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Die “Königliche Majolika- und Terrakotta-Werkstatt” in Cadinen (Kadyny)

Um das Jahr 1900 herum kam die durch ihre leuchtenden Farben bekannte Majolika-Keramik[1] in Deutschland in Mode. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. konnte sich diesem Modetrend nicht entziehen. So kam es, dass er 1904 die “Königliche Majolika- und Terrakotta-Werkstatt” in Cadinen (Kadyny) eröffnete, wo er 1898 ein Gut vom hoch verschuldeten Braunsberger Landrat Arthur Birkner als Sommersitz erworben hatte.

Die Idee zur Eröffnung der Werkstätten kam dem Kaiser vielleicht, weil die Voraussetzungen für die Herstellung von Keramik in und um Kadyny herum günstig waren. Es gab zahlreiche Tongruben. Wilhelm ließ Proben entnehmen und in der Königlich Preußischen Porzellanmanufaktur (KPM) in Berlin untersuchen. Dort sollten die Fachleute herausfinden, ob der Ton für die Kunst- und Feinkeramikherstellung geeignet sei. Er war es, so das Ergebnis der Untersuchungen.
In der Kaiserzeit bestimmte der Geschmack Wilhelms die Formen und das Dekor der Keramik, der sich an der griechischen Antike, der italienischen Renaissance, aber auch an der Neorenaissance und dem Jugendstil orientierte. Das Sortiment umfasste Bildnisreliefs, Büsten, Wand- und Prunkteller, Deckeldosen, Vasen, Wandschmuck, Tischlampenfüße und große Blumenkübel, die sich nur betuchte Kunden leisten konnten.
Neben Keramikfiguren und Gebrauchsgegenständen wurde Bauwerkkeramik gebrannt. Die Kacheln im alten Hamburger Elbtunnel zum Beispiel stammen aus Cadinen. Für die Gestaltung der Keramik stellten die Werkstätten Keramikkünstler ein. Ludwig Manzel, Max Bezner, Wilhelm Dietrich und Oswald Bachmann waren die bekanntesten unter ihnen.
Majolika aus Cadinen erfreute sich großer Beliebtheit. Es gab jedoch Zeitgenossen, denen die Dekore aus Cadinen nicht gefielen. 1910 schrieb Paul Bartel in der “Keramischen Rundschau” anlässlich einer Ausstellung in Berlin folgenden Kommentar:

Die Verkaufsstelle Cadiner Erzeugnisse befindet sich in der Feinkeramischen Halle. Bei ihrer Beurteilung muß man sich stets dessen bewußt sein, dass der Wille des königlichen Fabrikherren maßgebend ist und dass sich Künstler und Techniker dem im allgemeinen unterzuordnen haben. Daher wird man letztere nicht ohne weiteres für das verantwortlich machen können, was etwa an Entwurf und Ausführung zu bemängeln ist …

Beispiele für das große künstlerische und handwerkliche Können der Cadiner Werkstätten findet man noch heute. Zum Beispiel die Villa Patschkie in Danzig-Langfuhr, in der Wandfliesen aus Cadinen im Stil der Neorenaissance aus der Zeit um 1910 erhalten geblieben sind. Sie schmücken das Portal zum Vestibül der Villa und sind mit Girlanden, Vasen und drei allegorischen Frauenfiguren verziert. Im Hamburger Hotel "Atlantic" hängt noch heute ein mit Majolikafliesen gestaltetes zwei Meter hohes Wandporträt von Wilhelm II. Es stammt von Paul Heydel und ist Ausdruck des Personenkults, der in der Vorkriegszeit um den Kaiser betrieben wurde.
Wer sich für die Keramik aus Cadinen interessiert und sich einen umfangreicheren Einblick in die Vielfalt der dort produzierten Keramik verschaffen möchte, dem sei die ständige Ausstellung zu diesem Thema im Ostpreußischen Landesmuseum Lüneburg empfohlen. In Cadinen selbst gibt es kein Museum.

Das zweite wirtschaftliche Standbein in Cadinen war die Herstellung von Ziegelsteinen, die vor dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) ein Verkaufsschlager waren. Cadinen lieferte Ziegel für den Bau der im Stil der Neorenaissance errichteten Reichsbank in Danzig (Gdańsk) und den Neubau der neogotischen katholischen Kirche in Danzig-Stieglitz (Baubeginn 1903). Die Ziegel für die Weichselbrücke in Dirschau (Tczew) kamen ebenfalls aus Cadinen.
Um die Werkstätten in Cadinen herum entstand eine kleine Stadt, die - wie sollte es anders sein - ebenfalls mit Ziegeln aus eigener Produktion errichet wurde. Weithin sichtbar war die neogotische Kirche, die Wilhelm errichten ließ. Sie wurde 1945, am Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) ein Opfer der Flammen.

