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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Eisenbahnbrücken bei Staatshausen (Stańczyki), Polen

Zwei Eisenbahnbrücken führen in der Nähe von Staatshausen (Stańczyki) im Nordosten der Wojewodschaft Ermland-Masuren über das Flusstal der Blinde (Błędzianka). Erbaut wurden sie zwischen 1912 und 1918. Schon seit langem fahren hier keine Züge mehr. Heute sind sie ein technisches Denkmal, das besichtigt werden kann.

Zwillings-Eisenbahnbrücke in Staatshausen (Stynczyki) in PolenPolen Fotos
Die beiden Viadukte bei Staatshausen. Fotos: Frank Hilbert

Die beiden Brücken waren Teil der Eisenbahnlinie Goldap – Szittkehmen, die 1945 stillgelegt wurde. Sie sind 178 m lang und verlaufen in einer Höhe von 36 m über das Tal der Blinde (Błędzianka). Die eine der Brücken wurde zwischen 1912 und 1914 und die zweite 1918 errichtet. Als Vorbild dienten den Architekten römische Aquädukte. Jede der beiden Brücken ruht auf vier Pfeilern aus Stahlbeton, die ursprünglich aus ästhetischen Gründen mit Feldsteinen verkleidet werden sollten, worauf die Brückenbauer am Ende jedoch verzichteten. Das Brückengeländer wurde ebenfalls in Eisenbeton ausgeführt. Dadurch solle der monumentale Eindruck des Bauwerks verstärkt werden, hieß es in einem Erläuterungsbericht. Um die nördliche Brücke zu stabilisieren, betonierten Arbeiter in ihre Pfeiler Baumstämme ein.
Die imposanten Brücken täuschen darüber hinweg, dass sie Teil einer Nebenstrecke waren, auf der die Züge höchstens 40 Kilometer pro Stunde fahren durften.

Planung und Bau

1860 nahm die Preußische Ostbahn den letzten Abschnitt ihrer Bahnlinie Königsberg (Kaliningrad) – Gumbinnen (Gussew) – Stallupönen (Nesterow)– Eydtkuhnen (Tschernyschewskoje) in Betrieb. Die Bahnlinie befindet sich heute in Russland und verläuft parallel zur russisch-polnischen Grenze. Südlich des östlichen Abschnitts liegt die Rominter Heide mit ihren ausgedehnten Wäldern und Heidegebieten. Der deutsche Kaiser Wilhelm der II. machte sie Ende des 19. Jahrhunderts zu seinem bevorzugten Jagdgebiet ("Hofjagdrevier") und ließ sich hier sein luxeriöses Jagdschloss Rominten mit Stabkirche und Trakehner Hof errichten. Seit 1901 verband eine Bahnlinie die Orte Stallupönen mit Goldap, das am südwestlichen Rand der Rominter Heide liegt. Im Volksmund hieß die Westumgehung der Rominter Heide "Rominten-Express". An ihr befand sich auch der Bahnhof Groß Rominten, an dem der Kaiser ausstieg, wenn er zur Jagd in seine östliche Provinz reiste.

Ende des 19. Jahrhunderts reiften Pläne heran, die Städte Gumbinnen und Goldap (Gołdap) durch eine 90,1 Kilometer lange Bahnlinie zu verbinden, die über Tollmingkehmen (Tschistyje Prudy) und Szittkehmen (Żytkiejmy) in einem großen Bogen östlich um die Rominter Heide herum verlaufen sollte. 
Für den 49,1 Kilometer langen nördlich der Rominter Heide verlaufenden Streckenabschnitt Gumbinnen – Szittkehmen wurden 1904 die Gelder bewilligt. 1907 konnte der erste Streckenabschnitt zwischen Gumbinnen und Tollmingkehmen dem Verkehr übergeben werden, ein Jahr später folgte der Abschnitt Tollmingkehmen – Szittkehmen. Einer Bekanntmachung der Königlichen Eisenbahndirektion, die im Goldaper Kreisblatt im Juli 1908 veröffentlicht wurde, kann man entnehmen, dass die Bahn sowohl dem Personen- als auch dem Güterverkehr diente:

Am 15. August d. Js. wird die normalspurige 15,58 Kilometer lange Nebenbahn-Reststrecke Mehlkehmen – Szittkehmen mit dem Haltepunkt, zugleich Holzverladestelle Nassawen rechts und den Bahnhöfen Kuiken und Szittkehmen links der Bahn eröffnet, sodaß dann die Neubaustrecke Gumbinnen – Szittkehmen in ganzer Länge dem öffentlichen Verkehr übergeben sein wird.
An der Nebenstrecke dienen Nassawen dem Personen- und Gepäckverkehr sowie dem Holzversande, Kuiken und Szittkehmen dem Gesamtverkehr (ausgenommen Sprengstoffe und über Kopframpen zu verladende Fahrzeuge). Eine Gleiswage ist in Szittkehmen vorhanden. Privatdepeschenverkehr findet nur in Szittkehmen statt. Die Verkehrsstellen werden in den Gruppentarif I, in die Gruppenwechseltarife der Preußisch-hessischen und Oldenburgischen Staatsbahnen und er Königlichen Militäreisenbahn, Kuiten und Szittkehmen auch in den Staats- und Privatbahn-Tiertarif eingezogen. Ueber die Höhe der Frachtsätze gibt das Verkehrsbureau Auskunft. Königsberg i. Pr., den 3. Juli 1908. Königliche Eisenbahndirektion.
Fluss Blinde (Błędzianka) im Schatten von Bäumen
Unterhalb der Brücken fließt die Blinde (Błędzianka).

Viel länger dauerte dagegen die Vollendung der 41 Kilometer langen Strecke südlich der Rominter Heide zwischen Szittkehmen und Goldap, an der Staatshausen liegt. Aufgrund der hügeligen Landschaft, die den Bau von zahlreichen Brücken und Unterführungen notwendig machte, veranschlagten die Planer 1912 die Kosten pro Kilometer auf 191.000 Mark. Zum Vergleich: Die 1901 zwischen Goldap und Stallupönen eröffnete Strecke hatte nur durchschnittlich 101.000 Mark pro Kilometer gekostet. 
Wegen der geringen  Bevölkerungsdichte (64 Einwohner pro Quadratkilometer) und der wenigen Betriebe, die hier fast ausschließlich für den lokalen Markt produzierten, erwartete die Bahndirektion nur wenige Fahrgäste und ein geringes Frachtaufkommen. Vor diesem Hintergrund ging sie von einem unrentablen Betrieb der Strecke aus. Ein Gesuch vom Sylvesterabend 1897, in dem sich der Kreisvorsteher von Szittkehmen für den Bau einer Eisenbahnlinie in die Kreisstadt Goldap einsetzte, verhallte deshalb beim Kaiser zunächst auch ungehört. Erst nachdem der nördlich der Rominter Heide verlaufende Streckenabschnitt am 15. August 1908 eröffnet worden war, änderte Kaiser Wilhelm II. seine Meinung und bekundete in einem Schreiben an den Minister der öffentlichen Arbeiten und Leiter des Reichsbahnamtes, Paul von Breitenbach (1850 – 1930), sein "Interesse an der Weiterführung der Eisenbahn Gumbinnen-Szittkehmen nach Goldap" und ersuchte "Ew. Exzellenz zur Ausführung dieses Projektes die geeigneten Schritte zu tun". Die Bahn hielt zwar an ihren Argumenten, die gegen das Projekt sprachen, fest. Sie musste sich aber dem Willen des Kaisers beugen. Wilhelms Intervention führte dazu, dass die Linie Szittkehmen – Goldap später "Kaiserbahn" genannt wurde.

Die Strecke Szittkehmen – Goldap planten die zuständigen preußischen Behörden einspurig mit nur mit einer Brücke über das Blindetal bei Staatshausen. Errichtet wurde sie zwischen 1912 und 1914. Mit den Planungen hatten die Ingenieure bereits 1908 begonnen.
Allerdings geriet die Verlegung der Gleise durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) ins Stocken. 1914 und 1915 überschritten Armeen des zaristischen Russland mehrmals die Grenze zu Ostrpeußen. Das erste Mal im August 1914. Zunächst zog sich die 8. Armee unter Generaloberst von Prittwitz überstürzt nach Westen zurück, und mit ihr flüchteten tausende Zivilisten vor den Kämpfen. Den Transport der Truppen übernahm zum großen Teil die Bahn. Nachdem die eigenen Truppen abgezogen waren, ließ die deutsche Armeeführung die Infrastruktur der Bahn zerstören, um den russischen Vormarsch zu erschweren. So ließen die Militärs zum Beispiel in der Nähe von Goldap zwei Eisenbahnbrücken sprengen, Fernmeldeeinrichtungen zerstören und Weichen demontieren. Die Bahn benötigte alle Ressourcen, um nach dem Rückzug der russischen Armee die Zerstörungen wieder zu beseitigen und den Verkehr in Ostpreußen aufrecht zu erhalten. An zivile Neubaustrecken war unter diesen Umständen nicht zu denken. Erst als das Militär sich für die geplante Bahnlinie interessierte und sie in die Planungen für eine zweigleisige Strecke zwischen Westpreußen und Litauen einbezog, kam wieder Bewegung in das Projekt. Im Zuge dieses Vorhabens wurde 1918 die nördliche Brücke bei Staatshausen gebaut. Die Pläne für den zweispurigen Ausbau wurden nach dem Krieg ad acta gelegt.

