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"Deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag" oder "Hitler-Stalin-Pakt"

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Deutschland und die Sowjetunion (eigentlich Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, kurz UdSSR) schlossen am 23. August 1939 den "Deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag". Bekannt geworden ist dieser Vertrag als "Hitler-Stalin-Pakt". Unterzeichnet haben ihn jedoch Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop und der sowjetische Volkskommissar für Auswärtige Angelegenheiten Wjatscheslaw Molotow. In einem geheimen Zusatzprotokoll nahmen die Vertragsparteien eine "Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa" vor.

Zum Zeitpunkt der Unterzeichnung hatte Deutschland bereits den Entschluss gefasst, Polen zu besetzen. Der Vertrag mit der Sowjetunion gab dem deutschen Diktator Adolf Hitler die Sicherheit, dass der sowjetische Diktator Josef Stalin in diesen Konflikt nicht gegen Deutschland eingreifen wird. Ganz im Gegenteil. Die deutsche Wehrmacht überfiel Polen am 1. September 1939. Stalin marschierte am 17. September 1939 im Osten Polens ein und sicherte sich auf diese Weise die ihm im Vertrag zugesicherten polnischen Gebiete.

Die Interessensphären

Zur sowjetischen Interessensphäre erklärten die Vertragsparteien die östlichen Gebiete Polens, Finnland, Estland und Lettland und in Südosteuropa Bessarabien. Deutschland sicherte sich Westpolen und Litauen.
Die Grenze der beiden Interessensphären auf dem Gebiet Polens sollte ungefähr entlang  der Flüsse Narew, Weichsel und San verlaufen. Im Vertrag blieb offen, ob Polen als unabhängiger Staat bestehen bleibt: "Wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden", heißt es im Vertragstext.[1]

Am 1. September marschierten deutsche Truppen in Polen ein. Am 17. September überschritt die Rote Armee die Ostgrenze Polens. Bereits zwei Tage zuvor hatte die sowjetische Regierung die deutsche Botschaft in Moskau über den bevorstehenden Einmarsch informiert, wie aus einem Telegramm der deutschen Botschaft in Moskau an das Auswärtige Amt in Berlin vom 16. September 1939 hervorgeht:

Molotow erklärte, dass militärische Eingreifen Sowjetunion unmittelbar bevorstehe, vielleicht sogar schon morgen oder übermorgen. Stalin befinde sich zur Zeit in einer Beratung mit den militärischen Führern und würde mir noch heute nacht im Beisein Molotows Tag und Stunde des sowjetischen Vormarsches angeben.[2]

Stalin rechtfertigte den Einmarsch damit, dass der polnische Staat zerfallen sei. Nun sehe sich die UdSSR gezwungen, ihre ukrainischen und weißrussischen Brüder zu schützen. Für die Begründung des sowjetischen Einmarsches hatte sich Moskau bereits im Vorfeld bei den Deutschen gerechtfertigt, ja fast entschuldigt:

Molotow gab zu, daß die von der Sowjetregierung beabsichtigte Formulierung für das deutsche Empfinden einen kleinen Schatten enthalte, bat aber im Hinblick auf die schwierige Lage der Sowjetregierung, über diesen Strohalm nicht zu stolpern; Sowjetregierung sieht für eine andere Motivierung leider keine Möglichkeit, da die Sowjetunion sich bisher um die Lage ihrer Minderheiten in Polen nicht gekümmert habe und ihr jetziges Eingreifen nach außen irgendwie begründen müsse.[3]

Unsicherheit auf sowjetischer Seite herrschte darüber, ob die Deutschen Wilna (litauische Vilnius, poln. Wilno) besetzen werden. Polen hatte zwischen 1920 und 1922 das zu Litauen gehörende Wilna-Gebiet militärisch besetzt und dem polnischen Staat einverleibt. Litauen lag laut Hitler-Stalin-Vertrag in der deutschen Interessensphäre, während der Osten Polens der Sowjetunion zugesprochen worden war. In dem bereits erwähnten Telegramm der deutschen Botschaft in Moskau an das Auswärtige Amt heißt es dazu:

Zum Schluß bat Molotow dringlich um Aufklärung, was mit Wilna geschehen solle. Sowjetregierung möchte Zusammenstoß mit Litauen unbedingt vermeiden und daher wissen, ob über das Wilnagebiet mit Litauen etwas verabredet sei, insbesondere, wer die Stadt besetzen solle.[4]

Schließlich besetzte die Rote Armee am 19. September 1939 Wilna, um die Stadt im Oktober desselben Jahres an Litauen zu übergeben. Die Übergabe der Stadt regelten die beiden Staaten im "Vertrag zwischen der Sowjetunion und Litauen über die Übergabe der Stadt Wilna und des Wilnagebietes an die Republik Litauen und über gegenseitigen Beistand" vom 10. Oktober 1939, mit dessen Unterzeichnung Litauen bereits einen Teil seiner Souverenität aufgab.

Der "Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag"

Ergänzt wurde der Hitler-Stalin-Pakt durch den "Deutsch-Sowjetische Grenz- und Freundschaftsvertrag" vom 28. September 1939. Wieder in einem geheimen Zusatzprotokoll vereinbarten die Sowjetunion und Deutschland, dass Litauen zur sowjetischen Interessensphäre gehöre. Beide Seiten vereinbarten darüber hinaus die Umsiedlung der deutschen, ukrainischen und weißrussischen Minderheiten in den jeweils eigenen Machtbereich.

