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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Willenberg (Wielbark) in Masuren, Polen

Groß ist Willenberg nicht. Die Gemeinde zählt gerade einmal 2.600 Einwohner. Fährt man auf der Hauptstraße, die sie von Süd nach Nord durchläuft, vermittelt sie einen anderen Eindruck. Die Wohnhäuser haben kleinstädtischen Charakter, und in der Ortsmitte sticht ein klassizistischer Kirchenbau ins Auge.

Schuppen und klassizistische Kirche in Willenberg (Wielbark)
Die klassizistische Kirche wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts nach Plänen von Karl Friedrich Schinkel errichtet. Fotos: Frank Hilbert

Die Kirche ist geschlossen, als ich sie besichtigen möchte. Schade, denn sie ist ein sehr schönes Beispiel für einen klassizistischen Bau, den ich mir gern von Innen angesehen hätte. Es handelt sich um ein Saalgebäude mit einem an der Westfassade angebauten Turm. Errichtet wurde es zwischen 1823 und 1827 nach Plänen des Berliner Architekten Karl Friedrich Schinkel. Die Kirchenweihe fand am 27. September 1827 statt. Genutzt wird das ehemalige evangelische Gotteshaus heute nicht mehr. Die Katholiken gehen in die nahe gelegene Kirche des heiligen Nepomuk, einen neogotischen Bau, zur Messe.

Willenberg lag im Mittelalter im südlichen Teil des Ordensstaates in der Nähe der Grenze zu Polen. Daran änderte sich bis 1945 nichts, sieht man einmal davon ab, dass in der Zeit der polnischen Teilungen das angrenzende polnische Gebiet zum zaristischen Russland gehörte. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichteten die Ordensritter in Willenberg eine Festung aus Holz, die sie später durch eine aus Stein ersetzten. Die Lage war ideal. "Wildenberg", wie die Ordensritter die Festung zunächst nannten, lag in der Masurischen Tiefeben am Fluss Omulef, dessen Wasser die Ritter aufstauten und in den Burggraben umleiteten, wodurch eine künstliche Insel entstand. Die Burg diente als Sitz eines Pflegers der Komturei Osterode (Ostróda) und sollte die Grenze zum benachtbarten Polen schützen.
Von der Burg gibt es keine Überreste. Auch ihr genauer Standort ist nicht bekannt, obwohl die Burginsel auf historischen Karten eingezeichnet ist. Nur soviel scheint festzustehen: Pfleger standen in der Hierarchie des Ordens relativ weit unten. Ihre Burgen waren deshalb kleiner als zum Beispiel die der Komturen und bestanden in der Regel aus einem Haupthaus, das unterkellert war, und einem Wirtschaftsgebäude. Umschlossen war das Gebäudeensemble von einer Wehrmauer. Die Pflegerburg in Willenberg machte da keine Ausnahme. Zumindest weiß man, welche Waffen in ihr für den Verteidigungsfall gelagert wurden. Es waren Helme, Kettenhemden, Armbrüste und eine Kanone. Das geht aus einer Inventurliste des Ordens aus dem Jahr 1397 hervor, die erhalten geblieben ist.[1]

Nach dem Zweiten Thorner Frieden, der 1466 geschlossen wurde, spaltete sich Westpreußen mit den wirtschaftlich bedeutenden Städten Danzig (Gdańsk) und Elbing (Elbląg) vom Ordensstaat ab und unterstellte sich dem polnischen König. Willenberg blieb Teil des Ordensstaates, der 1525 in das weltliche Herzogtum Preußen umgewandelt wurde. Wirtschaftlich profitierte Willenberg von seiner Lage an Flüssen und einem Handelsweg, der Warschau mit Königsberg verband. Im Mittelalter verhütteten die Menschen Raseneisenerz, das in der Gegend vorkam und trieben Handel. Es gab einen Pferdemarkt. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts entwickelte sich ein prosperierendes Tuchmachergewerbe. Obwohl Willenberg wirtschaftlich an Bedeutung gewann, wurde ihm erst 1723 das Stadtrecht durch den preußischen König Friedrich Wilhelm I. verliehen.

Wohnhäuder in Willenberg (Wielbark)
Häuser mit städtischem Charakter an der Hauptstraße.

Die Grenzlage zu Polen und Rußland zog das Land immer wieder in kriegerische Auseinandersetzungen hinein. Während des Zweiten Schwedisch-Polnischen Krieges (1655–1661) zum Beispiel plünderten und brandschatzten Tataren den Ort.
1807 zogen 70.000 napoleonische Soldaten durch Willenberg. Ein Teil von ihnen quartierte sich in der Stadt ein. Unter ihnen war kein Geringerer als der französische Kaiser Napoleon Bonaparte (1769–1821). Vom 21. Januar bis zum 2. Februar machte er die Amtsstube zu seinem Hauptquartier. Für die Verpflegung der Soldaten wurde eigens eine Feldbäckerei errichtet, für die mehrere Gebäude abgerissen werden mussten, um Platz zu schaffen. Die Kosten für Verpflegung und Einquartierung bürdeten die Franzosen Willenberg auf. Es war eine finanzielle Belastung, die die Stadt nur stemmen konnte, indem sie einen Teil ihrer Liegenschaften verkaufte.

