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Klein Piwnitz - der Samsonow-Stein, Denkmal für General Alexander Samsonow

Klein Piwnitz ist eine Dorf im südlichen Masuren. Zwischen 1938 und 1945 hieß es Klein Albrechtsdorf. Ein paar kleine Häuser stehen hier. Es gibt einen Bauernhof mit Milchkühen und im Wald am Dorfrand ein kleines Denkmal, den Samsonow-Stein. Er steht an der Stelle, an der sich der russische General Alexander Samsonow am 30. August 1914 das Leben nahm, nachdem seine Armee in der "Schlacht bei Tannenberg" von den Deutschen geschlagen worden war.

Denkmal für General Alexander Samsonow in MasurenPolen Fotos
Das Denkmal für General Alexander Samsonow. Fotos: Frank Hilbert

Es ist ein unbefestigter Weg, der von der Landstraße DW 604 nach Klein Piwnitz abbiegt – gleich hinter einem Bahnübergang, wenn man aus Richtung Willenberg (Wielbark) kommt. Ein dichter Wald aus Nadelbäumen versperrt mir den Blick nach rechts und nach links. Nach ca. 200 Metern halte ich vor einem Bauernhof. Das Wohngebäude ist klein, dahinter steht ein flacher Stall aus weißen Porenbetonsteinen mit einem Wellblechdach, aus dem das Muhen von Kühen zu hören ist. Strohballen, eingepackt in weiße Plastikfolien türmen sich hinter der Hofeinfahrt. Ich bin mir nicht sicher, ob wir richtig sind und frage deshalb den Bauern nach dem Weg zum Denkmal, das nach dem Ersten Weltkrieg (1914–1918) hier für General Alexander Samsonow aufgestellt worden sein soll. "Es ist nicht mehr weit", erwidert der Bauer. "Bis zur Siedlung, dann nach links dem Weg bis zum letzten Haus folgen. Gleich dahinter steht es." Das Auto lasse ich auf dem Bauernhof zurück. "Natürlich können Sie Ihren Wagen hier abstellen", sagt der Bauer. Die Siedlung, die ich nun zu Fuß erreicht habe, besteht aus ein paar Häusern. Der Weg vollführt eine rechtwinklige Kurve nach links. Wie angegeben laufe ich hinter der Siedlung geradeaus weiter. Kein Denkmal. Ich kehre zum letzten Haus zurück. Hinter dem Zaun steht eine kleine Promenadenmischung. Sie wedelt freundlich mit dem Schwanz und kläfft mich trotzdem wie irre an. Keine Menschenseele ist weit und breit auf dem großzügigen Grundstück zu sehen. Ich klingele, bin mir aber nicht sicher, ob die Klingel überhaupt funktioniert. Nach gefühlten zehn Minuten erscheint eine Frau im mittleren Alter in der Eingangstür des Hauses und sieht mich fragend an. "Zum Denkmal? Geradaus und an der Weggabelung nach rechts. Dann sehen Sie das Denkmal auf der rechten Seite." Nach vielleicht 150 m erblicke ich den Samsonow-Stein an der angegebenen Stelle. Der Rasen drumherum ist ordentlich gemäht, auf die Bank, die hier steht und aus einem Baumstamm gezimmert wurde, könnte man sich setzen, wenn ihre Sitzfläche nicht vollständig mit Moos bewachsen wäre. Und zwei Tafeln informieren über die historischen Hintergründe. Leicht war der Weg nicht zu finden.

Porträt von General Alexander Samsonow
General Alexander Samsonow.

Im August 1914 waren von Osten die russische Njemen-Armee unter General Paul Karl von Rennenkampff und von Süden die Narew-Armee unter General Alexander Samsonow in Ostpreußen einmarschiert und hatten große Teile der damaligen preußischen Provinz, in der Masuren lag, besetzt. Die deutsche Oberste Heeresleitung (OHL) entließ den Befehlshaber der Ostpreußenarmee und gab das Kommando an Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Unter der neuen Führung schlugen die Deutschen die Narew-Armee zwischen dem 26. und 30. August 1914 vernichtend. Die Kämpfe gingen als die "Schlacht bei Tannenberg" in die deutschen Geschichtsbücher ein. Auf beiden Seiten forderten sie unermäßliche Opfer. 120.000 russische Soldaten verloren bei den Kämpfen ihr Leben, 90.000 kamen in Kriegsgefangenschaft, so die Schätzungen. Die deutsche Seite beklagte 13.058 Tote.
Am 29. August befand sich Samsonow auf bereits von Deutschen befreitem Gebiet und wollte sich zusammen mit einigen seiner Offiziere durch die deutschen Linien schlagen. Bevor sie sich auf den Weg machten, entfernten sie ihre Rangabzeichen und vergruben sie zusammen mit ihren Papieren. Die Deutschen sollten im Falle einer Gefangennahme ihre Identität nicht erfahren. In der Nacht trennte sich Samsonow unbemerkt von der Gruppe und brachte sich am 30. August an der Stelle um, an der das Denkmal steht. Alexander Solschenizyn hat den Einmarsch der Samsonow-Armee in Ostpreußen und auch den Freitod des Generals in seinem Buch "August 1914" literarisch aufgearbeitet:

