Polish Online
Polen: Übersetzungsdienst & Reiseinfos
Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

Hauptnavigation

Sobibór – Vernichtungslager Sobibor

In der Nähe des Dorfes Sobibór im Osten Polens errichtete die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ein Vernichtungslager, in dem sie 250.000 Juden in Gaskammern ermordeten oder erschossen. Die Opfer kamen aus den Niederlanden, der Sowjetunion, Polen, der Slowakei, Österreich, Litauen und Deutschland. Obwohl es 1943 zu einem Aufstand und einer Massenflucht kam, erlebten nur 47 Häftlinge das Ende des Krieges.

Denkmal auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers SobiborPolen Fotos
Das 1965 enthüllte Denkmal zeigt eine verzweifelte Mutter mit einem Kind im Arm. Fotos: Frank Hilbert

Am 12. Februar 1943 reiste SS-Chef Heinrich Himmler von seiner ostpreußischen Feldkommandostelle Hochwald in das Konzentrationslager Sobibór, um an einer Besichtigung des SS-Sonderkommandos teilzunehmen. Da gerade keine jüdischen Häftlinge für die Vorführung im Lager waren und auch kein Deportationszug erwartet wurde, verschleppten SS-Männer 200 polnische Frauen und Mädchen aus der Umgebung, um ihrem SS-Chef die Effektivität ihrer Mordmaschinerie zu demonstrieren.
Es war nicht ungewöhnlich, dass sich keine Häftlinge im Lager befanden. Sobibór war ein reines Vernichtungslager. Sofort nach dem Eintreffen der Deportationszüge trieb die SS fast alle Juden in die Gaskammern oder erschoss sie. Nur wenige entgingen zunächst dem Tod, weil ihre Arbeitskraft für die Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs benötigt wurde. Die sogenannten Arbeitsjuden arbeiteten als Handwerker, sortierten die Habseligkeiten der Häftlinge und mussten unter Androhung ihres eigenen Todes die Deportierten an der Rampe in Empfang nehmen und Leichen verscharren oder verbrennen.

Neben Sobibór betrieben die Deutschen weitere Vernichtungslager in Belzec und in Treblinka. Errichtet wurden sie im Zusammenhang mit der "Aktion Reinhard" (1942–1943), die die systematische Ermordung aller Juden im Generalgouvernement im deutsch besetzten Polen zum Ziel hatte. Nach Sobibor deportierten die Deutschen aber auch Juden aus anderen europäischen Ländern, zum Beispiel aus Holland. Zwischen März und Juli 1943 fuhren neunzehn Deportationszüge mit über 30.000 Juden vom Durchgangslager Westerbork in Richtung Sobibór ab.

Unter den drei Vernichtungslagern nehmen die in Treblinka und Sobibór eine Sonderstellung ein, weil sich in ihnen die Gefangenen gegen die Wachmannschaften erhoben. In Sobibór machten die Deutschen den Fehler, eine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener (ebenfalls Juden) mit militärischer Erfahrung zu inhaftieren, unter denen sich der Offizier Alexander Petschjorski befand. Mit militärischer Disziplin organisierte diese Gruppe einen Aufstand, der am 14. Oktober 1943 begann und mit einer Massenflucht endete.
Zuerst töteten die Aufständischen höhere Chargen der SS, um die nun führerlosen Wachmannschanften, die aus deutschen SS-Männern und ukrainischen Hilfswilligen (Trawniki-Männer) bestanden, leichter überwältigen zu können. Der Plan gelang nur unvollständig. Am Ende konnten 365 der 600 Häftlinge fliehen, von denen 215 von den Wachmannschaften erschossen wurden oder durch die Explosion von Minen umkamen. Von den übrigen 150 Geflohenen erlebten nur 47 das Kriegsende. Einer von ihnen war Alexander Petschjorski, der 1990 im russischen Rostow am Don starb.

Foto von einem Gedenkstein mit Namen von Ermordeten Juden an einem Wegesrand
Die Häftlinge, die ermordet werden sollten, mussten sich im Lager II entkleiden und anschließend nackt einen 320 Meter langen Weg zu den Gaskammern zurücklegen. Die Täter nannten diesen Weg "Himmelsstraße". 2003 wurde eine Gedenkallee eingeweiht, die den Weg zu den Gaskammern symbolisiert. Am Wegesrand liegen Steine mit Namen ermordeter Menschen.

