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Masurische Pyramide in Angerapp (Rapa) – Familiengrab der Familie Fahrenheid, Masuren

Eine der ungewöhnlichsten Bauten in Masuren steht in Angerapp (Rapa): die Familiengruft der Familie von Fahrenheid. Die Adelsfamilie ließ sie Ende des 18. Jahrhunderts nach dem Vorbild ägyptischer Pyramiden errichten. Alle in ihr bestatteten Toten sind mumifiziert.

Masurische Pyramide in Angerapp (Rapa) in Masuren
1795 ließ Wilhelm von Fahrenheid die Pyramide errichten. Fotos: Frank Hilbert

Angerapp (Rapa) liegt im Nordosten von Masuren am Rande eines Sumpfgebietes, der Luschnitz. Hier ließ Johann Friedrich Wilhelm von Fahrenheid (1747–1834) im Jahr 1795 eine Pyramide aus Feld- und Ziegelsteinen errichten. Der Architekt ist unbekannt. Warum er sich bei der Form an ägyptischen Pyramiden orientierte und welchem Zweck sie zunächst diente, ist nicht überliefert. Es gibt nur Vermutungen. In der damaligen Zeit ließen sich Architekten und Landschaftsgestalter oft von der Formensprache der Antike inspirieren. Es entsprach dem Zeitgeschmack. So verwundert es nicht, das die Masurische Pyramide große Ähnlichkeit mit der im Neuen Garten in Potsdam hat, die zwischen 1792 und 1793 erbaut worden war. Wie die Pyramide in Potsdam könnte auch die in Angerapp zunächst als Eiskeller für die Aufbewahrung von verderblichen Lebensmitteln gedient haben. Es gibt noch eine andere Theorie für die Wahl der Pyramide als Bauform: Sie war ein Freimaurersymbol. Und Johann Friedrich Wilhelm von Fahrenheid war Vermögensberater der Freimaurerloge "Zu den drei Kronen" in Königsberg.

Auch Friedrich Heinrich Johann von Fahrenheid (1780–1849), Sohn von Johann Friedrich Wilhelm, begeisterte sich für die Antike, vor allem für das Alte Ägypten, wo Pyramiden als Begräbnisstätten dienten. Als seine Tochter Ninette am 30. Dezember 1811 im Alter von drei Jahren an Scharlach starb, ließ er sie in der Pyramide in Angerapp beisetzen. Die klimatischen Bedingungen im Inneren der Pyramide führten dazu, dass die Leiche des Mädchens und die aller anderen Toten, die hier später ihre letzte Ruhestätte fanden, einem natürlichen Konservierungsprozess unterlagen, der zu ihrer Mumifizierung führte. 
Fünf Erwachsene und zwei Kinder wurden im Laufe der Zeit in der Pyramide bestattet. Nicht von allen ist die Identität bekannt. Nachforschungen in der jüngeren Vergangenheit verliefen erfolglos, weil die örtlichen Kirchenbücher verschollen sind. Sicher ist, dass Ninettes Eltern hier auch liegen:

  • Friedrich Wilhelm Johann von Fahrenheid verstarb 1849 während eines Besuchs bei seinem Freund Karl Graf von Lehndorff in Steinort (Sztynort). Sein Leichnam wurde nach Angerapp überührt.
  • Wilhelmine von Fahrenheid (gest. 1847), von ihrem Mann liebevoll "Minna" genannt, Tochter des Pfarrers Gottfried Lehmann, heiratete Friedrich Wilhelm Johann von Fahrenheid am 30. März 1808.

 

Autos auf einem Parkplatz in der Nähe der Masurischen Pyramide in Angerapp (Rapa)
Besucher können ihr Auto auf einem Parkplatz in der Nähe der Pyramide abstellen.

Es gibt viele Erklärungsversuche für die Mumifikation. Die einen meinen, es liege an der Bauweise in Form einer ägyptischen Pyramide, die anderen glauben, dass die Lage der Familiengruft auf einer Ley-Linie, an der besondere Kraftfelder existieren sollen, die Ursache sei. Vermutlich ist die Erklärung ganz einfach: Als man nach dem Zweiten Weltkrieg (1939 – 1945) die drei Öffnungen für die Luftzirkulation in der Pyramide schloss, begannen die Mumien zu schimmeln. Es spricht also alles dafür, dass es aufgrund des Raumklimas zu einer Austrocknung des Weichteilgewebes und damit zu einer Konservierung der Leichen kam.

