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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Mehlsack (Pieniężno) im Ermland, Polen

Im landschaftlich reizvollen Flusstal der Walsch (Wałsza) im Ermland - in der früheren Provinz Ostpreußen - liegt die kleine Stadt Mehlsack (Pieniężno). Die Schönheit der Natur steht im Gegensatz zum Stadtbild, das immer noch von den Zerstörungen des II. Weltkrieges geprägt ist.

Rathaus von Mehlsack (Pieniężno)Polen Fotos
Das im Krieg zerstörte Rathaus. Auf einer Abbildung aus den 1920er Jahren ist das Rathaus verputzt und Wohnhäuser direkt an das Gebäude grenzen. Teile des Rathauses stammen noch aus dem 14. Jahrhundert. Fotos: Frank Hilbert

Es gibt nur wenige Städte in Polen, in denen die Spuren der Zerstörung des Zweiten Weltkrieges (1939 – 1945) noch heute in einem solchen Ausmaß sichtbar sind wie in Mehlsack (Pieniężno). Vom Rathaus steht nur noch der Torso. Die Fensterhöhlen sind mit Brettern vernagelt. Ich habe den Eindruck, dass die Mehlsacker ihr Rathaus nicht ganz dem Verfall preisgeben wollen, denn sie haben es notdürftig gesichert. Das Dach ist neu gedeckt und schützt die Ruine vor den Unbilden des Wetters. Das Mauerwerk ist zwar unverputzt, aber ausgebessert. Und auch die Fundamente scheinen erneuert worden zu sein. Den Rathausplatz säumen Bäume, dahinter stehen Mehrfamilienhäuser aus den 1990er Jahren und erstrecken sich großzügig angelegte Rasenflächen. Es gibt viel Platz in der Altstadt, durch die sich früher enge Gassen schlängelten.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges ist die Front über das damalige Ostpreußen wie eine Dampfwalze hinweggerollt und hat 90 Prozent der Gebäude in Mehlsack zerstört. „Seltsam“, denke ich, als ich auf dem Marktplatz stehe. „Das benachbarte Wormditt (Orneta) blieb fast völlig unzerstört.“

Burg Sitz des Domkapitelvogts

Die Geschichte von Mehlsack reicht weit in das Mittelalter zurück. Vor der Ordenszeit siedelten hier die Pruzzen. Ihre Siedlung, die zugleich als Kultstätte für ihre Gottheit Wewa diente, nannten sie Malcekuke, was so viel wie „Hain der unterirdischen Mächte“ bedeutet. Malce kann man mit Baum, Busch oder Wald übersetzen, Kuke mit Teufel.
1226 bat der polnische Herzog Konrad von Masowien den Deutschen Orden im Kampf gegen die heidnischen Pruzzen um Unterstützung. Er sollte die Pruzzen unterwerfen und zum christlichen Glauben bekehren. Das taten die Ordensritter mit Worten und dort, wo sie mit Worten nicht überzeugen konnten, auf brutale Weise mit dem Schwert. Die Gegend um Mehlsack eroberten sie 1251 und übergaben sie mit der pruzzischen Siedlung dem ermländischen Bischof.
Das Ordensland war in die vier Bistümer Ermland, Kulm, Pomesanien und Samland aufgeteilt, die dem Orden unterstellt wurden. Mehlsack lag im Bistum Ermland. Die herrschaftliche Macht übte das Domkapitel aus, das als Verwaltungsorgan in Mehlsack ein Kammeramt einrichtete. Zur Verteidigung und als sichtbares Zeit der Macht ließ es in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts eine Burg errichten, in der der Gutsverwalter und der Domkapitelvogt ihren Sitz hatten. Letzterem unterstanden die Gerichtsbarkeit und das Militär.
Die frühere Kultstätte der Pruzzen entwickelte sich prächtig, wurde 1282 zum ersten Mal in einem Schriftstück erwähnt und erhielt 1312 von Bischof Eberhard von Neiße die Handfeste (das Stadtrecht).

Haupthaus der Burg in Mehlsack (Pieniężno)
Das Haupthaus der Burg aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts. Die Burg wurde in den folgenden Jahrhunderten mehrmals umgebaut, unter anderem zu Beginn des 17. Jahrhunderts im Stil der Renaisssance.

