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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Arys (Orzysz) in Masuren - der Dichter Michał Kajka

Malerisch am Spirdingsee (Jezioro Śniardwy) und am Aryssee (Jezioro Orzysz) in Masuren liegt der kleine Ort Arys (Orzysz). Hier lebte der bekannte masurische Volksdichter Michał Kajka.

Vor dem Wohnhaus und Museum Michał Kajka
Sein Wohnhaus hat Michał Kajka selbst gebaut. Heute beherbergt es das Michał-Kajka-Museum. Fotos: Frank Hilbert

Wie alle Grenzvölker, deren konfessionelle und nationale Identitäten sich überlappen, waren auch die Masuren dem Druck ausgesetzt, sich für den Erhalt des Sonderstatus der kulturellen Eigenart ihrer Ethnie einsetzen zu müssen. Ihr Beispiel zeigt auch, dass Sprache nicht zwangsläufig deckungsgleich mit dem nationalen Bewusstsein sein muss. Betrachteten sich die Masuren noch bis Mitte des 19. Jahrhunderts als polnische Minderheit, so führte die sog. „innere Kolonisation" seit 1871/71, im Rahmen derer die Bevölkerung des Deutschen Reichs kulturell homogen werden sollte, fast zur kulturellen Selbstaufgabe der Masuren. Die polnische Sprache wurde unter Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1899) in Schulen und Behörden verboten. Masuren, die polnischsprachige Presse abonnierten oder sich anderweitig für den Verbleib ihres Volkes im polnischen Kulturkreis einsetzten, mussten seitens der preußischen Verwaltung mit wirtschaftlichen Sanktionen oder strafrechtlicher Verfolgung rechnen.

Fehlende Sensibilität für die sozialen Nöte der Masuren

Das größte Hindernis wiederum für die Polen, der deutschen Germanisierungspolitik entgegenzuwirken, war die Tatsache, dass es seit der Teilung im ausgehenden 18. Jahrhunderts der polnische Staat nicht mehr existierte. Ferner fehlte den Polen eine gewisse Sensibilität für die sozialen Nöte der Masuren, und nicht zuletzt stand die Religion einer erfolgreichen „Polonisierung" im Wege. Definierten die Polen ihr Polentum stark über ihre Zugehörigkeit zur katholischen Kirche, so waren die fest im evangelischen Glauben verankerten Masuren ein Fremdkörper im polnischen nationalen Gebilde. Wie erfolgreich die deutsche „Kulturarbeit" war, zeigt der Ausgang der Volksabstimmung im Juli 1920, die im Gefolge des Versailler Vertrags durchgeführt wurde: Eine überwältigende Mehrheit der Masuren sprach sich für den Verbleib in Ostpreußen aus.

Porträt von Michał Kajka
Porträt von Michał Kajka.

Nichts desto trotz wollten die Masuren Preußen mit polnischer Muttersprache sein. Das Polnische war für sie untrennbar mit ihrer Kultur verbunden, und nach dem protestantischen Verständnis, dass man Gott mit der Melodie des Herzens, d. h. in der eigenen Muttersprache, preisen solle, war das Polnische etwas „Heiliges", es gehörte – im Gegensatz zum Deutschen – zum Sacrum.

Symbiose zwischen Sprache und Religion

Nirgendwo zeigt sich die Symbiose zwischen der polnischen Sprache und dem evangelischen Glauben so deutlich, wie in der Dichtung des politisch engagierten Kleinbauern und Handwerkers Michał Kajka (1858-1940) aus Ogrodtken (poln. Ogródek), eines tiefgläubigen Masuren, der in der polnischen Sprache dichtete und seine Werke in polnischssprachigen, in Ostpreußen erscheinenden Zeitungen publizierte. Seine Volksdichtung ist von kurzen lyrischen Formen, augenzwinkernden Anekdoten und von vorwiegend melancholischen Volksliedern geprägt. An biblische Psalmen angelehnt, wo die Sehnsucht, der in der babylonischen Gefangenschaft lebenden Juden besungen wird, beklagt Kajka in seinen „Masurischen Klageliedern" den Untergang seiner geliebten polnischen Muttersprache und das Schicksal seines Volkes, dem Unrecht geschehe:

Unserer lieben Sprache Laute,
Die wir unserer Brust entlocken,
Und die Gott zum Danke sagen,
Die hinaus zum Himmel strömten,
Die wie das Morgenrot uns leuchteten,
Vernichten wollen sie in Meeresfluten.
Wo beim Morgenlob das Lied der Kinder
Die Winde gen Himmel trugen,
Dort die deutsche Kultur heute
Hat Theater eingerichtet,
Statt Gebet für ihre Sünden,
Tanz, Musik, Gelächter nun erklingen.

[...]

Wir pochen ans Gewissen
der kultivierten Menschheit,
In deren Herzen ohne Zweifel
Mitleid wird erwachen,
Laß sie jenen Schmerz erkennen
Über den Verlust der Muttersprache.

Auch zu Gott tragen wir hin
Unser leidenschaftlich Lied,
Er kehrt gern dort ein, wo Angst regiert,
Zweifellos er uns erhört.
Er vermindert unsere Leiden,
der Väter Sprache er uns wiedergibt.

Nach 1945 wurde die Person Michał Kajkas von der politischen Propaganda des sozialistischen Polen für deren Zwecke missbraucht. Kajka wurde als Barde der polnischen Kultur in Masuren gefeiert. Die Tatsache, dass er trotz seiner Liebe zur polnischen Sprache ein preußischer Patriot und bis 1919 ein loyaler Bürger des Kaiserreichs war, wurde ignoriert bzw. bewusst verschwiegen.

1940 starb Kajka. Sein Leichnam ist auf dem Friedhof in Ogrodken (Ogródek) beigesetzt.

Im ehemaligen Wohnhaus der Familie Kajka in Ogródek bei Orzysz ist heute ein Museum zu Ehren des Dichters eingerichtet.

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Anmerkungen

  1. Winfried. Lipscher/Kazimierz Brakoniecki (Hrsg.): Meiner Heimat Gesicht. Ostpreußen im Spiegel der Literatur. München 1999, S. 107f. (Aus dem Polnische von Ursula Fox)