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Die Deutsch-Polnische Gesellschaft
Towarzystwo Niemiecko-Polskie
Kiel e. V.

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft Kiel e. V., kurz DPG Kiel, hat sich zur Aufgabe gemacht, eine Annäherung zwischen den Menschen in Polen und Deutschland zu erzielen. Der Verein kann inzwischen auf eine über 40-jährige Geschichte zurückblicken. Wir sprachen mit dem ehemaligen Vorsitzenden Roland Reche (1922-2017), der 1972 zu den Gründungsmitgliedern zählte.

Roland Reche im Gespräch mit einem Mitglieder DPG
Roland während einer Majówka der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel im Gespräch. Fotos: Frank Hilbert

Herr Reche, was war der Anlass für die Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel im Jahr 1972?

Reche: Im Dezember 1970 fuhren Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel nach Warschau, um den "Warschauer Vertrag" zu unterzeichnen. Die damalige Politik, die bereits in den 60er Jahren vom CDU-Außenminister Gerhard Schröder eingeleitet worden war, stand unter dem Motto „Wandel durch Annäherung“. Für Polen war der Vertrag das erste Signal, dass die Bundesrepublik das Land politisch wahrnimmt. Der damalige Kieler Oberbürgermeister, Günther Bantzer, der Kulturamtschef, Dieter Opper, und die Industrie- und Handelskammer wollten diesen Annäherungsprozess zwischen den beiden Ländern unterstützen. Von ihnen ging eine Initiative zu einer Veranstaltungsreihe über Polen aus, die im größeren politischen Rahmen durch den "Warschauer Vertrag" angeschoben worden war. Aus der Mitte des Kulturamtes Kiel kam schließlich die Initiative zur Gründung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel e. V.

Wie viele Gründungsmitglieder zählte der Verein?

Reche: Es waren um die 50 bis 60 Leute aus Kiel und dem Kieler Umland, zum Beispiel aus Plön, Lütjenburg, Eckernförde und anderen Orten.

Waren Sie von Anfang dabei?

Reche: Ich hatte bereits vorher von den Gründungsabsichten erfahren und habe von Anfang an mitgemacht. 1973 wurde ich zum Vorsitzenden des Vorstandes gewählt, den ich bis 1993 geleitet habe.

Warum haben Sie sich in der Deutsch-Polnischen Gesellschaft engagiert?

Reche: Ich wurde in Kreuzburg in Schlesien, das heute Kluczbork heißt, geboren und ging später in Brieg (poln. Brzeg – Anm. des Redakteurs) zur Schule. Von daher kommt die erste Hälfte meines Interesses für Polen. Als Kind habe ich über unseren östlichen Nachbarn so gut wie nichts erfahren. Das damalige Desinteresse der Deutschen an Polen kann man "preußischen Hochmut" nennen. Meine Geburtsstadt war nur 20 km von der polnischen Grenze entfernt. In der Gegend wurde auch ein polnischer Dialekt gesprochen. Den Tonfall habe ich noch im Ohr. Aber Polnisch als Fremdsprache wurde in der Schule nicht unterrichtet. Die Fortsetzung dieser Haltung der Deutschen hat sich im II. Weltkrieg gefunden. Von daher habe ich meine Aufgabe darin gesehen, hier in Kiel die Kenntnisse über Polen anzureichern.

Und die zweite Hälfte für Ihr Interesse an Polen?

Reche: Die andere Hälfte ist politisch motiviert. Ich bin über die Ostpolitik von Brandt und Scheel zur SPD gekommen. Mir war klar, dass man auch die mittel- und osteuropäischen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang beim europäischen Gestaltungsprozess berücksichtigen musste.

Wie wollten Sie den Menschen hier das Leben und die Kultur Polens näher bringen?

Reche: Ab 1973 und jährlich ab 1983 hat der Verein Studienreisen nach Polen organisiert. Wir haben polnische Bekannte und Freunde in die Gestaltung des Besuchsprogramms mit einbezogen. Daneben haben wir regelmäßig Kultur- und Vortragsveranstaltungen angeboten. Die Deutsch-Polnische Gesellschaft beteiligt sich auch mit den verschiedensten Veranstaltungen an der Interkulturellen Woche in Kiel und an der Kieler Woche.

