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Schloss Gallingen (Galiny) in Masuren, Polen

Nur ein unscheinbares Schild weist am Straßenrand im masurischen Dorf Gallingen (Galiny) auf ein architektonisches Kleinod hin: ein Schloss mit Hotelbetrieb und angeschlossenem Gestüt, das einst der ostpreußischen Grafenfamilie zu Eulenburg gehörte. Romantisch steht das Schloss am Ufer der Pissa, die hier an mehreren Stellen aufgestaut wird und so kleine Seen bildet. Schmale Wege durchkreuzen den gepflegten Park mit seinen dicht stehenden Bäumen, die Schatten spenden vor der sengenden Sommerhitze. Kein Autolärm und keine Touristenströme stören die Ruhe der ländlichen Abgeschiedenheit, die nur 25 Kilometer von der Grenze zur russischen Exklave Kaliningrad entfernt ist.

Toreinfahrt zum Schloss Gallingen (Galiny) in Masuren Polen Fotos

Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass das Schloss mit dem dazugehörigen Gut wieder genutzt wird. Ein Warschauer Kosmetikfabrikant kaufte das vernachlässigte Anwesen 1995, restaurierte es in Abstimmung mit dem Denkmalschutz und eröffnete schließlich ein Hotel in ihm. Somit blieb dem Gallingener Schloss das Schicksal vieler anderer Herrenhäuser in der früheren deutschen Provinz Ostpreußen erspart, die entweder am Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 zerstört wurden oder in den folgenden Jahrzehnten mehr und mehr verfielen und nicht mehr genutzt werden.

Die Eulenburgs, deren ostpreußische Linie auf Botho VIII. von Ileburg, einen Landvogt in der Lausitz, zurückgeht, kamen in der Mitte des 15. Jahrhunderts als Soldritter des Deutschen Ordens nach Preußen. Für ihre Dienste erhielten sie 1468 den Besitz Gallingen zum Lehen, das bis zum Jahr 1945 in ihrem Besitz blieb. Mitglieder der Familie bekleideten hohe Ämter in der Verwaltung, der Kirche und beim Militär. Gottfried Heinrich zu Eulenburg (1670–1734) zum Beispiel konvertierte nach dem Tod seiner Frau zum Katholizismus und wurde Domherr von Frauenburg (Frombork). Ein anderes beruflich erfolgreiches Familienmitglied war Gottfried zu Eulenburg (1598–1660), der 1654 immerhin zum Landhofmeister im Herzogtum Preußen aufstieg. Für ihre Verdienste und wegen ihres umfangreiches Landbesitzes wurden die Eulenburgs 1786 in den Grafenstand erhoben.

 Als die Eulenburgs mit Gallingen belehnt wurden, bestand das Dorf bereits seit etwa 100 Jahren. Auf einer Anhöhe am Fluss errichteten sie eine Wasserburg, die sie Ende des 16. Jahrhunderts mit der Fertigstellung des Hauptgebäudes durch Botho zu Eulenburg vollendeten. Sie war von einem Wassergraben umgeben und nur über eine Zugbrücke erreichbar. Reste der ersten Bebauung sind noch im linken Flügel der Anlage erhalten geblieben. Ihre heutiges Aussehen erhielt das Schloss im 18. Jahrhundert. Obwohl das Herrenhaus 1945 geplündert und die verbliebenen Reste der Einrichtung verbrannt wurden, sind im Inneren noch ein spätbarocker Kamin, Kristallgewölbe im Erdgeschoss und die mit Schnitzwerk reich verzierte Treppe in der Diele erhalten geblieben. Es existiert sogar noch eine Renaissance-Tür, die vermutlich vom Vorgängerbau stammt. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ließ Botho Ludwig zu Eulenburg (1811–1867) den linken Schlossflügel und die Torfront im neogotischen Stil umbauen, nachdem ein Brand sie stark beschädigt hatte. Auf historischen Bildern wirken die neuen Gebäude allerdings wie Fremdkörper im Gebäudeensemble. Vermutlich deshalb entschloss sich Graf Botho Wendt zu Eulenburg (1883–1945), der letzte Gutsherr in Gallingen, in den 1920er Jahren, sie erneut umzugestalten. Mit den Umbauarbeiten betreute er den aus Schlesien stammenden Architekten Friedrich Graf Franz Hochberg (1875–1954), der dem Schlosskomplex sein heutiges neobarockes Aussehen verlieh. 

Brücke im Schlosspark in Galligen (Galina) in Masuren
Fotos: Frank Hilbert

Graf Botho Wendt zu Eulenburg war ein hochdekorierter Offizier des Ersten Weltkrieges, der nach dem Krieg politisch weit rechts stand und kein Freund der Weimarer Republik war. Er kämpfte in der Baltischen Landeswehr und beteiligte sich 1920 am konterrevolutionären Kapp-Putsch, er war Mitglied der republikfeindlichen Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), für die er zwischen 1924 und 1930 als Abgeordneter im Reichstag saß, und trat Anfang der 1930er Jahre in die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) ein. Die Sowjets verhafteten ihn 1945 und deportierten ihn in die Sowjetunion, wo er im März desselben Jahres in der Nähe von Moskau starb. Das Schloss wurde 1946 in ein Ferienlager für Kinder aus dem von den deutschen Besatzern völlig zerstörten Warschau (Warszawa) umgewandelt. 

Untrennbar verbunden mit dem Gut ist die Pfarrkirche von Gallingen, die unter dem Patronat der Familie zu Eulenburg stand. Ihre Geschichte reicht bis in das Jahr 1350 zurück. Während des Dreizehnjährigen Krieges, der 1466 mit der Unterzeichnung des Zweiten Thorner Friedens endete, zerstörten Truppen des Preußischen Bundes das Gotteshaus. Nach 1466 wurde es schnell wieder aufgebaut. Als Baumaterial dienten Feld- und Ziegelsteine. Der Frauenburger Domherr Gottfried Heinrich zu Eulenburg stiftete ihr 1726 eine umfangreiche Pfarrbibliothek, die 1945 ebenfalls verloren ging.

Das Gestüt Gallingen wurde 1998 gegründet. Gezüchtet werden hier Pferde der Rassen Holsteiner und Westfalen. Insgesamt stehen in den Ställen 70 Pferde. Es gibt eine Reitschule mit einer Reithalle und mehreren Reitplätzen. Auch sonst haben die Schlossherren ein umfangreiches Freizeitangebot für ihre Gäste zusammengestellt. Dazu gehören Wanderungen, Bademöglichkeiten, ein Miniaturenzoo und Shetlandponys für die Kleinen und Langlaufski im Winter. Das Hotel richtet sich an Gäste mit gehobenen Ansprüchen. Dementsprechend komfortabel sind die Gästezimmer eingerichtet. (fh)

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