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Bartenstein (Bartoszyce) in Ermland-Masuren, Polen

Bartenstein (Bartoszyce) liegt in der polnischen Wojewodschaft Ermland-Masuren. Die Kleinstadt ist eine Gründung des Deutschen Ordens und lag an einem Handelsweg nach Königsberg. Hier trafen sich 1807 der russische Zar und Preußens König, um eine Allianz gegen Napoleon zu schmieden. Und im Ersten Weltkrieg schlug Feldmarschall Paul von Hindenburg sein Hauptquartier in der Stadt auf.

Marktplatz von Bartenstein (Bartoszyce) in Ermland-Masuren Polen Fotos
Der Markt vor seiner Umgestaltung. Foto: Lech Darski, Bartoszyce. Plac Konstytucji 3 Maja (Rynek) widziany z Bramy Lidzbarskiej., CC BY-SA 3.0

Der 2019 neu gestaltete Marktplatz in Bartenstein (Bartoszyce) ist pflegeleicht: Es gibt keine Rasenflächen mehr, die regelmäßig gemäht, und keine Blumenbeete, die mehrere Male im Jahr neu bepflanzt werden müssen. Verschwunden sind die vielen jahrzehntealten Bäume, die ihn säumten und mit ihren Kronen angenehmen Schatten spendeten, und auch der Springbrunnen, der so beliebt bei den Kindern war, gehört der Vergangenheit an. Dafür ist der Marktplatz vollständig mit Pflastersteinen versiegelt. Die neu gepflanzten Bäumchen sind in Gitterroste aus Stahl eingezwängt. Ein paar Pflanzenkübel ersetzen den Rasen und die Blumenbeete. Schade.

Bartenstein, das bis 1945 in der deutschen Provinz Ostpreußen lag und seit 1945 zu Polen gehört, Bartoszyce heißt und in der Wojewodschaft Ermland-Masuren liegt, ist eine geschichtsträchtige Stadt. Gegründet wurde sie 1326 im Schatten einer Burg des Deutschen Ordens, der zuvor die in dieser Region lebenden pruzzischen Stämme der Nantangen und der Barten unterworfen hatte. Die Burg existiert nicht mehr, und viel weiß man auch nicht über sie. Nur Folgendes ist bekannt: Sie stand am rechten Ufer der Alle, vermutlich dort, wo sich heute der Park Elżbieta (Elisabeth-Park) befindet, und war im 13. Jahrhundert schwer umkämpft. Immer wieder gelang es den Pruzzen, sie zu erobern und für längere Zeit in ihrem Besitz zu halten. Überbleibsel der Pruzzen sind zwei tausend Jahre alte steinerne Figuren, die in der ul. Marii Curie-Skłodowskiej 1 an einem Kreisverkehr stehen. Sie dienten vermutlich Kultzwecken und wurden von den Bartensteinern auf die Namen "Bartek" und "Gustobald" getauft.
Im Dreizehnjährigen Krieg schlugen sich die Bewohner von Bartenstein auf die Seite des Preußischen Bundes, der gegen die Herrschaft des Deutschen Ordens opponierte. Kurzerhand besetzten sie 1460 die Burg und schliffen sie bis auf die Grundmauern. Nach dem Ende des Krieges und der Unterzeichnung des Zweiten Thorner Friedens 1466 verblieb Bartenstein jedoch im Ordensstaat, während die Gebiete Pommern mit Danzig, Marienburg, das Ermland und das Kulmer Land – ausgestattet mit Privilegien – als "Ständestaat Preußen Königlichen Anteils" unter die Herrschaft der polnischen Krone gelangten.
Die Stadt profitierte wirtschaftlich von ihrer Lage an der Alle, die damals Teil eines Handelsweges war, der die ermländischen Städte mit Königsberg (Kaliningrad) verband. Gehandelt wurde in Bartenstein mit Getreide, Holz und Hopfen.