War die Kieler Deutsch-Polnische Gesellschaft die erste in der Bundesrepublik?

Reche: Es gab bereits eine Gesellschaft in Düsseldorf, die – ich will mal sagen – kommunistisch unterfüttert war. Mit den Düsseldorfern hatten wir außerdem sehr spannungsgeladene Gespräche, weil sie einen Alleinvertretungsanspruch geltend machten.

Inzwischen gibt es im gesamten Bundesgebiet ungefähr 50 Deutsch-Polnische Gesellschaften.

Reche: Seit 1972 kamen sehr schnell Hamburg, Lübeck, Norderstedt, Hannover und Bremen hinzu. Einer der Förderer in Bremen war Hans Koschnick. Wir haben den Kontakt zu diesen Gesellschaften gesucht. Daraus ist eine Arbeitsgemeinschaft der norddeutschen Gesellschaften entstanden, die sich regelmäßig in Bad Segeberg getroffen hat. Die Teilnehmer kamen bis aus Göttingen. Treffpunkt war eine Kindertagesstätte, die uns Pastor Rudolf Baron von der Segeberger Gesellschaft sehr günstig für unsere Treffen zur Verfügung stellte.

Worum ging es auf diesen Treffen?

Reche: Wir haben mit den anderen Vorständen Erfahrungen ausgetauscht und Veranstaltungen geplant.

Heute gibt es auch einen Bundesverband.

Reche: Es ist nicht bei Bad Segeberg als einzigem Tagungsort geblieben. Wir haben uns schließlich auch in Hamburg, Göttingen und Bremen getroffen. Daraus ist allmählich der Bundesverband entstanden, der vor kurzem sein 20-jähriges Bestehen feiern konnte.

Informieren Sie Ihre Mitglieder und an Polen Interessierte über Ihre Arbeit?

Reche: Etwa alle drei Monate veröffentlichen wir Kieler unsere "Mitteilungen", in denen wir über vergangene und geplante Veranstaltungen informieren. Der Bundesverband gibt seit 1987 ein eigenes, sehr professionell gestaltetes Magazin mit dem Titel "Dialog" heraus. Der Chefredakteur, Basil Kerski, ist ein hervorragender, zweisprachiger Fachmann. Die Herausgabe des Magazins ist ein wichtiger Schritt gewesen, um die Deutsch-Polnische Gesellschaften zu stärken und um verstärkt in der Öffentlichkeit in Polen und in Deutschland wahrgenommen zu werden.

Am Anfang haben zwei Redakteure das Magazin herausgebracht. Zumindest ein Name dürfte in Polen und in Deutschland bekannt sein.

Reche: Adam Krzemiński, der auch für das polnische Nachrichtenmagazin Polityka schreibt. Der andere Redakteur heißt Günter Filter.

In der Bundesrepublik setzte erst in den 70er Jahren eine Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit ein. Der Kalte Krieg hatte seinen Höhepunkt gerade erst überschritten. Wie gestaltete sich die Arbeit des Verbandes in jener Zeit?

Reche: In den ersten Jahren unserer Arbeit tauchten die Deutsch-Polnischen Gesellschaften in den Verfassungsschutzberichten auf, weil der Osten verdächtig war. Unsere Arbeit wurde von Vertretern der Vertriebenenverbände angegriffen. Die Ostpolitik von Brandt und Scheel wurde in den 70er Jahren nicht von allen gut geheißen. Es gab heißen Streit im Bundestag. Es flogen die Fetzen, als es um die Ratifizierung des "Warschauer Vertrages" ging. Heute ist das ganz anders. 1990 hat die Bundesrepublik mit Polen einen Grenzvertrag und 1991 einen Vertag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit geschlossen. Polen ist inzwischen Mitglied der NATO und der Europäischen Union.

In der letzten Zeit hat sich das Verhältnis zwischen Polen und Deutschland über den Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen getrübt.