Fünf Jahre später wurde die Amtsstube ein zweites Mal Schauplatz eines historisch bedeutenden Ereignisses: Zar Alexander I. traf sich hier mit General Friedrich von Kleist (1762–1823), der ihm die Zusicherung überbrachte, das Preußen an der Seite Rußlands gegen Napoleon kämpfen werde.
Verheerend waren die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges (1914–1918). Im August 1914 war von Süden die Narew-Armee unter General Alexander Samsonow (1859–1914) in Ostpreußen einmarschiert und lieferte sich in der Nähe von Willenberg schwere Kämpfe mit den Deutschen, bei denen zehntausende Soldaten auf beiden Seiten ums Leben kamen. Nachdem die Narew-Armee in der "Schlacht von Tannenberg" vernichtend geschlagen worden war, nahm sich Samsonow am 30. August 1914 am Rande des rund acht Kilometer entfernten Dorfes Klein Piwnitz das Leben. Dreimal wurde Willenberg im Verlauf des Ersten Weltkrieges von russischen Truppen besetzt und teilweise zerstört. Die klassizistische Kirche, die 1827 geweiht worden war, diente in dieser Zeit als Militärkrankenhaus.

Nach dem Ersten Weltkrieg entstand der Mythos von Tannenberg, der als Revanche für die verlorene Schlacht des Deutschen Ordens gegen ein vereinigtes polnisch-litauisches Heer im Jahr 1410 galt. Trotz der militärischen Erfolge 1914 in Ostpreußen verlor das deutsche Kaiserreich den Ersten Weltkrieg. Kaiser Wilhelm II. ging ins niederländische Exil, und die Siegermächte beschlossen im französischen Versailles Volksabstimmungen in ethnisch gemischten Grenzregionen des Reiches über deren staatliche Zugehörigkeit. In Masuren, wo die ethnische Gruppe der Masuren lebte, die noch überwiegend polnisch sprach, mussten sich die Menschen 1920 entscheiden, ob sie in Zukunft in Deutschland oder in Polen leben wollten. Das Wahlergebnis in Willenberg spiegelt das Ergebnis im gesamten Abstimmungsgebiet wider: Mit 1.851 zu 24 Stimmen sprachen sich die Willenberger für den Verbleib im Deutschen Reich aus.

Auch den Zweiten Weltkrieg (1939–1945) verlor Deutschland. Die Auswirkungen für die Menschen, die in Willenberg lebten, waren jedoch noch gravierender als 1918. Rund 60 Prozent der Stadt lagen in Schutt und Asche. Die Einwohner waren geflohen oder wurden vertrieben. Masuren – und damit Willenberg – wurden unter polnische Verwaltung gestellt. Polen zogen nach Willenberg, dem aufgrund der massiven Zerstörungen und des Einwohnerrückganges das Stadtrecht entzogen wurde.

Umgeben ist Willenberg von dichten Wäldern, die auf der einen Seite der Erholung dienen und auf der anderen Seite wirtschaftlich ausgebeutet werden. So baute 2007 der Möbelkonzern IKEA im nördlichen Teil des Ortes ein Sägewerk, das von der Hauptstraße durch einen Erdwall vor neugierigen Blicken geschützt ist.

1939 lebten in Willenberg ungefähr 2.600 Menschen, heute sind es wieder ungefähr 2.600. Trotzdem hat Willenberg, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges Wielbark heißt, das Stadtrecht nicht wieder zurückerhalten. (fh)

Sehenswürdigkeiten

  • Ehemalige evangelische Kirche, zwischen 1823 und 1827 im Stil des Klassizismus errichtet, ul. Władysława Jagiełły 11
  • Soldatenfriedhof mit Gräbern von russischen und deutschen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, ul. Kętrzyńskiego 9
  • Samsonow-Stein in Klein Piwnitz, acht Kilometer von Willenberg entfernt, Geodaten: 53°21'59.1"N 20°51'48.4"E

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Willenberg (Wielbark), Polen12.11.2019 – 21:48 Uhr
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WillenbergWetter Polen5.83 °CLuftfeuchte: 100%
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Windgeschwindigkeit: 2.1 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Anmerkungen

  1. Burgen im Deutschordensstaat Preußen – Pomesanien, Oberland, Ermland, Masuren, Malgorzata Jackiewicz-Garniec und Miroslaw Garniec, Studio Wydawnicze ARTA Mirosław Garniec, Olsztyn 2009, S. 440 f.

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