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Vernichtungslager Sobibór, Polen

In der Nähe des Dorfes Sobibór im Osten Polens (nahe des Dreiländerecks Polen-Belarus-Ukraine) errichtete die Deutschen im Zweiten Weltkrieg ein Vernichtungslager, in dem sie 180.000 Juden in Gaskammern ermordeten oder erschossen. Die Opfer kamen aus den Niederlanden, der Sowjetunion, Polen, der Slowakei, Österreich, Litauen, Frankreich und Deutschland. Obwohl es 1943 zu einem Aufstand und einer Massenflucht kam, erlebten nur 47 Häftlinge das Ende des Krieges.

Denkmal auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibor, das eine Mutter darstellt, an die sich ein Kind schmiegt Polen Fotos
Das 1965 enthüllte Denkmal von Mieczysław Welter zeigt eine verzweifelte Mutter mit einem Kind im Arm. Fotos: Frank Hilbert

Am 12. Februar 1943 reiste SS-Chef Heinrich Himmler von seiner ostpreußischen Feldkommandostelle Hochwald in das Vernichtungslager Sobibór, um an einer Besichtigung des SS-Sonderkommandos teilzunehmen. Da gerade keine jüdischen Häftlinge für die Vorführung im Lager waren und auch kein Deportationszug erwartet wurde, verschleppten SS-Männer 200 jüdische Frauen aus Lublin, um ihrem SS-Chef die Effektivität ihrer Mordmaschinerie zu demonstrieren. Dem Sterben der Frauen in den Gaskammern sah Himmler durch Türspione aus Glas zu. 
Es war nicht ungewöhnlich, dass sich keine Häftlinge im Lager befanden. Sobibór war ein reines Vernichtungslager. Sofort nach dem Eintreffen der Deportationszüge trieb die SS fast alle Juden in die Gaskammern oder erschoss sie. Nur wenige entgingen zunächst dem Tod, weil ihre Arbeitskraft für die Aufrechterhaltung des Lagerbetriebs benötigt wurde. Die sogenannten Arbeitsjuden arbeiteten als Handwerker, sortierten die Habseligkeiten der Häftlinge und mussten unter Androhung ihres eigenen Todes die Deportierten an der Rampe in Empfang nehmen und Leichen verscharren oder verbrennen.

Neben Sobibór betrieben die Deutschen weitere Vernichtungslager in Belzec und in Treblinka. Errichtet wurden sie im Zusammenhang mit der "Aktion Reinhard" (1942–1943), die die systematische Ermordung aller Juden im Generalgouvernement im besetzten Polen zum Ziel hatte.
Nach Sobibór deportierten die Deutschen aber auch Juden aus zahlreichen anderen europäischen Ländern, zum Beispiel aus Holland. Ursprünglich sollten die holländischen Juden nach Auschwitz gebracht werden. Doch weil dort 1943 gerade die Verbrennungsöfen umgebaut wurden, kamen sie nach Sobibór.
Zwischen März und Juli 1943 fuhren neunzehn Deportationszüge mit über 30.000 Juden vom Durchgangslager Westerbork in Richtung Sobibór ab. Der letzte von ihnen verließ das Lager am 20. Juli und erreichte das Vernichtungslager drei Tage später. Unter den Deportierten befand sich das Kieler Ehepaar David (geb. 1888) und Sophie (geb. 1890) Bertenthal mit ihren Kinder Simon (geb. 1924), Martha (geb. 1927) und Ruth (geb. 1929). Die Familie war 1933 nach Holland emigriert. Ermordet wurden sie in Sobibór vermutlich am Tag ihrer Ankunft am 23. Juli 1943. Fünf Stolpersteine erinnern heute vor ihrem Wohnhaus in der Kieler Preußerstraße an ihr Schicksal (Lebensgeschichte der Familie Bertenthal, PDF).

Ankunft der Deportationszüge in Sobibór und der Massenmord

Das Vernichtungslager bestand aus vier Teilen:

Das Vernichtungslager befand sich unmittelbar neben der Bahnstrecke zwischen Włodawa und Chełm. Die Deportationszüge hielten auf einem Nebengleis, das sich innerhalb des Lagers befand und das durch einen hohen Zaun vor neugierigen Blicken von außen geschützt war. Nachdem die Züge auf dem Nebengleis zum Stehen gekommen waren, schloss sich hinter ihnen ein großes Tor.
Nach ihrer Ankunft wurden die Juden von SS-Männern, Ukrainern und Arbeitshäftlingen in Empfang genommen, die sie brutal aus den Waggons zerrten. Ältere Menschen, Gebrechliche und alleinstehende Kinder wurden mit Pferdewagen und einer Lorenbahn an eine abgeschiedene Stelle gebracht und von Trawniki-Männern unter SS-Befehl mit Genickschüssen sofort erschossen. Zuvor mussten sie sich am Rand der Grube entkleiden.
Die anderen gingen mit ihrem Gepäck und unter strenger Bewachung in das Lager II. Dort hielt ein SS-Mann beruhigende Reden, in denen er eine faire Behandlung in Arbeitslagern in der Ukraine versprach, wohin sie gebracht werden würden. Zuerst müssten sie sich jedoch aus hygienischen Gründen duschen. Handtücher und Seife seien in ausreichender Menge vorhanden. Auf diese Weise getäuscht, folgten die Häftlinge der Aufforderung, sich zu entkleiden. Anschließend trieben Wachmänner die nackten Häftlinge auf einem etwa 300 m langen und von Stacheldraht gesäumten Weg direkt zu den Gaskammern in Lager III. Die Wachmänner nannten diesen Weg "Schlauch" oder "Himmelsstraße". Auf ihm mussten die Frauen in einer Baracke einen Zwischenstopp einlegen, in der ihnen die Haare geschoren wurden. Später verkaufte die SS die Haare an die Industrie, die daraus Industriegarn und Haargarnfüßlinge für U-Boot-Besatzungen herstellte oder sie zu Garn versponn, wie aus einem Schreiben des SS-Brigadeführers und Generalinspekteurs der Konzentrationslager Richard Glücks vom 6. August 1942 hervorgeht.
Zusammengepfercht standen die Menschen in den acht Gaskammern auf einer Fläche von je 25 Quadratmetern. Hinter ihnen fielen die luftdichten Türen ins Schloss. Ein Verbrennungsmotor wurde angeworfen und die Abgase in die Kammern geleitet. 20 bis 30 Minuten lang dauerte der Todeskampf. Arbeitshäftlinge zerrten die toten Körper mit langen stählernen Haken, die aussahen wie überdimensionale Kaminhaken, aus den Kammern, durchsuchten die Körper nach Wertgegenständen, brachen ihnen die Goldzähne heraus und verscharrten sie anschließend in riesigen Gruben auf dem Gelände von Lager III oder verbrannten sie unter freiem Himmel.

Foto von einem Gedenkstein mit Namen von Ermordeten Juden an einem Wegesrand
Die Häftlinge, die ermordet werden sollten, mussten sich im Lager II entkleiden und anschließend nackt einen 320 Meter langen Weg zu den Gaskammern zurücklegen. Die Täter nannten diesen Weg "Himmelsstraße". 2003 wurde eine Gedenkallee eingeweiht, die den Weg zu den Gaskammern symbolisiert. Am Wegesrand liegen Steine mit Namen ermordeter Menschen.

Aufstand im Vernichtungslager und Massenflucht

Unter den drei Vernichtungslagern nehmen die in Treblinka und Sobibór eine Sonderstellung ein, weil sich in ihnen die Gefangenen gegen die Wachmannschaften erhoben. In Sobibór machten die Deutschen den Fehler, eine Gruppe sowjetischer Kriegsgefangener, ebenfalls Juden, mit militärischer Erfahrung aus dem Ghetto in Minsk nach Sobibór zu deportieren, unter denen sich der Reserveoffizier Alexander Petschjorski befand. Petschjorski war im zivilem Leben Musiker und außerdem eine hervorragende Führungspersönlichkeit. Mit militärischer Disziplin organisierte diese Gruppe einen Aufstand, der am 14. Oktober 1943 begann und mit einer Massenflucht endete.
Ihr Plan sah vor, zuerst die höheren Chargen der SS zu töten, um die nun führerlosen Wachmannschaften, die aus deutschen SS-Männern und Trawniki-Männer bestanden, leichter überwältigen zu können. Der Plan gelang nur unvollständig. Am Ende konnten 365 der 600 Häftlinge fliehen, von denen 215 von den Wachmannschaften erschossen wurden oder durch die Explosion von Minen umkamen. Von den übrigen 150 Geflohenen erlebten nur 47 das Kriegsende. Einer von ihnen war Alexander Petschjorski. Er setzte sich mit einigen Aufständischen über den Fluss Bug ab und schloss sich sowjetischen Partisanen an. 1990 starb er im russischen Rostow am Don.

