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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Benediktinerkloster in Tyniec bei Krakau

Bei seinem Anblick muss ich an die kleine Tonfigur denken, die in meinem Bücherregal steht. Der runde Bauch des Benediktinermönchs wölbt sich deutlich unter seiner braunen Kutte. Er wirkt vital, kompakt und trotz seiner geistigen Nähe zu den himmlischen Hemisphären zumindest körperlich doch sehr dem Irdischen verbunden. Mein kleiner Mönch aus dem Bücherregal weist noch eine Tonsur aus, deren Fehlen unser Begleiter jedoch durch licht werdenden Schopf wettmacht. Ungeachtet seiner Leibesfülle führt uns der Pater schnellen Schrittes mehrere Stufen hoch in den Eingangsbereich des auf einem mächtigen Felsen am Ufer der Weichsel erbauten Benediktiner-Klosters in Tyniec.

Das Kloster in Tyniec auf einem FelsenPolen Fotos
Das Kloster in Tyniec thront auf einem Felsen am Ufer der Weichsel. Fotos: Frank Hilbert

Die Ursprünge des ältesten Klosters in Polen gehen auf die Mitte des 11. Jahrhunderts zurück. Im Jahr 1044 habe Fürst Kasimir der Erneuerer eine kleine Gruppe von Benediktinermönchen aus Köln, der Heimatstatt seiner Mutter, in den knapp 12 km von Krakau (Kraków) entfernten Ort geholt. Nach einer weiteren Überlieferung sollen die ersten Mönche aus der Benediktinerabtei im französischen Cluny, die sowohl architektonisch wie auch organisatorisch als Vorbild für andere Benediktinerniederlassungen diente, gekommen sein.

Mittelalterliche Malereien lassen Pracht erahnen

Der romanische Rundbogen des in die aus Feldsteinen errichtete Wand gehauenen Portals erinnert uns daran, dass wir nun im ältesten Teil des Klosters stehen. Der Pater erzählt uns, dass diese Wand, die den Kreuzgang von der Kirche trennt, die einzig erhaltene Wand der ursprünglichen romanischen Klosterkirche ist. Das Portal war der frühere Haupteingang der Kirche. Reste der mittelalterlichen Wandmalereien lassen die einst bunte Pracht der Kirche erahnen. An der östlichen Wand des Kreuzganges befindet sich der gewölbte Kapitelsaal aus dem 14./15. Jahrhundert, ausgemalt mit restaurierten Fresken mit religiösen Motiven. Der Name des Saals geht auf die Tradition zurück, im Anschluss an die Morgengebete ein Kapitel aus dem Regelwerk des hl. Benedikt vorzulesen. In diesem Raum begann und endete früher das klösterliche Leben eines Benediktiner aus Tyniec: Nachdem ein Novize sei Gelübde abgelegt hatte, wurde er hier in sein Mönchsgewand gekleidet. Nach einem arbeits- und gebetsreichen Leben wurde der Benediktiner schließlich in einer Gruft unterhalb des Kapitelsaals zwischen seinen verstorbenen Mitbrüdern beerdigt.

"Es waren keine Barbaren."

In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wurden sowohl die Kirche wie auch die Klostergebäude im gotischen Stil umgebaut. Für die Umbauarbeiten verwendete man Material aus den romanischen Bebauungen, wodurch außer einiger Teilbereiche der Klosterfundamente kaum noch romanische Bausubstanz erhalten ist. Weitere Veränderungen aus der Zeit des 17. Und 18. Jahrhunderts sind insbesondere in der jetzigen Kirche des Klosters zu sehen. Während der Pater uns die Allegorien der barocken Ausschmückungen des Altars und der Kanzel erläutert, lässt er auch Kritik an seiner Mutterkirche nicht aus: „Sehen Sie, im 17. Jahrhundert wurden alle romanischen und gotischen Schmuckelemente mitsamt der älteren, teilweise heidnischen Symbolik entfernt. Es waren keine Barbaren, welche das wertvolle Kulturgut vernichtet haben, nein, es war unsere katholische Kirche selbst. Die Vernichtungswut im Zuge der Intoleranz gegenüber allem, was nicht christlichen Ursprungs war, machte auch vor dem Kulturerbe nicht halt.“

