Polish Online
Polen: Übersetzungsdienst & Reiseinfos
Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

Hauptnavigation

Groß Medunischken (Mieduniszki Wielkie), Masuren

Groß Medunischken (Mieduniszki Wielkie) liegt abgeschieden am Flüsschen Angerapp im nördlichen Masuren, nicht weit von der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad (Königsberg). In dem kleinen Dorf steht die Ruine eines neobarocken Gutshauses der Familie von Altenstadt.

Der Haupteingang des neobarocken Gutshauses in Groß MedunischkenPolen Fotos
Die Reste der Treppe, die zum Haupteingang des neobarocken Schlosses hinaufführten. Foto: Frank Hilbert

Hier, nur wenige hundert Meter von der russischen Grenze entfernt, scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehengeblieben zu sein. Das Kopfsteinpflaster der Chaussee, die nach Groß Medunischken (Mieduniszki Wielkie) führt, wölbt sich in der Fahrbahnmitte zu einem Buckel und ist an vielen Stellen abgesackt. Gras spriest zwischen den Pflastersteinen, so selten fahren Autos auf ihr entlang. Alte Bäume säumen sie und spenden mit ihren ausladenden Kronen Schatten. Links und rechts erstrecken sich wogende Kornfelder, deren Pracht im Kontrast zu der von der Sommerhitze ausgedorrten Erde steht. Laufend piept mein Smartphone, weil es sich in russische Mobilfunknetze ein- und wieder ausloggt. Als wir den Ortseingang von Groß Meduschniken erreichen, überquert die Straße das Flüsschen Angerapp (Węgorapa), das gemächlich durch die masurische Landschaft in Richtung Russland fließt. Unzählige Seerosenblätter schwimmen unterhalb der Brücke und leuchten in einem frischen Grün in der Sonne. Der Name Groß Medunischken täuscht. Auf beiden Seiten der Dorfstraße stehen nur eine Hand voll Wohnhäuser und – am Ende des Dorfes – ein neobarockes Schloss.

Besonders sehenswert ist das Schloss, das bis 1945 der Familie Schmidt von Altenstadt gehörte, zwar nicht mehr, denn es ist abgebrannt. Aber es lohnt sich, einen Blick auf die Geschichte des Gutes zu werfen: 1798 kaufte Johann Friedrich Wilhelm von Fahrenheid (1747 – 1834) den Gutskomplex Beynuhnen (heute russ. Uljanowskoje), zu dem auch Groß Medunischken gehörte, der Gräfin Anne Sophie Charlotte von Dönhoff ab.
Die Fahrenheids waren eine der vermögendsten ostpreußischen Familien, die erst 1786 vom preußischen König Friedrich Wilhelm II. in den Adelsstand erhoben worden ist. Den Grundstein ihres enormen Vermögens legten sie als Kaufleute in Königsberg. Später züchteten sie erfolgreich Warmblüter. Fritz von Farenheid-Beynuhnen (1815 – 1888) war ein leidenschaftlicher Kunstsammler und errichtete in der Mitte des 19. Jahrhunderts in Klein Beynuhnen ein neoklassizistische Schloss für seine umfangreiche Kunstsammlung. Es war ein offenes Geheimnis, dass er homosexuell war und sich 1888 in seinem Schlosspark neben seinem Freund beerdigen ließ.
Bekannt geworden sind die Fahrenheids auch durch ihre Familiengruft, die Masurische Pyramide, die nur fünf Kilometer von Groß Medunischken entfernt in Angerapp (Rapa, Kleinangerapp) steht. Gebaut haben sie die Gruft nach dem Vorbild ägyptischer Pyramiden. Das spezielle Raumklima in ihrem Inneren führte zu einer natürlichen Leichenkonservierung (Mumifikation).

In den Besitz der Altenstadts gelangte das Gut Groß Medunischken durch Änderungen in der Erbfolge. Zunächst hinterließ Friedrich Heinrich Johann von Fahrenheid im Jahr 1849 Groß Medunischken seiner Tochter Friederike Charlotte, einer verheirateten von Bujack. 1904 vererbte es wiederum Charlottes Enkel, Philipp von Bujack, seiner Tochter Anna, die mit Generalmajor Eduard Schmidt von Altenstadt (1836 – 1925) vermählt war.

Seerosen auf dem Fluss Angerapp am Rande des Dorfes Groß Medunischken
Seerosen auf dem Fluss Angerapp.