Polen und Ukrainer

Als ich vor dem Rathaus stehe, kommt ein Mann mit energischen Schritten auf mich zumarschiert. Er ist etwa 1,65 m groß und behält mich beim Näherkommen fest im Blick. In seiner rechten Hand schleppt er einen Plastikeimer, der bis zum Rand mit dickbäuchigen pockennarbigen Gurken aus eigenem Anbau gefüllt ist. "Solche Gurken", denke ich, "bekommt man in keinem Supermarkt." Er stellt den Eimer direkt vor mir auf der Straße ab. Ich schätze sein Alter auf 70. Immer noch lässt er mich nicht aus den Augen. Seine gebräunte Glatze, die von der Stirn bis zum Scheitelpunkt eine breite Schneise durch sein weißes schütteres Haar geschlagen hat, glänzt in der Sonne.
Ohne Zeit mit Höflichkeitsfloskeln zu vertrödeln fängt er an zu erzählen. Fast schreit er seine Worte heraus, ohne Punkt und Komma und ohne die Tonlage zu verändern. Architekt sei er gewesen, habe einen kleinen Schrebergarten, noch aus deutscher Zeit, oft finde er deutsche Münzen beim Umgraben, Ziemniak auf Deutsch Kartoffel? Ja? Ja? Er lebe mit seiner Frau in einer der Neubauten beim Rathaus, die Russen hätten 1945 die Stadt mit Flugzeugen bombardiert, die Burg sei an einen Privatmann verkauft worden, Tak auf Deutsch Ja? Ja? ... Ich komme nicht zu Wort und fühle mich bedrängt. Fluchtartige verlasse ich den Marktplatz. „Nur weg“, denke ich.
Dabei halten die historischen Fakten in seinen nur so aus ihm heraussprudelnden Wortketten einer Überprüfung durchaus stand. Auch hat er interessante Dinge über seinen Heimatort zu berichten. Zum Beispiel seien nach dem Zweiten Weltkrieg Polen und "Ukrainer" nach Mehlsack gekommen, das die meisten deutschen Einwohner kurz vor Kriegsende aus Angst vor der heranrückenden Roten Armee fluchtartig verlassen hatten. Während die Polen auf dem Marktplatz ihre Feste feiern würden, träfen sich die "Ukrainer" auf dem Sportplatz, erzählt er und fügt sogleich die genaue Breite und Länge des Sportplatzes in Metern hinzu. Bei den "Ukrainern" handelt es sich um ukrainischstämmige Polen, die der Minderheit der Lemken und Bojken angehören. 1947 vertrieb sie der polnische Staat im Zuge der "Aktion Weichsel" ("Akcja "Wisła") aus dem Südosten des Landes und siedelte sie in den ehemaligen deutschen Gebieten wie Ermland-Masuren wieder an. Der Staat unterstellen den Lemken und Bojken, sie würden die UPA, die Ukrainische Aufständische Armee, in ihrem Kampf um einen unabhängigen ukrainischen Nationalstaat unterstützen. Die Lemken und Bojken sind griechisch-katholisch. Ihre Gemeinde in Mehlsack hat 1959 in der früheren St. Jakobus-der-Ältere- und St. Rochus-Kapelle in der ul. Dworcowa ein neues Zuhause gefunden und in Kirche Erzengel Michael (Parafia greckokatolicka św. Michała Archanioła) umbenannt. Ihr Inneres wurde teilweise umgebaut, der Altar durch eine Ikonostase ersetzt.
„Da steht die Pfarrkirche. Sie hat den Krieg überstanden“, sagt der alte Mann unvermittelt. Unübersehbar ragt zwischen dem Rathaus und den Resten der Burg eine neogotische Kirche in den Himmel. Es ist die Pfarrkirche St. Peter und Paul. Als wir sie betreten, führt der Pfarrer gerade sechs Jugendliche durch das Kirchenschiff. „Hier ist eine Bombe eingeschlagen und nicht explodiert. Nur die Scheiben sind zu Bruch gegangen“, berichtet er und zeigt auf die Kirchenfenster, die nun farblos verglast sind. Ungewöhnlich an der Kirche sind ihre Abmessungen. Im Inneren ist sie beinahe quadratisch. Erbaut wurde sie zwischen 1895 und 1896. Ihre Ursprünge reichen bis in die Zeit der Stadtgründung zurück. Zuerst stand an ihrer Stelle vermutlich eine Holzkirche, die im 14. Jahrhundert durch eine gotische Steinkirche ersetzt wurde. 1894 wurde sie bis auf den Turm abgetragen, um Platz für den im neogotischen Stil errichteten Kirchenbau zu schaffen, der heute noch steht.

Die Burg, ein Salzlager

So wechselhaft wie die Geschichte der Pfarrkirche St. Peter und Paul ist auch die Geschichte des Ortes selbst. Mehlsack wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals zerstört oder brannte nieder. Während des Dreizehnjährigen Krieges (1454-1466) hielt sie als einzige Stadt im Ordensland dem Orden die Treue. Aus Rache brannten die Truppen der opponierenden preußischen Städte Mehlsack 1455 nieder.
Als die Schweden im 17. Jahrhundert in Polen einfielen und plündernd und mordend durch das Land zogen, zerstörten sie auch die Burg in Mehlsack. Beim anschließenden Wiederaufbau wurde sie teilweise im Stil der Renaissance umgebaut. Doch wurde sie im 18. Jahrhundert vernachlässigt und verfiel. Im Zuge der ersten Teilung Polens 1772 gelangte Mehlsack unter preußische Herrschaft. Die Burg befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem beklagenswerten Zustand. Der preußische Staat renovierte sie, um sie für die Verwaltung und als Salzlager zu nutzen. In den 1920er 1930er Jahren diente die Burg als Schule, und das örtliche Heimatmuseum richtete sich in ihr ein, bevor sie 1945 erneut verwüstet wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Mehlsack zunächst verschiedene Namen von den neuen polnischen Einwohnern. Sie nannten die Stadt Melzak, Mąkowowry und Wewno. 1947 entschlossen sie sich, ihrer Stadt den Namen Pieniężno im Andenken an Seweryn Pieniężny (1890-1940) zu geben, einem polnischen Patrioten und Redakteur der „Gazeta Olsztyńska“. Die "Allensteiner Zeitung", wie sie übersetzt heißt, war die Zeitung der polnischen Minderheit im Ermland, bis sie 1939 von den Nationalsozialisten verboten wurde. 1939 verhafteten die Deutschen Pieniężny und brachten ihn ein Jahr später im Konzentrationslager Hohenbruch im früheren Kreis Labiau (heute Oblast Kaliningrad, Russland) um.