Die Familiengruft der Fahrenheids wurde im 20. Jahrhundert mehrmals geschändet. Zum ersten Mal verwüsteten und plünderten zaristische Soldaten zu Beginn des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) die Pyramide und verstreuten die Gebeine in der Umgebung. Man sammelte die Leichenteile wieder ein und legte sie in neu angefertigte Särge. Das zweite Mal waren es Soldaten der sowjetischen Roten Armee 1945, die das Familiengrab schändeten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Gruft zwar gesichert. Sie befand sich aber in einem schlechten baulichen Zustand. Auf Fotos ist zu sehen, dass mindestens zwei Särge geöffnet waren und den darin liegenden Mumien die Köpfe fehlte. Nachdem die Familiengruft 2015 von Wissenschaftlern des Archäologischen Institut in Warschau untersucht worden war, wurde sie 2018 für 890.000 Złoty restauriert.

Die Familie von Fahrenheid

Die von Fahrenheids gehörten zu den wohlhabendsten Familien in Ostpreußen. Ihr neoklassizistischer Palast in Klein Beynuhnen (heute Uljanowskoje in Russland), den sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichten ließen, beherbergte eine bedeutende Kunstsammlung. 
Den Grundstein für das Vermögen der Familie legte Reinhold Friedrich Farenheid (1703 – 1781). Er gehörte zu den bekanntesten Patrizierfamilien in Königsberg. Sein Vermögen erwirtschaftete er mit dem Salzhandel, für den er zwischen 1749 und 1758 das Monopol besaß. Während der russischen Besetzung des Herzogtums Königreich Preußen (1758 – 1762), die im Zusammenhang mit dem Siebenjährigen Krieg stand, in dem eigentlich Preußen und Österreich um Schlesien stritten, verdiente er ein Vermögen mit der Besatzungsmacht.
Einen Teil seines Geldes investierte er in Grundbesitz. So sicherte er sich 1762 das Vorkaufsrecht am Gut Angerapp für seinen Sohn Johann Friedrich Wilhelm (1747–1834), der zu dieser Zeit noch unmündig war. In das Eigentum der Angerapps ging das Gut 1773 über.
Die oben erwähnten Beynuhner Güter kaufte Johann Friedrich Wilhelm, der 1786 von König Friedrich Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben worden war, erst 1798 der Gräfin Anne Sophie Charlotte von Dönhoff ab.

Das Gut Angerapp

Nachdem Johann Friedrich Wilhelm das Gut Angerapp übernommen hatte, führte er neue Methoden beim Pflanzenanbau und in der Tierzucht ein. So schaffte er die Dreifelderwirtschaft ab und förderte den Anbau von Klee, der an das Vieh verfüttert wurde.
In Angerapp begann er auch mit der Zucht von Warmblütern, die sich später als sehr lukrativ erweisen sollte. Für das Erreichen seines Zuchtzieles hielt er englische Vollblüter als Zuchtpferde für besonders geeignet. Die Gegelenheit zum Kauf von Zuchpferden bot sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts. 1803 unternahm Fahrenheids Sohn Friedrich Wilhelm Johann von Fahrenheid eine Studienreise in die USA, die ihn auf der Rückreise nach England führte. Im Auftrag seines Vaters kaufte er dort die Vollbluthengste "Buzzard" (Fuchshengst), "Hocka-Pocka" und "Trumpator" (Rapphengst) und Stuten für die Angerapper Zucht.
Als Ostpreußen 1807 im Zuge der napoleonischen Kriege zum Durchmarschgebiet für die Grande Armée wurde, verlegte Fahrenheid das Gestüt verübergehend nach Memel. Die wirtschaftlichen Belastungen der napoleonischen Kriege brachten die Fahrenheids beinahe an den Rand des Ruins. Nur mit großer Mühe retteten sie ihren Besitz. Später konnten sie sich rühmen, neben Herzog von Holstein-Augustenburg das zweitgrößte Privatgestüt in Europa zu besitzen.
In der Nähe der Pyramide stand das Gutshaus. Die Gefechte während des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) überstand es unbeschadet, den Zweiten Weltkrieg nicht. 1945 wurde es vollständig zerstört. (fh)

Hinweise für Besucher

  • Die Gruft ist geschlossen. Man kann durch die Fenster die geschlossenen Särge im Inneren sehen.
  • An der Pyramide gibt es einen kostenlosen Parkplatz, öffentliche Toiletten und einen Souvenirladen.
  • Eine Tafel informiert über die Geschichte der Pyramide und die Schlösser in Angerapp, Groß Medunischken und Klein Beynuhnen, allerdings nur auf Polnisch.

 

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Wetter

Angerapp (Rapa), Polen01.04.2020 – 06:41 Uhr
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AngerappWetter Polen-0.18 °CLuftfeuchte: 87%
Luftdruck: 1016 hPa
Windgeschwindigkeit: 7.42 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Sehenswürdigkeit

Masurische Pyramide
19-520 Rapa

Geodaten: 54.309952,22.021664
Wegbeschreibung auf Google Maps

Anmerkungen

  1. Zwischen 1938 und 1945 trug der Ort den Namen Kleinangerapp.

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