Als die Fahrenheids das Gut übernahmen, stand das Herrenhaus bereits. Es soll sich um einen einstöckigen Bau mit einer repäsentativen Fassade gehandelt haben. In den darauffolgenden 137 Jahren veränderten die Eigentümer ihn kaum. Nur im Park pflanzten sie Bäume, legten Wege an, bauten ein Haus für den Gärtner und richteten in einer Ecke des Parks einen Familienfriedhof ein.
Turbulenter verlief die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Kurz nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges (1914 – 1918) marschierten russische Truppen wiederholt im Norden Ostpreußens ein und kreuzten auf ihrem Weg jedes Mal Groß Medunischken. Bei einem Artilleriegefecht am 4. Dezember 1914 wurde das Gutshaus von Granaten getroffen und brannte ab. Zivilisten kamen bei dem Angriff nicht zu Schaden, weil die Gutsherren zusammen mit ihren Angestellten bereits am 9. November nach Westpreußen evakuiert worden waren. Zuvor hatte die deutsche Militärführung entlang der Angerapp eine Verteidigungslinie mit Schützengräben und Stacheldraht anlegen lassen. Dazu waren im Oktober 1.300 Armierungsarbeiter nach Groß Medunischken verlegt worden, die die Arbeiten ausführen sollten. Für die Gutsverwaltung stellte die Anwesenheit der Arbeiter eine erhebliche Belastung dar, wie aus Aufzeichnungen der Adelsfamilie hervorgeht. Sie regten sich vor allem darüber auf, dass die Arbeiter sich Werkzeuge ausliehen und nicht wieder zurückbrachten.
Drei Jahre später hatte die Adelsfamilie ihren Herrensitz nun im neobarocken Stil neu errichtet. Zum Gedenken an die Zerstörung 1914 mauerten sie eine Geschosshülse in das Mauerwerk ein und hängten eine Tafel an der Freitreppe mit folgendem Spruch auf:

Das alte Haus zerbarst in Glut
von russischen Geschützen
mög Gott Hand das neue Heim
vor gleichem Lose schützen.
4.XII.1914 22.IX.1917

Gottes Hand schütze das neue Heim nicht. 1922 wurde es als Folge eines Kaminbrandes erneut ein Opfer der Flammen und anschließend wieder originalgetreu aufgebaut.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden in der Provinz Ostpreußen, zu der Masuren gehörte, hunderte Orte umbenannt, weil ihre litauischen, pruzzischen oder masurischen Namen zu fremdländisch klangen. Auch Groß Medunischken klang den Nationalsozialisen nicht "arisch" genug, und sie gaben dem Ort den Namen Großmedien.
Zwischen 1939 und 1945 tobte der Zweite Weltkrieg. Die von Altenstadts ereilte das gleiche Schicksal wie Millionen andere Deutsche auch. Sie flohen im Oktober 1944, als sowjetische Truppen erstmals ostpreußischen Boden betraten, nach Westen.

Seit 1945 gehört Groß Meduschniken zu Polen und heißt Mieduniszki Wielkie. In das Gutshaus zog eine polnische Jugendorganisation ein, bevor es 1973 ein Staatsgut übernahm und Büros und Wohnungen darin einrichtete. Dafür mussten Handwerker den Stuck abschlagen, einen klassizistischen Kamin abreisen und den Balkon im Ballsaal entfernen, wodurch der Charme des neobarocken Hauses verlorengegangen sein dürfte.
Nach der politischen Wende in Polen 1989, in deren Verlauf die Kommunisten ihre Macht verloren, stand es jahrelang leer und verfiel zusehends. Erst 2001 fand sich ein Investor, der es kaufte, um es in eine Pension umzugestalten. Bevor er jedoch seine Pläne umsetzen konnte, brannte es 2004 ab. Nur den rechten Flügel schützt noch ein Dach. Über dem mittleren Teil und dem linken Flügel ist der Dachstuhl eingestürzt und hat die Zwischendecken und Treppen mit in die Tiefe gerissen. Die Zu- und die Auffahrt sind im Laufe der Jahre völlig zugewuchert, sodass man zum Schloss nur auf schmalen Trampelpfaden gelangt. Der Park auf der Rückseite ist verwildert. Auch die Wirtschaftgebäude, die zum Gut gehören, werden nicht mehr genutzt und verfallen. (fh)

Sehenswürdigkeiten

  • Ruine eines neobarockes Gutshauses
    Geodaten: 54.31798°N 21.98120°E
  • verwildeter Schlosspark mit Familiengrab
  • verfallene Wirtschaftsgebäude neben dem Schloss
  • Schleusenbrücke
    Geodaten: 54.32353, 21.980839
  • Schulgebäude
    Geodaten: 54.32581, 21.97912
  • Masurische Pyramide der Familie Fahrenheid in Angerapp (Rapa), Geodaten: 54.30988°N 22.02167°E

Hotels

Booking.com

Karte

Landkarte von Polen mit Groß Meduschniken (Mieduniszki Wielkie)

Wetter

Groß Medunischken (Mieduniszki Wielkie), Polen29.11.2020 – 14:24 Uhr
Bedeckt
Groß MedunischkenWetter Polen1.26 °CLuftfeuchte: 88%
Luftdruck: 1023 hPa
Windgeschwindigkeit: 3.29 m/s
(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)


powered by webEdition CMS