Stadtrecht verloren

1945 verlor Pieniężno das Stadtrecht, das es erst 1973 wiedererlangte. Große Teile der Innenstadt wurden nicht wiederaufgebaut. Auf den Flächen wächst heute Gras. Ich habe den Eindruck, dass sich das Zentrum in den nördlichen Teil der Stadt verlagert hat, der am anderen Ufer der Walsch liegt. Dort sitzen auch die Stadtverwaltung und die Touristinformation in einem schnörkellosen Bau aus den 1920er oder 1930er Jahren.
Die zerstörte Burg sicherte die Stadt in den 1950er Jahren. Jedoch blieb sie eine Ruine. Immerhin hat das Tonnengewölbe unter dem Remter die Wirren der Jahrhunderte überstanden.
Dafür wurde in Mehlsack ein Denkmal für Iwan Danilowitsch Tschernjachowski errichtet. Der sowjetische General befehligte zu Beginn des Jahres 1945 die 3. Weißrussische Front in der Schlacht um Ostpreußen. In der Nähe von Mehlsack geriet am 18. Februar der Geländewagen, in dem der General unterwegs war, unter deutsches Granatfeuer. Tschernjachowski wurde von einem Splitter tödlich getroffen. 2015 beschloss der Stadtrat den Abriss des Denkmals, weil Tschernjachowski unter anderem für die Ermordung von etwa 8.000 Soldaten der Polnischen Heimatarmee bei Wilna (Vilnius) verantwortlich gewesen sein soll.

Urlaub und Freizeit

Mehlsack liegt am Flusstal der Walsch (Wałsza) in einer reizvollen Landschaft fernab von den Trampelpfaden der Touristen. Es ist ein beliebtes Ausflugsziel für Erholungssuchende, in dem sich eines der ältesten Naturschutzgebiete Europas befindet. Gegründet hat es Hugo Conwentz (1855-1922), ein bedeutender Botaniker seiner Zeit und Direktor des Westpreußischen Provinzial-Museums in Danzig (Gdańsk), im Jahr 1907.
Wanderer kommen hier genauso auf ihre Kosten wie an der Geschichte Interessierte und Fahrradjunkies. Nur ein ausgebautes Radwegenetz existiert nicht. Auch Tagesausflüge mit dem Auto zum Baden im Frischen Haff sind möglich. (fh)

Sehenswürdigkeiten

  • Pfarrkirche St. Peter und Paul (Kościół św. Piotra i Pawła), Rynek 8
  • Ruine der Ordensburg, erhalten geblieben ist das Haupthaus
  • Ruine des Rathauses, Rynek
  • Landschaftsschutzgebiet Flusstal der Walsch (Rezerwat Dolina Rzeki Wałszy)
  • Missionshaus St. Adalbert mit dem Missionsethnografischen Museum (Muzeum Misyjno-Etnograficzne Księży Werbistów), ca. sechs Autominuten von Mehlsack entfernt, ul. 1 Maja 19, Pieniężno
  • Eisenbahnbrücke von 1885; im zweiten Weltkrieg zerstört und 1950 wiederaufgebaut. In der Vorkriegszeit war sie ein beliebtes Postkartenmotiv mit der Pfarrkirche St. Peter und Paul im Hintergrund. Sie ist 30 m hoch und 160 m lang und besteht aus einer Gitterkonstruktion mit drei gleichlangen (42,4 m) Teilen, die die Form von Parabeln haben. Die beiden Brückenpfeiler sind 28 m hoch. Damit ist sie vermutlich die höchste noch betriebene Eisenbahnbrücke in Polen.

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Werbefilm der Stadt Mehlsack (Pieniężno), leider nur auf Polnisch.

Karte

Landkarte von Polen mit Mehlsack (Pieniężno)

Wetter

Mehlsack (Pieniężno), Polen24.09.2017 – 21:34 Uhr
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MehlsackWetter Polen12.63 °CLuftfeuchte: 86%
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Touristeninformation

Informacja Turystyczna
Generalska 8
14-520 Pieniężno
Tel.: +48 (0) 55 23746-00

Öffnungszeiten:

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Mehlsack (Pieniężno),  Generalska 8, 14-520
Mehlsack (Pieniężno), Generalska 8, 14-520 Pieniężno (Google Maps)