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Krakau (Kraków): Theater und Kneipe "Keller zu den Widdern"

Selbst bei noch so energischem Rütteln gibt die Tür nicht nach, was für eine ungehemmte Belustigung von zwei Herren hinter mir sorgt. Die Täuschung ist perfekt, der Ausgang trotz meiner Bemühungen auf der anderen Seite. Wunderbar fügt sich die „blinde“ Tür an der Wand in das Bild der Verwandlungskunst ein, die der Keller zu den Widdern (Piwnica pod Baranami) in Krakau (Kraków) als einsame Insel im grauen Ozean sozialistischer Volksbelustigung perfektioniert hatte.

Theater und Kneipe "Keller zu den Widdern"
Foto: Frank Hilbert

Das Theater wurde im Jahr 1956 von Studenten der Krakauer Kunstakademien gegründet. Sein Leiter und guter Geist war über 40 Jahre lang Piotr Skrzynecki, der – in der Tradition des Krakauer Kabaretts aus der Zeit der Jahrhundertwende – bis zu seinem Tod im Jahr 1997 für ein buntes Repertoire von lyrischen Liedern und kleinen Theater- und Kabarettstücken sorgte. Er beschränkte die Kleinkunstbühne nicht nur auf den Keller allein. Sein Erscheinungsbild (langer schwarzer Mantel, großer Hut, Bart), das dem eines Impresarios aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert angelehnt war, und seine legendären nächtlichen Feten an historischen Schauplätzen Krakaus nutzte Skrzynecki ebenfalls als Mittel, die starren Mauern von Zeit, Raum und politischer Gleichschaltung zu überwinden. Mit dem Zauber der Kunst erschaffte er wie kaum ein Anderer eine Illusion, die sein Publikum in den Bann zog.

Daran, wie der "Keller zu den Widdern" entstand, erinnerte sich die polnische Künstlerin Roma Ligocka:

Piotr erzählt Barbara und mir eines Tages ganz aufgeregt, er habe einen tollen Keller in der Stadt entdeckt und werde dort ein Cabaret eröffnen. Ob wir ihm helfen wollen, den Keller  herzurichten? Natürlich wollen wir! Es ist ein ehemaliger Weinkeller, ein wunderschönes altes Gewölbe in einem Palais, das früher der Fürstenfamilie Potocki gehört hat und direkt am Marktplatz liegt. Der Keller ist voller Schutt und Steine, aber am Abend haben wir es mit vereinten Kräften geschafft, ihn leer zu schaufeln. Ein paar Freunde schleppen ein Klavier hinunter, Barbara und ich stecken Kerzen in leere Weinflaschen, Piotr zimmerte im Handumdrehen eine kleine Bühne, und schon findet eine Vorstellung statt. Irgendjemand macht Musik, singt, liest vor. 'Wie soll das Cabaret heißen?', frage ich Piort. 'Unter den Widdern', erwidert er strahlend und gibt mir einen Kuss.[1]

Der Keller zu den Widdern war auch schon immer die Wiege zahlreicher Talente. Hier begannen die Karrieren der Chansonsänger Ewa Demarczyk, Marek Grechuta und Grzegorz Turnau und der Musiker und Komponisten Krzysztof Komeda (Filmmusik u. a. zu Roman Polanskis Rosemary`s Baby) oder Zbigiew Preisner (Filmmusik u. a. zu Dekalog und Drei Farben von Krzysztof Kieślowski). Auch heute besticht der urige Keller, zu dem mittlerweile auch ein kleines Kino gehört, im Sinne seines großen Ideengebers durch ein anspruchsvolles Programm und eine enorme Vielfalt hochprozentiger Getränke. Nach ausgiebigem Genuss der Letzteren ist es angebracht, die Bedienung nach dem richtigen Kellerausgang zu fragen. Nur eine ehrliche Antwort darf man nicht erwarten. (fh)

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Kontakt

Keller zu den Widdern (Piwnica pod Baranami)
ul. Św. Tomasza 27
31-000 Kraków
Tel.: +48 (0) 12 4220177
Internet: www.piwnicapodbaranami.pl

Anmerkungen

  1. Roma Ligocka, Das Mädchen im Roten Mantel, Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf., München 2002, S. 316

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