Nach dem Aufstand ermordeten die Deutschen die Häftlinge, die nicht fliehen konnten, und machten das Vernichtungslager dem Erdboden gleich. Zur Tarnung ließen sie einen Bauernhof stehen und pflanzten über den Massengräbern Bäume.
Schon vor dem Aufstand mussten Häftlinge die in Massengräbern verscharrten Opfer exhumieren und verbrennen. Die Deutschen hofften, damit die Spuren ihrer Verbrechen vernichtet zu haben. Und tatsächlich gab es in Sobibór keine Baracken und keine Brillen- und Schuhberge wie im Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau (Kraków). Nur das Gleis, an dem die Züge mit den Juden ankamen und das an einem Prellbock endete, gab es noch. Erst bei Ausgrabungsarbeiten, die zwischen 2007 und 2014 stattfanden, entdeckten Archäologen Überreste des Vernichtungslagers: die Fundamente der Gaskammern, einen Brunnen, in den Häftlinge persönliche Gegenstände geworfen hatten, einen unvollendete Fluchttunnel und die Rampe, an der die Deportationszüge hielten.

Ankunft der Deportationszüge und der Massenmord

Exemplarisch für die Grausamkeit der Wachmannschaften soll die Behandlung der Juden nach ihrem Eintreffen im Vernichtungslager beschrieben werden. Das Vernichtungslager bestand aus vier Teilen:

  • Lager I: Männer- und Frauenbaracke, Küche, Wäscherei und verschiedene Werkstätten, z. B. für Goldschmiede und Maler, Schneider und Schuster
  • Lager II: Gemüsefeld, Bäckerei, Baracke für das Gepäck der Deportierten, Verwaltung und Lager für Wertsachen, die Plätze, auf denen sich die Deportierten entkleiden mussten, bevor sie in die Gaskammern getrieben wurden, eine Baracke, in der Arbeitsjuden den Frauen die Haare abscheren mussten
  • Lager III: Gaskammer, Massengräber, Leichenverbrennungsplatz, Unterkünfte für Arbeitshäftlinge
  • Lager IV: Munitionsbaracken
  • Vorlager: Wohnbaracken der SS und der ukrainischen Wachmänner, Küche, Garagen usw.

Die Züge hielten auf einem Nebengleis, das sich innerhalb des Lagers befand. Bei ihrer Ankunft wurden die Juden von SS-Männern, Ukrainern und Arbeitshäftlingen in Empfang genommen, die sie brutal aus den Waggons zerrten. Ältere Menschen, Gebrechliche und alleinstehende Kinder wurden mit Pferdewagen und einer Lorenbahn an eine abgeschiedene Stelle gebracht und von Trawniki-Männern unter SS-Befehl mit Genickschüssen sofort erschossen. Zuvor mussten sie sich am Rand der Grube entkleiden.
Die anderen gingen mit ihrem Gepäck und unter strenger Bewachung in das Lager II. Dort hielt ein SS-Mann beruhigende Reden, in denen er eine faire Behandlung in Arbeitslagern in der Ukraine versprach, wohin sie gebracht werden würden. Zuerst müssten sie sich jedoch aus hygienischen Gründen duschen. Handtücher und Seife seien in ausreichender Menge vorhanden. Auf diese Weise getäuscht folgten die Häftlinge der Aufforderung, sich zu entkleiden. Anschließend trieben Wachmänner die nackten Häftlinge auf einem etwa 300 m langen und von Stacheldraht gesäumten Weg direkt zu den Gaskammern in Lager III. Die Wachmänner nannten diesen Weg "Schlauch" oder "Himmelssraße". Auf ihm mussten die Frauen in einer Baracke einen Zwischenstopp einlegen, in der ihnen die Haare geschoren wurden. Später verkaufte die SS die Haare an die Industrie, die daraus Industriegarn und Haargarnfüßlinge für U-Boot-Besatzungen herstellte oder sie zu Garn versponn, wie aus einem Schreiben des SS-Brigadeführers und Generalinspekteurs der Konzentrationslager Richard Glücks vom 6. August 1942 hervorgeht.
700 bis 800 Menschen standen in den Gaskammern zusammengepfercht auf einer Fläche von 25 Quadratmetern. Hinter ihnen fielen die luftdichten Türen ins Schloss. Ein Verbrennungsmotor wurde angeworfen und die Abgase in die Kammern geleitet. 20 bis 30 Minuten lang dauerte der Todeskampf. Arbeitshäftlinge zerrten die toten Körper aus den Kammern und verscharrten sie in riesigen Gruben auf dem Gelände von Lager III oder verbrannten sie unter freiem Himmel.