Reche: Auch in den 70er und 80er Jahren gab es Betonköpfe auf beiden Seiten, die "Bündnisse schlossen" und von den Argumenten der Gegenseite lebten. Ein Vertreter auf deutscher Seite war der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, Herbert Czaja, der nicht um Ausgleich mit Polen bemüht war. Heute ist es seine Nachfolgerin Erika Steinbach, die mit den Vertriebenen als Wählern spielt. Sie ist aus der Sicht Polens verdächtig, weil sie sich 1990 gegen den Grenzvertrag ausgesprochen hatte und ein Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin errichten will. Und dann gibt es noch die "Preußische Treuhand", die Vermögensrechte von Vertriebenen  in den ehemaligen deutschen Ostegebieten juristisch durchsetzen will. Ihr Aufsichtsratsvorsitzender, Rudi Pawelka, ist auch der Stellvertreter von Steinbach. Polens Ministerpräsident Jarosław Kaczyński auf der anderen Seite nutzt die Aktivitäten von Erika Steinbach für seine politischen Zwecke. Wie bereits gesagt: Polen ist heute Mitglied der EU und der NATO. Außerdem hat sich aus beiden Völkern heraus in den letzten dreißig Jahren so viel Positives getan. Es gibt Freundschaften zwischen Deutschen und Polen, Städtepartnerschaften, Schulklassen aus Polen und Deutschland besuchen sich gegenseitig. Ich gebe dem Zerwürfnis auf Dauer keine Chance.

Seit 1985 gibt es eine Städtepartnerschaft zwischen Kiel und Gdynia.

Reche: Die 80er Jahre in Polen waren die Zeit des Kriegsrechts mit einer außerordentlich schwierigen wirtschaftlichen Situation. 26 Hilfstransporte gingen von Kiel auf die Reise nach Gdynia. Kiel wollte die Hafenstadt an der Ostsee als Partnerstadt, und wir haben dazu beigetragen, eine Partnerschaft auf den Weg zu bringen.

Welches war Ihr schönstes Erlebnis?

Reche: Ein besonders schönes Erlebnis hatte ich am 1. September 1989, genau 50 Jahre nach dem Überfall Deutschlands auf Polen, der bekanntlich mit der Beschießung der Westerplatte durch das deutsche Linienschiff "Schleswig-Holstein" begann. Kurz zuvor hatte ich einen Brief an den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Björn Engholm, geschrieben, in dem ich ihm vorschlug, den Zerstörer "Schleswig-Holstein" nach Danzig zu den Feierlichkeiten zu entsenden. Deutsche Soldaten sollten gemeinsam mit polnischen Soldaten junge Bäume auf dem Gelände der Westerplatte pflanzen. Daraus wurde aber nichts. Die NATO war damals noch nicht so weit. Dann haben wir einen Aufruf quer durch alle Parteien gestartet und bei der Stadt Gdynia angefragt, ob die Teilnahme einer Kieler Delegation an den Feierlichkeiten genehm sei.

Stand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel
Gemeinsamer Stand der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel (DPG) und Polonus Kiel während der Interkulturellen Wochen.

Waren die Kieler willkommen?

Reche: Die Antwort auf unseres Anfrage war eine Einladung. Wir haben an den offiziellen Feierlichkeiten zum Jahrestag teilgenommen. Es war ein wunderschöner Spätsommertag. Der Staatsratsvorsitzende, Wojciech Jaruzelski, hielt die Festansprache mit einem allgemeinen Aufruf für Frieden in dieser Welt. Auf der einen Seite von ihm stand sein einstiger Ministerpräsident Mieczysław Rakowski und auf der anderen Lech Wałęsa und der amtierende Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki. Das war eine sinnbildliche Aufreihung. Die einen standen für das überlebte Polen, die anderen für die Zukunft des Landes. Für mich ist dieses Bild unvergesslich und gleichzeitig mit ein Ergebnis der Brandt-Politik "Wandel durch Annäherung".

Wie gestaltet sich die Arbeit des Verbandes heute.

