Wohnsiedlung Juliusz Słowacki in Lublin VGWORT Zählpixel
Polish Online
Polen: Übersetzungsdienst & Reiseinfos
Barbara Anna Woyno M. A. – Übersetzungen Polnisch-Deutsch-Polnisch

Hauptnavigation

Lublin – Wohnsiedlung Juliusz Słowacki

Zwischen 1960 und 1963 entstand in Lublin die Wohnsiedlung Juliusz Słowacki nach Entwürfen des Architekten Oskar Hansen (1922–2005). Mit ihr setzte Hansen sein Konzept der "Offenen Form" in die Praxis um.

Spielplatz und Wohnblock in der Wohnsiedlung Juliusz Słowacki in Lublin Polen Fotos
In den Innenhöfen stehen kleinere Häuser mit Staffelgeschossen. Typisch für die Häuser von Oskar Hansen sind die versetzten Balkons, die man unterhalb der Wohnung im Staffelgeschoss sieht. Fotos: Frank Hilbert

In den 1950er Jahren begannen die sozialistischen Länder, darunter die damalige Volksrepublik Polen, mit dem Bau preisgünstiger Plattenbausiedlungen mit genormten Wohnungen. Es gab zwar in jedem sozialistischem Land verschiedene Haustypen, aber äußerlich waren sie sich sehr ähnlich. So ähnlich und einförmig, dass selbst Ortskundige in den Plattenbausiedlungen oft die Orientierung verloren.
Die Wohnsiedlung Juliusz Słowacki in Lublin, die der Architekt Oskar Hansen konzipiert hat, entstand zu Beginn der 1960er Jahre und wurde ebenfalls in Plattenbauweise errichtet. Und doch unterscheidet sie sich grundlegend von anderen Siedlungen aus dieser Zeit. Sie besteht aus langen, in Bögen errichteten fünfstöckigen Wohnblöcken, in deren Innenhöfen kleinere Häuser mit Staffelgeschossen stehen. Versetzte Balkons und Fenster mit unterschiedlichen Formaten lockern die Fassaden auf. Alle Balkons zeigen in Richtung der Innenhöfe und erzeugen mit ihrer Individualität eine gewollte Unruhe. Charakteristisch sind auch die langen Vordächer an den Hauseingängen. Sechs Hochhäuser flankieren die Wohnsiedlung.
Im Wohngebiet verteilt stehen Pavillions mit wellenartig geformten Dachkonstruktionen, die der Einzelhandel nutzt oder als Kindergarten dienen. Mit den Pavillons trennte Hansen den Service- klar vom Wohnbereich ab. Es gibt nur Gehwege. Den Autoverkehr hat der Architekt bewusst aus der Wohnsiedlung ausgeschlossen und die Garagen an den Siedlungsrand verbannt, wo die Bewohner ihre Fahrzeuge abstellen können. Auf diese Weise bleibt zwischen den Häusern viel Platz für Bäume, Rasenflächen und Spielplätze. Damit die langen in Bögen errichteten Wohnblöcke nicht zu undurchdringliche Barrieren werden, führen Gänge durch sie hindurch. Sie sind mit Mosaiken verziert, die die Individualität der Architektur noch einmal unterstreichen.
Nur die große katholische Kirche, die gleich neben dem Kindergarten steht und Ende der 1980er Jahre erbaut wurde, passt architektonisch nicht in das Wohnviertel und wirkt wie ein Fremdkörper. Igor Hansen, der Sohn von Oskar Hansen, bezeichnete es einmal als einen Fehler seines Vaters, die religiösen Bedürfnisse der zukünftigen Bewohner nicht erkannt und berücksichtigt zu haben.

Kindergarten Nr. 39 in der Wohnsiedlung Juliusz Słowacki in Lublin
Im Herzen der Siedlung stehen Gemeinschaftseinrichtungen, wie hier der Kindergarten Nr. 39. Er besteht aus einzelnen, miteinander verbundenen Gebäuden, von denen einige wellenförmige Schrägdächer tragen, die zum Teil über die Außenfassaden hinausragen.

Oskar Hansen, der einer polnisch-norwegischen Familie entstammte und 1922 in Helsinki geboren wurde, lebte zwischen 1948 und 1950 in Frankreich, studierte dort Malerei und arbeitete als Assististent im Büro des Schweitzer Architekten und Möbeldesigners Pierre Jeanneret (1896–1967). In dieser Zeit lernte er auch den Architekten Le Corbusier (1887–1965) kennen, der gerade in Marsaille einen riesigen Wohnblock, die Unité d’Habitation (dt. Wohneinheit) errichten ließ. Mit diesem neuen Haustyp wollte Le Corbusier den Wohnungsmangel nach dem Zweiten Weltkrieg bekämpfen. Hansen besuchte die Baustelle und kritisierte die Architektur als ein abnehmbares und überall installierbares Muster. Später sprach er in Bezug auf die bisherige Architektur von "geschlossener Form", die die psychologischen Bedürfnisse ihrer Bewohner missachteten und häufig unmenschlich seien. Es ist also nur folgerichtig, dass Hansen der "geschlossenen Form" seine Architektur der "offenen Form" entgegenstellte. Ihm schwebte eine Architektur vor, die durch ihre Benutzer jederzeit verändert werden kann.

