutzt. Bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts stand auf der Liebichshöhe die Taschenbastion, die Teil der städtischen Befestigungsanlagen war. Mitte des 19. Jahrhunderts begann die Umgestaltung des Geländes. Der Kaufmann Adolf Liebich beauftragte den Breslauer Architekten Karl Schmidt damit, einen Säulengang mit Aussichtsturm zu entwerfen und zu bauen. Die Arbeiten zogen sich von 1866 bis 1867 hin. Später kamen noch ein Denkmal für den Philosophen und Theologen Friedrich Schleiermacher und ein Brunnen nach den Entwürfen von Ignatius Taschner dazu.

Sitz der Festungskommandantur

Im Süden und Osten wird die Liebichshöhe vom Stadtgraben begrenzt. Von den Promenadenwegen aus kann man die Bürgervillen in der ul. Podwale am gegenüberliegenden Ufer bestaunen, die seltsamerweise die Zerstörungswut des II. Weltkrieges überstanden haben. Seltsam deshalb, weil Gauleiter Karl Hanke im Januar 1945 die Stadt zur Festung erklärte und die militärische Führung der Wehrmacht die unterirdischen Gänge und Kasematten auf der Liebichshöhe, die von der Taschenbastion übrig geblieben waren, als Gefechtsstand nutzte. Der Umstand, dass die Festungskommandantur und die deutschen Soldaten sich in der Innenstadt verschanzt hatten, hatte zur Folge, dass die sowjetischen Truppen ihr Artilleriefeuer auf die Innenstadt konzentrierten. Um der feindlichen Artillerie das Zielen zu erschweren, sprengten deutsche Soldaten den Turm auf der Liebichshöhe. Im März 1945 verlegte die Wehrmacht ihren Gefechtstand von der Liebichshöhe in das Augustinenchorherrenstift auf die Sandinsel. Die Ereignisse während der Zeit der „Festung Breslau“ zeigen, wie skrupellos die politische und militärische Führung gegenüber der eigenen deutschen Bevölkerung war. Für militärische Zwecke wurden wertvolle historische Gebäude mit ihren Kunstschätzen geopfert und unwiderruflich vernichtet. Ein Beispiel: Seit Anfang März 1945 bestand für Mädchen ab dem 12. und für Jungen ab dem 10. Lebensjahr Arbeitspflicht. Kinder, Frauen, Greise und Zwangsarbeiter mussten in der Kaiserstraße im Universitätsviertel auf einer Länge von 1,3 Kilometern und einer Breite von 300 Metern alle Häuser sprengen, um Platz für einen provisorischen Flugplatz zu schaffen. Unter den gesprengten Gebäuden waren das Staatsarchiv und die Luther- und die Canisius-Kirche samt Inventar. Tausende Menschen kamen während der Arbeiten durch feindlichen Beschuss ums Leben. Der Flugplatz ging nie in Betrieb, weil die Luftwaffe längst zusammengebrochen war. Lediglich Gauleiter Karl Hanke soll sich in einem Fieseler Storch von hier aus aus dem Staub gemacht haben. Im Mai 1945 lag Breslau, das noch im Februar fast unversehrt war, zu 60 Prozent in Schutt und Asche.

Turm auf der Liebichshöhe
Der frühere Aussichtsturm auf der Liebichshöhe wurde zeitweise als Planetarium genutzt.

Villa der Brauereifamilie Haase

Doch zurück zur Liebichshöhe. Vom Promenadenweg am Stadtgraben aus kann man das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in der ul. Podwale 76 sehen. Der prachtvolle Gebäudekomplex, dessen Architektur sich an die italienische Renaissance anlehnt und der aus einem Hauptgebäude, einer Remise und einem Dienerhaus besteht, gehörte einst dem Brauereibesitzer Georg Haase. Er ließ es zwischen 1897 und 1899 vom Berliner Architekten Otto March errichten. Ab 1936 wurde das Kanzleigebäude, wie es auch genannt wird, an die Hitler-Jugend übergeben, die es als Sitz ihrer Gauleitung Schlesien genutzt hat. Von 1956 bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 war das Gebäude der Sitz des Generalkonsulats der DDR. (fh)