VGWORT Zählpixel
Polish Online
Polen: Übersetzungsdienst & Reiseinfos
Barbara Anna Woyno M. A. – Übersetzungen Polnisch-Deutsch-Polnisch

Hauptnavigation

Rosengarten (Radzieje) in Masuren, Polen

Rosengarten ist ein Dorf in Masuren in der Nähe des Doba Sees (Jezioro Dobskie). Sehenswert ist die 1827 im Stil des Klassizismus errichtete Patronatskirche der Familie Lehndorff, die im benachbarten Steinort (Sztynort) lebten.

Die Achteckige Christkönigskirche in Rosengarten. Fotos: Frank Hilbert

Die Christkönigskirche in Rostengarten entstand zwischen 1826 und 1827. Sie hat einen achteckigen Grundriss und trägt ein flaches Zeltdach mit einer hölzernen Ampel. Die Glocke hängt in einem separaten Glockenturm aus Holz. Ihr Vorgängerbau, eine Kirche aus dem 17. Jahrhundert, der wiederum eine Kirche aus dem 15. Jahrhundert weichen musste, befand sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in einem maroden Zustand und sollte saniert werden. Dazu kam es aber wegen der napoleonischen Kriege nicht. In der damaligen Provinz Ostpreußen, in der Rosengarten lag, trug die Grande Armée auf der einen und Preußen und Russen auf der anderen Seite mehrere Schlachten aus. Am bekanntesten sind die bei Preußisch Eylau im Februar 1807 und bei Friedland im Juni 1807. Das Ergebnis war der Vertrag von Tilsit, der Preußen zu einer Mittelmacht degradierte. 1812 wurde Ostpreußen zudem zum Aufmarschgebiet für Napoleons Russlandfeldzug. Mit anderen Worten: Es herrschte Krieg und das Geld war knapp.
Aufgrund der nicht durchgeführten Sanierungsarbeiten war die Kirche ein paar Jahre später so baufällig, dass sie nur noch abgerissen werden konnte. Aber es gab Streit zwischen der Gemeinde und dem Kirchenpatron, Carl Friedrich Ludwig Graf von Lehndorff, um die Finanzierung. Lehndorff sah nicht ein, warum er den Neubau bezahlen sollte und bekam vor Gericht auch Recht. Die Gemeinde auf der anderen Seite hatte nach einigen Missernten kein Geld. Also blieb den Kirchenvorstehern nur ein Bittgang zum preußischen König Friedrich Wilhelm III., der schließlich 1.000 Taler als Gnadengeschenk bewilligte. Sein Sohn, der spätere König Friedrich Wilhelm IV., mischte sich in die Planung ein, indem er einen Entwurf von Karl Friedrich Schinkel aufgriff. So entstand das achteckige Gotteshaus im klassizistischen Stil.
Obwohl die Lehndorffs vor Gericht gewonnen hatten, lieferten sie das Baumaterial. Am Ende kostete das neue Gotteshaus 1.495 Taler. Die noch fehlenden 495 Taler steuerte die Gemeinde bei. Eingeweiht wurde der neue Kirchenbau am 5. August 1827 durch den Angerburger Superintendenten Samuel Neumann und den polnischen Pfarrer Ernst Julius Otterski aus Drengfurth (Srokowo).

Die Glocke von 1727, die wegen eines Sprungs nicht mehr genutzt werden kann.

Am Ende des Zweiten Weltkrieges blieb Rosengarten von Zerstörungen verschohnt. Auch deshalb gehören noch eine Christusfigur aus dem 16. Jahrhundert, zwei allegorische Figuren und ein schwebender Engel aus dem 17. Jahrhundert zu ihrer Ausstattung. Sie stammen aus den Vorgängerbauten der Kirche und wurden bei Renovierungsarbeiten 1927 unter dem Dach gefunden.