Aus der Zeit des Mittelalters sind Fragmente der Stadtmauer, das Heilsberger Tor und die ehemalige evangelische Kirche des heiligen Johannes (heute  Kościół św. Jana Ewangelisty i Matki Boskiej Częstochowskiej) erhalten geblieben. Die Kirche mit ihrem wuchtigen Turm, der hoch über die Dächer hinausragt, ist immer noch ein Wahrzeichen der Stadt. Errichtet wurde sie im 14. Jahrhundert in dem für die damalgige Zeit typischen gotischen Stil. In den folgenden Jahrhunderten wurde sie jedoch mehrmals umgebaut. So erhielt sie zum Beispiel 1732 einen neuen Turm. Am Ende des Zweiten Weltkrieges (1939–1945) zerstörten sowjetische Soldaten die Stadt zu 60 Prozent. Der stark beschädigte Kirchenbau wurde bis 1958 wieder aufgebaut und ging – bis 1945 war er evangelisch – in den Besitz der katholischen Kirche über. Die Beichtstühle und der Altar stammen aus der Alten Kirche (ab 1933 Deutschordenskirche) in Tilsit (Советск, Sowjetsk), die 1967 abgerissen wurde. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Deutschen den Altar und die Beichtstühle in Kisten verpackt und vor der heranrückenden Front in Sicherheit gebracht. Erst in den 1980er Jahren tauchten sie in Polen wieder auf, wurden restauriert und kamen nach Bartenstein.

Heilsberger Tor in Bartenstein (Bartoszyce) in Ermland-Masuren
Das Heilsberger Tor von 1468 ist das einzige, das von den drei Stadttoren erhalten geblieben ist. Foto: Frank Hilbert

Nach der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt im Jahr 1806, in der die preußische Armee eine empfindliche Niederlage gegen die französischen Truppen unter Napoleon Bonaparte erlitt, floh der preußische König Friedrich Wilhelm III. mit seiner Regierung und seinem Hof nach Ostpreußen. Hier nahm er Kontakt mit Zar Alexander I. auf und traf sich mit ihm in Bartenstein, um mit ihm ein Bündnis gegen Frankreich zu schließen. Das Ergebnis war der 17 Artikel umfassende Bartensteiner Vertrag vom 26. April 1807, der die Wiederherstellung des preußischen Staates in seinen Grenzen von 1805 zum Ziel hatte. Russland verpflichtete sich zum Beistand. Der Vertrag konnte jedoch nicht umgesetzt werden, weil napoleonische Truppen zwei Monate später ein vereinigtes preußisch-russisches Heer in der Schlacht bei Friedland (Правдинск, Prawdinsk) nördlich von Bartenstein schlugen. Schließlich kam es zur Unterzeichnung des Friedens von Tilsit, durch den Preußen beinahe sämtliche polnischen Gebiete, die es durch die zweite und dritte Teilung Polens erworben hatte, verlor und zu einer Regionalmacht herabgestuft wurde.
Noch ein zweites Mal rückte Bartenstein in den Mittelpunkt der politischen Öffentlichkeit. 1914 – der Erste Weltkrieg hatte gerade begonnen – marschierten zwei russische Armeen in die weitgehend militärisch ungeschützte Provinz Ostpreußen ein. Die Deutschen verlegten eiligst Truppen von der Westfront nach Ostpreußen, holten den bereits pensionierten Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg aus dem Ruhestand zurück und machten ihn zum Oberbefehlshaber in Ostpreußen. Zu seinem Ersten Generalquartiermeister und Stellvertreter ernannte die Oberste Heeresleitung Erich Ludendorff. Sein Hauptquartier schlug Hindenburg in Bartenstein auf.

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts erlebte Bartenstein einen bescheidenen wirtschaftlichen Aufschwung, der sich in einem Anstieg der Einwohnerzahl widerspiegelte. Während 1810 nur 2.507 Menschen in der Stadt lebten, waren es 1890 bereits 6.480. Zu den größten Arbeitgebern gehörte die Bartensteiner Mühlenwerke der jüdischen Familie Meyer. Das Unternehmen produzierte Mehl und handelte mit Getreide, Futter- und Düngemitteln. 1866 erhielt Bartenstein einen Bahnanschluss.
Es war also nur folgerichtig, das Bartenstein, das sich zum wirtschaftlichen Zentrum der Region entwickelt hatte, Friedland im Jahr 1902 als Kreisstadt ablöste. Das Gebäude der Kreisverwaltung, in dem sich auch das Landratsamt befand, wurde an der Stelle errichtet, an der im Mittelalter die Ordensburg stand. Es war ein typischer Bau des Historismus, der sich an die Architektur der mittelalterlichen Burgen anlehnte. 1945 wurde er zerstört.