Die Gedenkstätte

1950 verurteilte das West-Berliner Landgericht den SS-Oberscharführer Erich Bauer wegen der Beteiligung an der Vergasung von tausenden Menschen zum Tode. Später wurde die Todesstrafe in eine lebenslange Haft umgewandelt, die Bauer bis zu seinem Tode 1980 in der Justizvollzugsanstalt Tegel verbüßte. Erneut in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rückte das Vernichtungslager, als zu Beginn der 1960er Jahre mehrere Gerichtsverfahren in der damaligen Sowjetunion und in Deutschland gegen SS- und Trawniki-Männer stattfanden. Das führte dazu, dass Polen auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers mehrere Denkmäler errichtet ließ:

  • Denkmal von Mieczysław Welter aus dem Jahr 1965, das aus einem Kubus und einer Skulptur von einer leidenden Mutter mit einem Kind besteht. Auf dem Sockel sind folgende Worte eingemeißelt: "Im Gedenken an die Ermordeten in den Jahren 1942 – 1943".
  • "Aschehügel", Mahnmal auf einem Aschefeld, errichtet 1961
  • Steinmauer mit einer Gedenktafel in polnischer Sprache am Zugang zur Gedenkstätte, 1965

Nach der politischen Wende in Polen setzte ein Diskurs über die Steinmauer ein. Die an ihr angebrachte Gedenktafel informierte darüber, dass in Sobibór 250.000 sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Polen und Zigeuner ermordet worden seien. Diese historisch unrichtige Darstellung rief Proteste hervor. Auf Initiative des Sobibór-Überlebenden Thomasz Toivi Blatt wurde die Tafel 1993 durch eine neue mit folgendem Text ersetzt:

An diesem Ort befand sich in den Jahren 1942 – 43 ein nationalsozialistisches Vernichtungslager, in dem über 250.000 Juden und etwa 1.000 Polen ermordet wurden. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in einem Aufstand die Gefangenen gegen ihre Bewacher, wodurch einige hundert Gefangene ihre Freiheit erlangen konnten. Nach dem Aufstand wurde das Lager aufgelöst. Erde decke mein Blut nicht zu /Hiob 16:18/

Der polnischsprachigen Tafel folgten weitere auf Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Französisch und 2003 auf Deutsch. Ebenfalls 1993 wurde in einem kleinen Holzhaus, das bis dahin als Kindergarten und Bildungsstätte genutzt worden war, ein Museum eingerichtet.
Eine sehr persönliche Form des Gedenkens an die jüdischen Opfer war eine 2003 eingeweihte Gedenkallee, die die "Himmelsstraße" symbolisierte. Wer wollte, konnte einen Baum und einen Gedenkstein für ermordete Juden stiften.
Seit 2017 ist die Gedenkstätte geschlossen und wird komplett neu gestaltet. (fh)

Informationen für Besucher

  • Die Gedenkstätte befindet in der Nähe der Stadt Włodawa, nur vier Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt.
  • Seit 2017 ist die Gedenkstätte wegen Umbaumaßnahmen geschlossen.

Karte

Landkarte von Polen mit Sobibór

Wetter

(Włodawa), Polen27.05.2020 – 11:00 Uhr
Ein paar Wolken
Wetter Polen16 °CLuftfeuchte: 82%
Luftdruck: 1028 hPa
Windgeschwindigkeit: 4.6 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Sehenswürdigkeit

Museum des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibór (Museum of the Former Extermination Camp in Sobibor)
Żłobek 101
22-200 Włodawa
Tel.: +48 82 5726030
E-Mail: info@sobibor-memorial.eu
Internet: www.sobibor-memorial.eu

Geodaten: 51.44594913434159,23.596295334556437
Wegbeschreibung auf Google Maps

Öffnungszeiten:

Seit 2017 ist das Museum geschlossen, weil es umgestaltet wird.


powered by webEdition CMS