Aber die kleine diensteifrig-aufdringliche Gestalt Postowskijs näherte sich zu ihm: 'Exzellenz! Gestatten Sie mir zu bemerken ... Unsere Zukunft ist ungewiss ... Wenn wir in die Hände des Feindes fallen, würden alle Papier, alle Rangabzeichen ... Weshalb sollten wir ihnen einen solchen Triumph gönnen?'
Samsonow begriff nicht – welchen Triumph noch? ...
Schwierig war nur, Kuptschik zu entkommen: er blieb die ganze Zeit hinter dem Rücken seines Generals und berührte ihn am Rücken oder am Arm. Aber als sie ein dichtes Gestrüpp umgangen hatten, überlistete Samsonow seinen Kosaken: er trat zur Seite und hielt den Atem an. Das Rascheln, Knacken, die schweren Schritte, alles zog an ihm vorbei. Entfernte sich. War nicht mehr zu hören.
Ringsum war es still. Die Stille der Welt, nichts von einer Armeeschlacht. Nur das Wehen des leichten frischen Nachtwindes. Die Gipfel der Bäume rauschten leise. Dieser Wald war nicht feindselig: er war nicht deutsch, nicht russisch, er war Gottes und gewährte jedem Lebewesen Obdach ...
Aber der Selbstmord zählte zu den Sünden. Der Revolver ließ sich leicht, mit einem leisen Knacken entsichern. Er legte ihn auf die Erde, in die umgekehrte Mütze hinein. Schnallte den Säbel ab, küßte ihn. Ertasteste und küßte das Medaillon seiner Frau ...
Der Himmel bezog sich, ein einziger kleiner Stern war zu sehen. Er verschwand, kam wieder. Samsonow kniete auf warmen Nadeln und betete – da er nicht wußte, wo Osten war – zu diesem Stern. Erst die gewohnten Gebete. Dann - wortlos: er kniete, schaute in den Himmel, atmete. Dann stöhnte er auf, ungehemmt, wie jegliche sterbende Kreatur des Waldes.[1]

Dorfbewohner fanden den toten General und begruben ihn zusammen mit anderen gefallenen Soldaten. Als man später die Leichname auf Soldatenfriedhöfe umbetten wollte, konnte Samsonow anhand des Medaillons seiner Frau identifiziert werden, das er um den Hals trug. Zusammen mit Vertretern des dänischen Roten Kreuzes und des deutschen Kriegsministeriums reiste Samsonows Witwe im September 1915 nach Masuren zum Grab ihres Mannes. Auf ihren Wunsch hin wurden seine sterblichen Überreste 1916 – also noch während des Krieges, mit deutscher Genehmigung und militärischem Ehrengeleit zum Bahnhof – nach Russland überführt. Nach dem Ersten Weltkrieg, zwischen 1918 und 1920, errichteten Forstbeamte das Denkmal aus Feldsteinen in Pyramidenform am Rande des Dorfes Klein Piwnitz. Es erhielt den Namen Samsonow-Stein. Auf der Vorderseite war eine kleine weiße Platte mit folgenden in schwarzen Lettern verfassten Inschrift angebracht:

General Samsonow, der Gegner Hindenburgs in der Schlacht bei Tannenberg, Gef. d. 30. August 1914.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört Masuren zu Polen. Die polnischen Behörden ließen die Gedenktafel entfernen (vermutlich um 1970 herum). Angebracht wurde eine neue Tafel erst wieder nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regierung in den 1990er Jahren. Im Gegensatz zum Original ist sie schwarz mit hellen Buchstaben. Der Wortlaut ist identisch mit dem auf der Originaltafel. An der Rückseite der Pyramide lehnt eine kleine Steinplatte, auf der auf Polnisch zu lesen ist, dass das Denkmal 2005 mit Mitteln der russichen Botschaft in Polen erneuert worden sei. Zwei Informationstafeln informieren in polnischer und deutscher Sprache über die Kriegshandlungen im Sommer 1914 in der Region und über den Freitod des Generals. (fh)

GPS-Daten des Samsonow-Steins

GPS-Daten: 53°21'59.1"N 20°51'48.4"E

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Anmerkungen

  1. Alexander Solchenizyn: August Vierzehn. Druck- und Verlags-Gesellschaft mbH, Darmstadt 1974, S. 580 ff.

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