Wilhelm II. hat immer betont, dass seine Keramikwerkstätten in Cadinen nicht dazu dienten, Gewinn zu erwirtschaften. Das änderte sich schlagartig, als er nach dem von Deutschland verlorenen I. Weltkrieg abdanken und ins belgische Exil gehen musste. Zwar blieb das Gut weiterhin im Besitz der Hohenzollern. Aber die finanzielle Förderung durch den Kaiser entfiel. Deutschland lag wirtschaftlich am Boden. 1919 waren im Reich rund drei Millionen Menschen arbeitslos. Keramik aus Cadinen war ein Ladenhüter. Verkaufshemmend wirkte sich aus, dass die Keramikerzeugnisse in Verbindung mit dem Kaiser gebracht wurden, der in weiten Teilen der deutschen Bevölkerung nach Krieg und Revolution unbeliebt war. Vermutlich aus diesem Grund ließen die Majolika-Werkstätten zwischen 1918 und 1923 die Kaiserkrone als Teil des Markenstempels auf Ofenkacheln weg.

Der Retter aus der wirtschaftlichen Not hieß Wilhelm Dietrich. Der Keramikmaler und ab 1926 Direktor der Werkstätten stellte die Produktion auf Ofenkacheln um, die sich gut verkauften. Zudem bewies er kaufmännisches Geschick. Auch mit Nachbildungen von Prunköfen aus Danzig und Elbing (Elbląg) fuhren die Cadiner Gewinn ein.

Gewinn erwirtschafteten die Cadiner auch weiterhin mit der Ziegelproduktion. Die Grundlage dafür hatte der Kaiser bereits um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gelegt. Als Wilhelm 1899 das Gut kaufte, gehörte eine Ziegelei dazu. 1899 ließ er den Maschinenpark modernisieren, eine Schwemmanlage bauen sowie Trocknereien und zwei Ringöfen errichten. Sein Ziel war die industrielle Produktion von Ziegelsteinen. Eine Schmalspurbahn transportierte die Ziegelsteine zu einem kleinen Hafen am Haff, wo sie verschifft wurden. Nach dem Ersten Weltkrieg konnte die Ziegelei ihre Produktion steigern. Ein bedeutender Großkunde war die öffentliche Hand. Noch einmal gesteigert wurde der Ausstoß von Ziegelsteinen während der Zeit des Nationalsozialismus. 1938 waren in Cadinen zwei Ringöfen und zwei vollautomatische Strangpressen im Einsatz. Jeden Tag verließen 24.000 Ziegel und 6.000 Dachpfannen das Werk.

Die Herstellung von Keramikfiguren und Gebrauchsgegenständen lief dagegen nur schleppend an. Erst 1925 nahm die Abteilung für Malerei ihre Arbeit wieder auf. Ein Foto aus diesem Jahr ist erhalten geblieben, welches die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in weißen Arbeitskitteln hinter einem Tisch zeigt, auf dem sich Vasen und Teller stapeln. Hergestellt wurden Deckeldosen, Wandteller, Becher, Kannen und Humpen. Teilweise handelte es sich um Keramik, die schon vor dem Ersten Weltkrieg produziert wurden. Zu den Kunden zählte auch der abgedankte Kaiser. Wilhelm gab Gefäße in “Cardiner Rot” in Auftrag und ließ sie mit goldenen Monogrammen versehen. Überhaupt übte Wilhelm in der Nachkriegszeit immer noch großen Einfluss auf die Majolika-Fabrikation aus. Jeden Entwurf nahm er persönlich ab. Trotzdem gehörten zum Repertoire auch Stücke, deren Design durch die schnörkellose Formensprache des Bauhauses inspiriert waren. Eine Marktnische bedienten die Cadiner in den 1930er Jahren mit der Herstellung von Tierfiguren: Falken, Eisbären, Pumas, Pferde und Löwen. Die Entwürfe stammten von den Keramikkünstlern Arthur Steiner, Heinrich Splieth, Max Bezner und Albert Hinrich Hußmann.

Die Herstellung der Cadiner Majolika endete 1945. Die Einwohner des Ortes flohen vor der heranrückenden Front in Richtung Westen. Unter den Flüchtenden befand sich der Direktor der Majolika-Werkstätten, Wilhelm Dietrich, den es über Thüringen nach Pinneberg in Schleswig-Holstein verschlug, wo er 1961 verstarb. Ferdinand Prinz von Preußen, der seit 1942 Generalbevollmächtigter des Familiengutes war, hatte Cadinen bereits 1944 verlassen. Der 1907 geborene Enkel Wilhelms war eigentlich Oberleutnant der Luftwaffe. Nachdem jedoch sein älterer Bruder Wilhelm 1940 in Frankreich gefallen war, erließ der deutsche Reichsführer und Diktator Adolf Hitler den “Prinzenerlass”, der die Angehörigen des Hauses Hohenzollern vom Kriegsdienst befreite.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört Cadinen zu Polen und heißt Kadyny. Die neuen polnischen Einwohner haben die Produktion von Keramik in Majolika-Technik nicht weitergeführt. Nur die Ziegelei produzierte weiter. (Frank Hilbert)

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Anmerkungen

  1. Majolika ist eine Technik zur Herstellung von Keramik, die im 15. Jahrhundert auf Mallorca entwickelt und in Italien verfeinert wurde. Die mit einer weißen Zinnglasur versehene Keramik wurde mit leuchtenden Farben bemalt, die ihre Intensität über viele Jahre nicht verlor.