Von den ursprünglich drei Glocken existiert nur noch die aus dem Jahr 1727. Die anderen beiden wurden 1917, während des Ersten Weltkrieges, zusammen mit den Orgelpfeifen beschlagnahmt und für Waffen und Munition eingeschmolzen. In der Kirchenchronik hieß es unter dem 30. Juli 1917:

Die beiden kleinen Glocken, die eine ( in der Schule befindlich ) 1 Ztr, die andere ( im Glockenstuhl ) 84 Pfd schwer, wurden abgenommen, und zur Verarbeitung von Kriegsmaterial abgeliefert. Der Erlös beträgt 414 M und wird als Glockenfonds auf die Kreissparkasse Angerburg gegeben. Die große Glocke aus dem Jahr 1727 kommend, mit Inschriften und Verzierungen versehen, ebenso wie die Dobener Siechenglocke, welche im Jahre 1619 gegossen ist, sind vom Provinzialkonservator, der Klasse C eingestuft, und vorläufig von der Beschlagnahme frei. In Betracht kamen nur die A-Glocken. So bleibt uns wenigstens eine, die den lang und heiß ersehnten Frieden einläuten soll.

Ersetzt wurden die beiden beschlagnahmten Glocken 1927. Lange konnten sich die Menschen in Rosengarten nicht an ihrem Klang erfreuen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden sie ebenfalls requiriert. Auch die 1727 angefertigte Glocke, die noch in einem Holzgestell neben der Kirche hängt, ist verstummt, weil sie einen Sprung hat.

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam es in Rosengarten zu einem skurilen Streit zwischen der Kirchengemeinde und der Gräfin Marie Eleonore Lehndorff, den am Ende ein Gericht entschied. König Friedrich Wilhelm I. (der Soldatenkönig) hatte von seinem Vater einen riesigen Schuldenberg übernommen, den er abtragen wollte. Gleichzeitig reformierte er die Verwaltung in Preußen und baute ein stehendes Herer auf, das riesige Summen verschlang. Um Geld in die Staatskassen zu spülen, kurbelte er das Wirtschaftsleben an, indem er zum Beispiel tausende protestantische Religionsflüchtliche aus Salzburg und Böhmen aufnahm, die das durch Kriege und Pest entvölkerte Ostpreußen wieder urbar machten und Steuern zahlten. Beim Abbau des Schuldenberges half ihm ebenfalls seine Sparsamkeit.  Am 23. Dezember 1738 verbot er allen protestantischen Pfarrern in Preußen das Tragen des Chrorrockes in Gottesdiensten und das Anzüngen von Kirchenlichtern während des Abendmahls, unnötige Ausgaben zu vermeiden. Zuwiderhandlungen wurden mit Amtsenthebung bestraft. Die Gräfin Lehndorff war darüber so erfreut, dass sie der Kirchengemeinde 1.000 Gulden zur Aufstockung der Gehälter der Kirchenbeamten unter der Bedingung überließ, dass nie wieder in der Kirche Kirchenlichter angezündet würden. 1840 starb der Soldatenkönig. Sein Thronnachfolger, Friedrich II. (auch Friedrich der Große genannt), machte das Verbot seines Vaters von 1738 zur Freude der Rosengartener Kirchengemeinde sofort wieder rückgängig. Nur die Gräfin war not amused. Sie wollte das Geld, das sie noch verwahrte, nicht auszahlen. Schließlich habe sie die Schenkung an Bedingungen geknüpft, die nicht mehr erfüllt seien. Die Kirchenväter zogen 1744 vor Gericht und gewannen. Sie bekamen das Geld und durften trotzdem Kirchenlichter anzünden. Auch Friedrich Wilhelm I. war mit seiner Wirschafts- und Sparpolitik erfolgreich. Den von seinem Vater übernommenen Schuldenberg in Höhe von 20 Millionen Talern konnte er bis zu seinem Tod in einen Überschuss von 8,7 Millionen Talern umwandeln. 

Sozial engagiert war die Anna Gräfin von Lehndorff. Sie eröffnete in nahen Angerburg ein Siechenheim und in Rosengarten 1874 ein Waisenhaus für Mädchen als Gegenstück zum Waisenhaus für Jungen in Lötzen. "Es sollte nach seiner ganzen Anlage Zöglinge erziehen, welche einmal fleißige, brauchbare Arbeitskräfte als Mägde würden", heißt es zeitgemäß in der Kirchenchronik. Die als Trägerin gegründete Stiftung stattete sie mit einem Kapital von 23.000 Mark aus.