Die Möglichkeit zur Verwirklichung seiner Idee der "Offenen Form" bot sich ihm um das Jahr 1960 herum zunächst in Warschau und anschließend in Lublin. Es war die "Tauwetter-Periode", die nach dem Tod des sowjetischen Diktators Josef Stalin 1953 begann und bis 1965 andauerte und die Künstlern und Architekten in den sozialistischen Ländern mehr Spielräume bei der Umsetzung ihrer Vorstellungen bot.
Hansen bezog die zukünftigen Bewohner in die Planung ein, indem er ihnen die Möglichkeit gab, die Grundrisse und Fensterformate ihrer Wohnungen selbst zu bestimmen. Zudem konzipierte er die Häuser so, dass die Grundrisse später wieder verändert oder die Wohnungen sogar vergrößert werden konnten. Lange Laubengänge in den Häusern (nur in Warschau) waren als Orte der Kommunikation gedacht.
Mit niedrigen gewundenen Betonelementen wollte Hansen die Bewohner in die Gestaltung der Grünflächen mit einbeziehen. Hansen hatte die Hoffnung, dass die Menschen die Betonelemente begrünen und als Bänke nutzen und sie so zu einem Ort der Begegnung machen. Die Balkons sollten auf unterschiedlichste Weise genutzt werden, als Sitzgelegenheit, als Abstellmöglichkeit oder zum Wäsche aufhängen. Hinter dem Konzept steckte das Ziel, die gemeinschaftlichen Bereiche der Siedlung zum  Zentrum des sozialen Lebens der zukünftigen Bewohner zu machen. Hansen nannte diesen Ansatz "Theater der offenen Form".
Am Ende scheiterte das Projekt jedoch an der sozialistischen Realität, weil die Verwaltungen in Warschau und Lublin den Bewohnern nicht die Wohnungen zuwiesen, die sie mitgestaltet hatten. Schließlich kapitulierte Hansen vor der Bürokratie und errichtete seine dritte Wohnsiedlung – wieder in Warschau –, aber dieses Mal ohne die Beteiligung der zukünftigen Bewohner.

Die Häuser in der Wohnsiedlung Juliusz Słowacki in Lublin machen einen etwas vernachlässigten Eindruck. Trotzdem scheinen sich die Menschen hier wohlzufühlen, wie eine Bewohnerin berichtete. Vor allem die Ruhe mitten in einer 340.000 Einwohner zählenden Großstadt und die wunderschön begrünten Innenhöfe trügen zum Wohlbefinden bei.

Juliusz Słowacki

Juliusz Słowacki (1809–1849), nach dem die Siedlung benannt wurde, gehört neben Adam Bernard Mickiewicz (1798–1855) und Zygmunt Krasiński (1812–1859) zu den drei großen Nationaldichtern Polens, zu den sogenannten "Drei Barden". Er war ein Vertreter der polnischen Romantik und gilt als Vater des modernen polnischen Dramas. Seine Jugend verbrachte er in Krzemieniec, einer Stadt im Wolhynien (heute Ukraine); im litauischen Vilnius studierte er Jura und schrieb seine ersten Gedichte. Zu jener Zeit war Polen geteilt. Vilnius lag im russischen Teilungsgebiet, in dem es im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu mehreren Aufständen gegen die Besatzungsmacht kam. 1830 beteiligte sich Słowacki am Novemberaufstand, der scheiterte. Um der politischen Verfolgung zu entkommen, emigrierte er nach Paris, wo er 1849 auch starb. Zu seinen bekanntesten Werken gehört das Drama "Balladyna" aus dem Jahr 1835, nach dem in Lublin die nördlich an die Wohnsiedlung von Oskar Hansen angrenzende Straße benannt wurde. Zu Ehren des Dichters und Dramatikers steht in der Siedlung ein Denkmal. (fh)

Hotels

Booking.com

Sehenswürdigkeit

Lublin – Wohnsiedlung Juliusz Słowacki
ul. Balladyny
20-601 Lublin

Geodaten: 51.24479441719043,22.52096076526399
Wegbeschreibung auf Google Maps

powered by webEdition CMS