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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Das Tannenberg-Denkmal bei Hohenstein (Olsztynek), Polen

Im Sommer 1914 vernichteten deutsche Truppen die in Ostpreußen eingefallene 2. russische Armee unter der Führung von General Alexander Wassiljewitsch Samsonow (1859-1914). Die Deutschen nannten die mehrere Wochen andauernden Kämpfe "Schlacht von Tannenberg" und errichteten im Gedenken an sie in der Nähe von Hohenstein (Olsztynek) das Tannenberg-Nationaldenkmal.

Gelände, auf dem das Tannenberg-Denkmal stand
Das Tannenberg-Denkmal 1944 aus einem Flugzeug heraus fotografiert. Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-679-8187-26 / Sierstorpff (Sierstorpp) / CC-BY-SA 3.0, Bundesarchiv Bild 101I-679-8187-26, Tannenberg-Denkmal, Luftaufnahme, CC BY-SA 3.0 DE

Um den Tannenberg-Mythos um die Kämpfe im Sommer 1914 zu verstehen, muss man zunächst einen Blick zurück in die Zeit des Mittelalters werfen. Ganz in der Nähe von Hohenstein tobte am 15. Juli 1410 die Schlacht bei Tannenberg, in der das Heer des Deutschen Ordens auf eine gemeinsame polnisch-litauische Streitmacht[1] stieß. Hochmeister Ulrich von Jungningen führte das Ordensheer an. An der Spitze der gegnerischen Truppen standen der polnische König Władysław II. Jagiełło und der litauische Großfürst Vytautas. Der Orden unterlag in der Schlacht, in der Ulrich von Jungningen fiel.

"Tannenberg-Schlacht" - eine Idee von Ludendorff

Als im 19. Jahrhundert das Nationalbewusstsein der Völker erwachte, entwickelte sich die Niederlage von 1410 auf deutscher Seite zu einer Schmach, die es galt auszumerzen. Die Gelegenheit bot sich während des Ersten Weltkrieges (1914-1918).
Was war geschehen? In das weitgehend militärisch ungeschützte Ostpreußen waren im August 1914 von Osten die 1. russische Njemen-Armee unter General Paul Karl von Rennenkampff und von Süden die Narew-Armee unter General Alexander Samsonow einmarschiert. Sie konnten zwei Drittel Ostpreußens besetzen. Städte und Dörfer wurden zerstört und tausende Menschen flüchteten vor dem Krieg.
Die Deutschen verlegten eiligst Truppen von der Westfront nach Ostpreußen, holten den bereits pensionierten Hindenburg aus dem Ruhestand zurück und machten ihn zum Oberbefehlshaber in Ostpreußen. Zu seinem Ersten Generalquartiermeister und Stellvertreter ernannte die Oberste Heeresleitung Erich von Ludendorff. Den beiden gelang es, die Narew-Armee bei Kämpfen zwischen dem 26. und dem 30. August zu schlagen. Der Sieg über die Njemen-Armee gelang erst in der "Schlacht an den Masurischen Seen", die vom 8. bis 11. September stattfand.
Durch geschickte Selbstvermarktung konnte sich Hindenburg zum "Retter Ostpreußens" stilisieren. Und Ludendorff kam der Gedanke, die siegreichen Kämpfe gegen die Narew-Armee in "Schlacht bei Tannenberg" umzubenennen. In seinem Kriegstagebuch findet sich für den 28. August folgender Eintrag:

Das Oberkommando verlegte am 28.8. früh seine Gefechts-Befehlsstelle nach Frögenau, westlich von Tannenberg, ich war dagegen, weil ich zu abergläubisch war. Später schlug ich vor, daß die Schlacht den Namen Tannenberg bekommen soll, als Sühne für jene Schlacht von 1410.

Deutschland verlor den Ersten Weltkrieg. Der Versailler Vertrag von 1919 legte fest, dass die Menschen in Masuren über die Zugehörigkeit zum Deutschen Reich oder Polen abstimmen sollten. Die Abstimmung fand am 11. Juli 1920 statt und endete mit einem eindeutigen Ergebnis: 97,89 Prozent der Wähler sprachen sich für den Verbleib im Deutschen Reich aus.
Im Vorfeld der Wahl begannen die Befürworter für einen Verbleib im Reich mit ihrem Werbefeldzug, in dessen Verlauf sie Ostpreußen zum Bollwerk gegen die Slawen stilisierten. Die "Schlacht bei Tannenberg" von 1914 sollte die deutschen Ansprüche auf das Abstimmungsgebiet untermauern. So entstand der Tannenberg-Mythos.
Während des Wahlkampfes entwickelte bereits die Idee, ein Tannbenberg-Denkmal zu errichten. Die Befürworter, allen voran der Bund der Veteranen der Provinz Ostpreußen, machten Nägel mit Köpfen und gründeten 1919 den "Verein für ein Tannenberg-Nationaldenkmal". Gebaut wurde es zwischen 1924 und 1927. Es bestand aus acht riesigen Türmen, die im Kreis angeordnet und durch Mauern aus Backstein miteinander verbunden waren und so ein Achteck bildeten. Die feierliche Grundsteinlegung fand am 31. August 1924 im Beisein von Paul von Hindenburg statt, der auch den "Hammerspruch" sprach:

Den Gefallenen zum ehrenden Gedächtnis, den Lebenden zu ernster Mahnung, den kommenden Geschlechtern zur Nacheiferung.
Tannenberg-Denkmal
Gelände, auf dem das Tannenberg-Denkmal stand. Foto: Frank Hilbert

Der inzwischen zum Reichspräsidenten aufgestiegene Hindenburg war es auch, der das Denkmal am 18. September 1927 einweihte. Auf dem Gelände des Denkmals wurden 20 unbekannte deutsche Soldaten beigesetzt, die bei Kämpfen in der Nähe von Hohenstein am 28. August 1914 gefallen waren. Offiziell hieß das Denkmal "Tannenberg-Nationaldenkmal".

In der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg (1939-1945) trennte der sogenante "Polnische Korridor" die Provinz Ostpreußen vom Deutschen Reich ab. Der Tannenberg-Mythos diente in dieser Zeit als Beweis für den Durchhaltewillen der Deutschen in Ostpreußen. Die Nationalsozialisten nutzten das riesige Denkmal nach ihrer Machtergreifung im Januar 1933 für Massenaufmärsche und schlachteten es für ihre Propaganda aus. Ein Beispiel ist der Umgang mit Hindenburg. Der selbsternannte "Retter Ostreußens" starb 1934. Er wollte in Hannover beigesetzt werden. Die Nationalsozialisten setzten sich über den letzten Willen des Verstorbenen hinweg und beerdigten ihn am 7. August 1934 im Tannenberg-Denkmal. Das Begräbnis machten sie zu einer nationalsozialistischen Massenveranstaltung und erhoben das Denkmal in den Rang eines "Reichsehrenmals". Ein Jahr später wurde Hindenburgs Leichnam in den eigens errichteten Gruftturm des Denkmals umgebettet.
Es setzte ein Massenansturm auf Hohenstein ein. Kriegervereine, die Hitlerjugend, der Bund deutscher Mädel (BDM) und andere NS-Organisationen karrten ihre Mitglieder hierher und bescherten Hohenstein so einen wirtschaftlichen Aufschwung. Auch für viele Masuren gehörte ein Besuch zur selbstauferlegten Pflicht. Um dem Ansturm zu bewältigen, gründeten die Hohensteiner die Hohensteiner Verkehrsgesellschaft Tannenberg m.b.H., die eine Jugendherberge mit 226 Betten und das Gasthaus "Tannenbergkrug" unterhielt, und modernisierten den Bahnhof.

Trümmer für den Wiederaufbau von Warschau

Kurz bevor sowjetische Truppen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945) Hohenstein erreichten, sprengten Soldaten der 299. Infanteriedivision am 21. Januar 1945 die Hindenburg-Gruft mit Tellerminen. Die Särge mit den sterblichen Überresten von Paul von Hindenburg und seiner Frau Luise gelangten über Pillau (heute Baltijsk, Russland) und Stettin (Szczecin) in ein thüringisches Bergwerk. Dort entdeckten amerikanische Soldaten die Särge und brachten sie nach Westen, bevor sie Thüringen an sowjetische Truppen übergaben. Ihre letzte Ruhestätte fanden Hindenburg und seine Frau in der Nordturmkapelle der Elisabethkirche in Marburg.
Die Trümmer des Denkmals trugen polnische Soldaten in den 1950er Jahren ab. Die Backsteine wurden für den Wiederaufbau der von den Deutschen zerstörten polnischen Hauptstadt Warschau (Warszawa) verwendet.

Eine riesige mit Gebüsch überwucherte Mulde kennzeichnet die Stelle, an der das Tannenberg-Denkmal stand. Zwei Schautafeln informieren über die Geschichte. Das einzige erhalten gebliebene Fragment des Denkmals ist das Löwendenkmal, das seit 1993 vor dem Rathaus von Olsztynek steht. (Frank Hilbert)

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Hohenstein (Olsztynek), Polen23.07.2019 – 17:59 Uhr
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Sehenswürdigkeit

Tannenberg-Denkmal
ul. Tannenberg
11-015 Olsztynek

Anmerkungen

  1. Seit 1386 waren Polen und Litauen durch eine Personalunion verbunden.

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