Die ersten Jahre des Bestehens der Weimarer Republik (1918 – 1933) waren gekennzeichnet von politischen Unruhen, einer Wirtschaftskrise, einer Hyperinflation, die bis zum 15. November 1923 andauerte, und durch eine chronische Geldnot des Staates. Unter diesen Umständen konnte die Strecke zwischen Szittkehmen und Goldap nur mit großer Verzögerung und in drei Bauphasen fertiggestellt werden: 

1923: von Goldap nach Dubeningken (Dubeninki)
1926: von Dubeningken nach Blindgallen (Błąkały)
1927: von Blindgallen nach Szittkehmen (Żytkiejmy)

Zum dritten Abschnitt gehörten die Zwillingsviadukte in Staatshausen. Da die Strecke eingleisig war, lag auch nur auf der nördlichen Brücke ein Schienenstrang.
Die Bahn benötigte 1939 für die 41 Kilometer von Goldap bis nach Szittkehmen eine Stunde und vier Minuten. Für die Menschen, die sonst mit Pferdefuhrwerken reisen mussten, bedeutete sie eine große Erleichterung im Alltag. Nun konnten sie in der Stadt arbeiten und ihre Kinder weiterführende Schulen besuchen. Bauern gelangten schneller zu den Märkten, um ihre Waren zu verkaufen. Neben Personen transportierte die Bahn außerdem Briefe, Pakete, Groß- und Kleinvieh, Holz, Steine und Kies. 

Nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) demontierten die Sowjets die gesamte Bahnstrecke, obwohl sie auf ehemaligem deutschem Gebiet verlief, das unter polnischer Verwaltung stand. Durch die Rominter Heide verläuft seit 1945 in West-Ost-Richtung die russisch-polnische Grenze. Polnische Behörden prüften zwar in den 1950er Jahren die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs zwischen Szittkehmen und Goldap, die nun Żytkiejmy und Gołdap hießen, kamen aber zu dem Schluss, dass sich die Strecke wirtschaftlich nicht rentieren würde. Außerdem sei das vorhandene Streckennetz auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz Ostpreußen ausreichend.

Bis heute wurde die Bahnlinie nicht wieder in Betrieb genommen. 2004 gingen die beiden Eisenbahnbrücken bei Staatshausen in Privateigentum über und können besichtigt werden. Auf der Nordbrücke hat der Betreiber den Belag und das Brückengeländer erneuert. Wegweiser mit der Aufschrift Mosty w Stańczykach, die an Straßenrändern stehen, erleichtern den Besuchern das Auffinden des Bauwerks.

Informationen für Besucher

  • Es gibt einen großen Parkplatz.
  • Für die Besichtigung der Brücken müssen Tickets gelöst werden.
  • Besucher können auf den Brücken spazieren und in das Flusstal hinabsteigen.
  • 350 m südwestlich von den Eisenbahnbrücken steht ein hölzerner Aussichtsturm, der 2019 errichtet worden ist.

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Landkarte von Polen mit Staatshausen (Stańczyki)

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Staatshausen (Stańczyki), Polen30.10.2020 – 08:52 Uhr
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StaatshausenWetter Polen7.12 °CLuftfeuchte: 91%
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Sehenswürdigkeit

Eisenbahnbrücken bei Staatshausen
19-504 Stańczyki
Tel.: +48 788 788 702

Geodaten: 54.297474,22.654462
Wegbeschreibung auf Google Maps


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