Die erste Weltkrieg brachte einen Vorgeschmack auf die Ereignisse 1945. Der Schlieffenplan der deutsches Militärführung sah einen massiven militärischen Schlag gegen Frankreich vor. Die Militärs gingen davon aus, dass die russische Armee, die sich in einer Phase der Umstrukturierung und Modernisierung befand, noch nicht militärisch eingreifen würden. Ostpreußen war deshalb militärisch ungeschützt. Die Überraschung war groß, als russische Truppen 1914 in Ostpreußen einmarschierten und im Eiltempo große Teile der Provinz besetzten. Zehntausende Menschen ergriffen die Flucht vor der Front. Durch Rosengarten zogen am 19. August die ersten Flüchtlingskolonnen aus den Kreisen Angerburg, Goldap und Marggrabowa mit ihren Pferdewagen. Am 22. August verließen auch die Rosengartener ihr Dorf. Kurze Zeit später, nachdem es dem deutschen Militär gelungen war, die russischen Truppen aus Ostpreußen zurückzudrängen, kehrten sie wieder in das zum Teil zerstörte Dorf zurück. Ganz anders sah die Situation 1945 aus. Auch dieses Mal flohen die Einwohner. Eine Rückkehr gab es für sie nicht. Über die Fluchtvorbereitungen berichtet die Kirchenchronik:

Die Bolschewisten stehen Ende Juli an der Ostpreußischen Grenze. Große Aufregung im Dorf. Man denkt ans Flüchten. Der Pfarrer befindet sich über 3 Wochen beim Stellungsbau in Litauen …
Am Sonntag, den 22. Oktober 1944, wieder große Aufregung, da Goldap den Russen überlassen werden muss und Panzerspitzen bis nach Angerapp und Benkheim vorgestoßen sind. Der nordöstliche Himmel fast jeden Abend durch Leuchtbomben und sogenannten Weihnachtsbäume erhellt. Hin und wieder die ganze Woche hindurch Flakfeuer und Geschützdonner.
Am 28. Oktober, 12 Uhr, fährt der 1. Bergungszug hauptsächlich mit Frauen und Kindern ab.
Nur die mit Fuhrwerken fortwollen, bleiben zurück. Jetzt ist es Zeit, die wichtigsten Akten zu bergen, da vorher keine Frachtgüter von der Bahn angenommen wurden. Sie werden mit den Abendmahlsgeräten im Heizkeller der Kirche sichergestellt. Wertpapiere, Sparkassenbücher und Kassenbücher will ich persönlich mitnehmen, wenn wir als letzte das Dorf verlassen. Möge Gott uns vor dem Schicksal des vorigen Krieges bewahren!
Die vollständige Räumung ist bis Weihnachten nicht erforderlich. Frauen und Kinder sind allmählich fast alle wieder zurückgekehrt. Konfirmandenunterricht und Gottesdienst werden mit einer einzigen Unterbrechung regelmäßig gehalten. Am Totenfest ist der Gottesdienst noch stärker als früher besucht. [...] 
Am 22. Dezember werden alle Kirchbücher, alte Kirchenkammerrechnungen und die wichtigsten Akten zur Sicherstellung an Pfarrer Lotz in Helmershausen (Bahnstation Meinigen) abgesandt. (Verzeichnis in den Kisten, bei den hiesigen Akten und beim Konsistorium).

Gegrüdet wurde Rosengarten 1417. Von 1874 an war es Namensgeber für den Amtsbezirk Rosengarten, der bis 1945 bestehen blieb. Zur seit der Reformation bestehenden evangelischen Kirchengemeinde zählten 20 Dörfer und Ortschaften. 1945 gelangte Rosengarten zu Polen und heißt seitdem Radzieje. In die leer stehenden Häuser zogen katholische Polen ein, die die frühere evangelische Christkönigskirche für ihre Gottesdienste nutzen. 

Rosengarten ist kein Touristenzentrum. Es gibt nur wenige Pensionen, keine Marina oder andere Möglichkeiten des Zeitvertreibs. Dafür ist es hier auch in der Sommersaison noch sehr ruhig. Am nahe gelegenen Doba See gibt es eine kleine Badestelle. Aufgrund seiner günstigen Lage ist es von Rosengarten nicht weit bis nach Angerburg, Lötzen, Rastenburg und Ryn. (fh)

Hotels

Booking.com

Karte

Landkarte von Polen mit Rosengarten (Radzieje)

Wetter

Angerburg (Węgorzewo), Polen18.04.2021 – 11:16 Uhr
Bedeckt
AngerburgWetter Polen13.34 °CLuftfeuchte: 67%
Luftdruck: 1021 hPa
Windgeschwindigkeit: 1.92 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)


powered by webEdition CMS