Kloster Tyniec 1816 aufgelöst

Der Pater führt uns auf den Kirchenvorplatz hinaus. „Die hohen Mauern, die das Kloster umgeben, sind zwischen 1769 und 1771 entstanden“, erzählt er uns. Die politischen Ereignisse der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, erfahren wir, hätten auch Tyniec nicht verschont. Die Konföderierten von Bar (ein Zusammenschluss polnischer Adeliger, die am 29. Februar 1768 auf der Festung von Bar in Podolien gegründet worden war, um die Unabhängigkeit Polens gegenüber dem feindlichen Russland zu verteidigen) hatten Tyniec in eine Festung verwandelt. Die Kämpfe der Polen gegen die russische Armee unter der Führung von General Aleksander Suvorov begannen am 20. Mai 1771 und dauerten bis zur Kapitulation der Konföderierten im Jahr 1772 an. Die Polen mussten sich der Übermacht der Feinde beugen, nachdem die Russen militärischen Beistand von den Österreichern erhalten hatten. Im Jahr 1772 wurde die erste Teilung Polens besiegelt, und im Zuge der Teilung befand sich Tyniec nun auf österreichischem Staatsgebiet. Das durch die Kämpfe stark beschädigte Kloster verfiel, und schließlich wurde es im Jahr 1816 von den österreichischen Besatzern aufgelöst.
Erst am 30. Juli 1939, nur einen Monat vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, sollten sich Benediktinermönche wieder in Tyniec niederlassen. Der Wiederaufbau der Klosterruine dauerte etappenweise von 1947 bis 2008 und ist - auch wenn die sichtbaren Kriegsschäden beseitig worden sind - immer noch nicht abgeschlossen.

Hauptfassade der Klosterkirche
Hauptfassade der Klosterkirche.

Klosterbibliothek - als Dauerleihgabe nach Tarnów

Die reiche Innenausstattung der Klosterkirche, die Bibliothek und das Archiv fielen der Vernichtung zum Opfer oder wurden entwendet. Liturgische Gegenstände, Bücher und Bilder sind heute in verschiedenen polnischen Museen verstreut. Die wertvollsten Handschriften aus Tyniec sind jetzt Bestand der Sammlung der Nationalbibliothek in Warschau. Fast die gesamte Tyniecer Klosterbibliothek gehört nun zur Büchersammlung des Priesterseminars in Tarnów. Unser Pater wird ganz rot im Gesicht, wenn er das Thema anreißt. Unter dem Mäntelchen der seit Jahrzenten tagtäglich geübten Demut gegenüber Gott und dem Schicksal brodelt es gewaltig. „Die Tarnower wollen uns partout unsere Bibliothek nicht zurückgeben. Wir haben uns deswegen sogar an die Kirchenobrigkeit gewandt, aber die hat entschieden, dass die Bücher als Dauerleihgabe in Tarnów verbleiben sollen. Wir nennen das keine „Leihgabe“, sondern Raub. Aber wir haben ohnehin nichts zu sagen“, schnaubt er.

Auf dem Kirchenvorplatz endet die Führung. Der geschlossene Klosterbereich, in dem die Mönche leben, ist für Besucher nicht zugänglich. Die Benediktiner leben jedoch in keiner strengen Klausur. Der klösterliche Alltag der Benediktiner ist ein dichtes Flechtwerk von Gebet und Arbeit, gemäß der Regel des hl. Benedikt „Ora et labora“ (Bete und arbeite). Die Mönche von Tyniec führen eine Religionsschule, einen Buchladen, ein multimediales Museum mit einem Lapidarium aus der romanischen Zeit, ein Cafe, arbeiten im klostereigenen Garten und stellen diverse Klosterspezialitäten wie Met, Kräuterliköre, Kräutertees, Honig, Brot usw. her, die sie in einem kleinen Laden verkaufen.

Mönche als Soziale Netzwerker

Ferner sind ihnen auch moderne Medien wie das Internet und die sozialen Netzwerke kein Fremdwort: Die Benediktinerabtei in Tyniec hat eine sehr informative Webseite, die unter der Adresse www.tyniec.benedyktyni.pl zugänglich ist. Wer einen Einblick in das Ordensleben in Tyniec erhalten möchte, wird auf www.youtube.de viele schöne Filme finden. Darüber hinaus ist jeden Samstag unter www.tyniec.benedyktyni.pl Pater Leon auf Sendung. In kurzen Beiträgen widmet er sich verschiedenen religiösen und gesellschaftlichen Fragen und Problemen. Er führt auch einen eigenen Blog (ojciecleon.blog.onet.pl), und man erreicht ihn sogar auf facebook (www.facebook.com/leonknabit). (fh)

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Kontakt

Opactwo Benedyktynów w Tyńcu (Benediktinerkloster in Tyniec)
ul. Benedyktyńska 37
30-398 Kraków
Tel.: +48 (0) 12 6885452
Fax: +48 (0) 12 6885453
E-Mail: tyniec@benedyktyni.pl
Internet: www.tyniec.benedyktyni.pl

Öffnungszeiten:
In die Kirche und Chorgang des Klosters in Tyniec gelangt man nur mit einer Führung, die zu jeder vollen Stunde angeboten werden. Mo - Fr 09.00 - 12.00 Uhr, 14.00 - 17.00 Uhr Sa 09.00 - 14.00 Uhr So 10,00, 12.00 - 18.00 Uhr

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