Reche: Sie ist schwieriger geworden, weil sie in den 70er und 80er Jahren – der Pionierzeit – von der Begeisterung getragen worden ist. Diese Zeit ist vorbei. Einige Gründungsmitglieder sind bereits gestorben, andere während ihrer Arbeit für die Deutsch-Polnische Gesellschaft alt geworden. Das Durchschnittsalter ist relativ hoch. Die Gesellschaft ist nicht mehr so auf der Tagesordnung. Der Aufbau einer neuen Arbeit ist mühsam. Andererseits hat sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Polen heute normalisiert. Eines unserer Mitglieder, Dr. Helmut Stephan, gibt an der Volkshochschule Sprachkurse für Polnisch. In seinen Kursen unterrichtete er früher ältere Menschen, die als so genannte Heimwehtouristen ihre alte Heimat besuchen wollten und deshalb Polnisch paukten. Heute sind es überwiegend junge Leute, die am Unterricht teilnehmen. Sie sind mit Polen verheiratet oder haben wirtschaftliche Kontakte geknüpft, für die sie Polnisch lernen wollen. Polen kommen nach Deutschland, um zu arbeiten. Es haben sich Freundschaften über die Grenzen hinweg entwickelt. Es ist ein ganz neuer Bedarf entstanden. Für mich ist das ein Signal dafür, dass sich die Nachbarschaft mit Polen normalisiert hat, wie es mit Frankreich und Großbritannien schon seit vielen Jahren der Fall ist. In die Vorstandsarbeit haben wir junge Polen einbezogen, die in Kiel studieren. Mit ihrer Hilfe hoffen wir, auch junge Deutsche für unsere Aufgaben zu gewinnen. Erste Ansätze dafür gab es schon.

Hat sich an dem ursprünglichen Ziel der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, nämlich der Annäherung zwischen Deutschen und Polen - etwas geändert?

Reche: Viele bei uns haben bis heute nicht begriffen, dass Polen ein mitteleuropäischer Nachbar ist, der auch kulturell zu Mitteleuropa gehört. Das hat Tradition. Für Konrad Adenauer begann der "heidnische Osten" bereits östlich der Elbe. Wie wenig die Menschen über unseren östlichen Nachbarn wissen, stelle ich immer wieder in Gesprächen fest. Der überwiegende Teil der Deutschen hat nur eine undeutliche Vorstellung von Polen. Wir bekommen oft Anfragen, ob und wie man nach Polen reisen könne. Solche dummerhaften Fragen kommen tatsächlich noch. Die Vorstellung vieler Deutscher: In Polen werden die Autos geklaut und es wird gesoffen, um nur einige der schlimmsten Vorurteile zu nennen. Es gibt immer noch eine Unkenntnis vom Osten. Es bleibt eine Aufgabe der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, etwas gegen diese Unkenntnis zu tun.

Wie sehen Sie Polen?

Reche: Polen hat wunderbare Landschaften, die nicht so dicht besiedelt sind wie bei uns. Da kann man durchatmen. Die polnischen Nachbarn sind überaus gastfreundlich. Es gibt bezaubernde Renaissance-Städte, wie zum Beispiel Zamość. Und es gibt Brieg, in dem ich aufgewachsen bin. Brieg ist eine mittelgroße Stadt in Schlesien, die heute Brzeg heißt. Eine Rückkehr zum ältesten Namen. Inzwischen ist es so, dass ich dort wieder zu Hause bin. Ich habe in Brieg viele Menschen kennen gelernt. Ich weiß, dass ich dort bei einer ganzen Reihe von polnischen Freunden willkommen bin.

Herzlichen Dank für das Interview. (fh)

  1. Deutsch-Polnische-Gesellschaft Kiel (DPG)
  2. Polonus Kiel (deutscher Text)
  3. Polonus Kiel (polnischer Text)
  4. Polnische Bibliothek Kiel
  1. polonuskiel.wordpress.com (offizielle Website Polonus Kiel)
  2. www.facebook.com/polnische.bibliothek.kiel (Polnische Bibliothek Kiel)
  3. www.dpg-kiel.de (Offizielle Website der Deutsch-Polnischen Gesellschaft Kiel)