Spuren des Massenmordes beseitigt

Nach dem Aufstand ermordeten die Deutschen die Häftlinge, die nicht fliehen konnten, und machten das Vernichtungslager dem Erdboden gleich. Zur Tarnung ließen sie einen Bauernhof stehen und pflanzten über den Massengräbern Bäume.
Schon vor dem Aufstand mussten Häftlinge die in Massengräbern verscharrten Opfer exhumieren und verbrennen. Die Deutschen hofften, damit die Spuren ihrer Verbrechen vernichtet zu haben. Und tatsächlich gab es in Sobibór keine Baracken und keine Brillen- und Schuhberge wie im Konzentrationslager Auschwitz bei Krakau (Kraków) oder im Konzentrationslager Majdanek. Nur das Gleis, an dem die Züge mit den Juden ankamen und das an einem Prellbock endete, gab es noch. Hier entstand nach dem Krieg eine Verladerampe für Bäume aus den umliegenden Wäldern.
Erst bei Ausgrabungsarbeiten, die zwischen 2007 und 2014 stattfanden, entdeckten Archäologen Überreste des Vernichtungslagers:

Die Gedenkstätte

1950 verurteilte das West-Berliner Landgericht den SS-Oberscharführer Erich Bauer wegen der Beteiligung an der Vergasung von tausenden Menschen in Sobibór zum Tode. Später wurde die Todesstrafe in eine lebenslange Haft umgewandelt, die Bauer bis zu seinem Tode 1980 in der Justizvollzugsanstalt Tegel verbüßte. Der ehemalige Oberscharführer war nach dem Krieg in Westberlin zufällig Samuel Lerer, der zu den 47 Überlebenden des Vernichtungslagers gehörte, über den Weg gelaufen. Im August 1949 wurde Bauer verhaftet.
Erneut in den Mittelpunkt der Öffentlichkeit rückte das Vernichtungslager, als zu Beginn der 1960er Jahre mehrere Gerichtsverfahren in der damaligen Sowjetunion und in Deutschland gegen SS- und Trawniki-Männer stattfanden. Das führte dazu, dass Polen auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers mehrere Denkmäler errichtet ließ:

Nach der politischen Wende in Polen setzte ein Diskurs über die Steinmauer ein. Die an ihr angebrachte Gedenktafel informierte darüber, dass in Sobibór 250.000 sowjetische Kriegsgefangene, Juden, Polen und Zigeuner ermordet worden seien. Diese historisch unrichtige Darstellung rief Proteste hervor. Auf Initiative des Sobibór-Überlebenden Thomasz Toivi Blatt wurde die Tafel 1993 durch eine neue mit folgendem Text ersetzt:

An diesem Ort befand sich in den Jahren 1942–43 ein nationalsozialistisches Vernichtungslager, in dem über 250.000 Juden und etwa 1.000 Polen ermordet wurden. Am 14. Oktober 1943 erhoben sich in einem Aufstand die Gefangenen gegen ihre Bewacher, wodurch einige hundert Gefangene ihre Freiheit erlangen konnten. Nach dem Aufstand wurde das Lager aufgelöst. Erde decke mein Blut nicht zu /Hiob 16:18/

Der polnischsprachigen Tafel folgten weitere auf Englisch, Hebräisch, Jiddisch, Slowakisch, Französisch und 2003 auf Deutsch. Ebenfalls 1993 wurde in einem kleinen Holzhaus, das bis dahin als Kindergarten und Bildungsstätte genutzt worden war, ein Museum eingerichtet.
Eine sehr persönliche Form des Gedenkens an die jüdischen Opfer war eine 2003 eingeweihte Gedenkallee, die die "Himmelsstraße" symbolisierte. Wer wollte, konnte einen Baum und einen Gedenkstein für ermordete Juden stiften.
Zwischen 2017 und 2020 entstand eine neue Gedenkstätte mit einem modernen Museumskonzept, die auf eine Initiative Polens, Israels, der Niederlande und der Slowakei zurückgeht. Teil der Dauerausstellung sind unzählige persönliche Gegenstände von Häftlingen. (fh)

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Sehenswürdigkeit

Museum des ehemaligen Vernichtungslagers Sobibór (Museum of the Former Extermination Camp in Sobibor)
Żłobek 101
22-200 Włodawa
Tel.: +48 82 5726030
E-Mail: info@sobibor-memorial.eu
Internet: www.sobibor-memorial.eu

Geodaten: 51.44594913434159,23.596295334556437
Wegbeschreibung auf Google Maps

Öffnungszeiten:

Seit 2017 ist das Museum geschlossen, weil es umgestaltet wird.

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