Obwohl die bartensteiner jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert nur wenige Angehörige zählte (1880: 65 Mitglieder), errichete sie um 1850 herum eine Synagoge im Mühlenweg 3, an der Ecke zur Synagogenstraße, die die Nationalsozialisten gleich nach ihrer Machtübernahme 1933 in Fließstraße umbenannten. SA-Männer und Hitlerjungen brannten die Synagoge in der Reichskristallnacht vom 9. auf den 10. November 1938 nieder. Wie überall im Deutschen Reich jener Zeit waren die jüdischen Einwohner und Geschäftsleute Schikanen ausgesetzt. Die "Arier" wurden aufgefordert, nicht in jüdischen Geschäften einzukaufen. Taten sie es in Bartenstein doch, wurden sie im "Stürmerkasten" auf dem Marktplatz, in dem die aktuelle Ausgabe des antisemitischen Wochenblattes "Der Stürmer" aushing, bloßgestellt. Viele jüdische Gewerbetreibende retteten sich vor dem Ruin, indem sie ihre Geschäfte an "Arier" verpachteten oder verkauften. Von einigen jüdischen Einwohnern ist bekannt, dass sie sich vor den Schikanen und vor Verfolgung in Sicherheit bringen konnten, indem sie in die USA, nach Palästina oder nach Bolivien auswanderten. Den Miteigentümer der Mühlenwerke, Dr. Hans Meyer, ermordeten die Nationalsozialisten im Konzentrationslager Auschwitz.[1]

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gehört Bartenstein zu Polen. Diejenigen Deutschen, die nicht geflohen waren, durchlebten eine schwere Zeit. Bolesław Wolski, der Sohn des ersten polnischen Bürgermeisters, Stanisław Wolski, berichtete:

Ihr Schicksal war schrecklich, um so mehr, als die Mehrheit von ihnen Alte, Frauen und Kinder waren, die hierher aus dem Reichsinneren verbracht wurden, um den Krieg zu überdauern [...] Hier war ihr Leben unter den Russen eine Hölle, vor allem für die Frauen. [...] Nichts war heilig, außer dem Überleben.[2]

Die meister der zurückgebliebenen Deutschen wurden vertrieben. Ihren Platz nahmen Polen und Ukrainer ein, die die polnische Regierung 1947 im Zuge der "Aktion Weichsel" aus dem Südosten des Landes zwangsumgesiedelt hatte.
Der nördliche Teil der Provinz Ostpreußen gehört seit 1945 zu Russland, zur Exklave Kaliningrad. Die polnisch-russische Grenze teilt auch den deutschen Landkreis Bartenstein in zwei Hälften. Friedland, das bis 1902 die Kreisstadt war, liegt heute in der russischen Exklave Kaliningrad. (fh)

Erholungsmöglichkeiten

Bartenstein ist eine grüne Stadt. Es gibt den

  • Park Elżbiety (Elisabeth-Park), um den sich die Alle schlängelt
    Adresse: ul. Zamkowa
  • den Park Miejski (Stadtpark) südlich der Altstadt
    Adresse: Bohaterów Warszawy 11 (gegenüber vom Kulturhaus)
  • Ein beliebtes Naherholungsgebiet mit Bademöglichkeit ist der Jeziorko Mleczarskie (Oberteich).
    Adresse: ul. Andrzeja Wajdy 

Sehenswürdigkeiten in Bartenstein

  • Altstadt mit dem Markt
  • St. Johanneskirche, gotisches Gotteshaus, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut, Altar und zwei Beichtstühle aus der Alten Kirche in Tilsit
    Adresse: plac Wolności 2
  • Zwei pruzzische Figuren aus Stein (Babypruskie), über 1.000 Jahre alt, dienten vermutlich Kultzwecken
    Adresse: in der ul. Marii Curie-Skłodowskiej 1
  • Bahnhof aus deutscher Zeit
    Adresse:  Plac Dworcowy 1

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Landkarte von Polen mit Bartenstein (Bartoszyce)

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Anmerkungen

  1. Unser Bartenstein, Heimatblatt für den ehemaligen Kreis Bartenstein/Ostpreußen mit den Städten Bartenstein, Domnau, Friedland, Schippenbell, Osterausgabe 1/2019, S. 10 f.
  2. Andreas Kossert, Damals in Ostpreußen, Der Untergang einer deutschen Provinz, München 2019, S. 198

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