Nach dem Einmarsch deutscher und sowjetischer Truppen in Polen emigrierte die polnische Regierung über Rumänien zunächst nach Frankreich und später nach London. Während im Hitler-Stalin-Pakt die Zukunft Polens noch offengelassen wurde, beendeten die Vertragsparteien im Grenz- und Freundschaftsvertrag die Unabhängigkeit, indem sie "die in Artikel I festgelegte Grenze der beiderseitigen Reichsinteressen als endgültig" anerkannten. "Jegliche Einmischung dritter Mächte in diese Regelung" lehnten sie ab. Weiter hieß es in Artikel III:

Die erforderliche staatliche Neuregelung übernimmt in den Gebieten westlich der in Artikel I anegebenen Linie die Deutsche Reichsregierung, in den Gebieten östlich dieser Linie die Regierung der UdSSR.[5]

Der Vertragstext des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrags vom 23. August 1939

Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken

Moskau, den 23. August 1939

Die Deutsche Reichsregierung und die Regierung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken geleitet von dem Wunsche, die Sache des Friedens zwischen Deutschland und der UdSSR zu festigen und ausgehend von den grundlegenden Bestimmungen des Neutralitätsvertrages, der im April 1926 zwischen Deutschland und der UdSSR geschlossen wurde, sind nachstehender Vereinbarung gelangt:

Artikel I
Die beiden Vertragschließenden Teile verpflichten sich, sich jeden Gewaltakts, jeder aggressiven Handlung und jedes Angriffs gegeneinander, und zwar sowohl einzeln als auch gemeinsam mit anderen Mächten, zu enthalten.

Artikel II
Falls einer der Vertragschließenden Teile Gegenstand kriegerischer Handlungen seitens einer dritten Macht werden sollte, wird der andere Vertragschließende Teil in keiner Form diese Macht unterstützen.

Artikel III
Die Regierungen der beiden Vertragschließenden Teile werden künftig fortlaufend zwecks Konsultation in Fühlung miteinander bleiben, um sich gegenseitig über Fragen zu informieren, die ihre gemeinsamen Interessen berühren.

Artikel IV
Keiner der beiden Vertragschließenden Teile wird sich an irgendeiner Mächtegruppierung beteiligen, die sich mittelbar oder unmittelbar gegen den anderen Teil richtet.

Artikel V
Falls Streitigkeiten oder Konflikte zwischen den Vertragschließenden Teilen über Fragen dieser oder jener Art entstehen sollten, werden beide Teile diese Streitigkeiten oder Konflikte ausschließlich auf dem Wege freundschaftlichen Meinungsaustausches oder nötigenfalls durch Eisnetzung von Schlichtungskommissionen bereinigen.

Artikel VI
Der gegenwärtige Vertrag wird auf die Dauer von 10 Jahren abgeschlossen mit der Maßgabe, dass, soweit nicht einer der Vertragsschließenden Teile ihn ein Jahr vor Ablauf dieser Frist kündigt, die Dauer der Wirksamkeit dieses Vertrages automatisch für weitere fünf Jahre als verlängert gilt.

Artikel VII
Der gegenwärtige Vertrag soll innerhalb möglichst kurzer Frist ratifiziert werden. Die Ratifikationsurkunden sollen in Berlin ausgetauscht werden. Der Vertrag tritt sofort mit seiner Unterzeichnung in Kraft.

Ausgefertigt in doppelter Urschrift, in deutscher und russischer Sprache.

Moskau am 23. August 1939

Für die Deutsche Regierung:
v. Ribbentrop

In Vollmacht der Regierung der UdSSR:
W. Molotow

Geheimes Zusatzprotokoll

Aus Anlass der Unterzeichnung des Nichtangriffsvertrages zwischen dem Deutschen Reich und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken haben die unterzeichneten Bevollmächtigten der beiden Teile in streng vertraulicher Aussprache die Frage der Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären in Osteuropa erörtert. Diese Aussprache hat zu folgendem Ergebnis geführt:

  1. Die für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung in den zu den baltischen Staaten (Finnland, Estland, Lettland, Litauen) gehörenden Gebieten bildet die nördliche Grenze Litauens zugleich die Grenze der Interessensphären Deutschlands und der UdSSR. Hierbei wird das Interesse Litauens am Wilnaer Gebiet beiderseits anerkannt.
  2. Für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung der zum polnischen Staate gehörenden Gebiete werden die Interessensphären Deutschlands und der UdSSR ungefähr durch die Linie der Flüsse Narew, Weichsel und San abgegrenzt.
    Die Frage, ob die beiderseitigen Interessen die Erhaltung eines unabhängigen polnischen Staates erwünscht erscheinen lassen und wie dieser Staat abzugrenzen wäre, kann endgültig erst im Laufe der weiteren politischen Entwicklung geklärt werden.
    In jedem Falle werden beide Regierungen diese Frage im Wege einer freundschaftlichen Verständigung lösen.
  3. Hinsichtlich des Südostens Europas wird von sowjetischer Seite das Interesse an Bessarabien betont. Von deutscher Seite wird das völlige politische Desinteressement an diesen Gebieten erklärt.
  4. Dieses Protokoll wird von beiden Seiten streng geheim behandelt werden.

Moskau, den 23. August 1923 [6]

Anmerkungen

  1. Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Schauplatz Baltikum, Szenarium einer Okkupation und Angliederung, Dokumente 1939/1949, Dietz Verlag Berlin, 1991, S. 39 ff.
  2. Telegramm des deutschen Botschafters in Moskau an das Auswärtige Amt in Berlin, Schauplatz Baltikum, Szenarium einer Okkupation und Angliederung, Dokumente 1939/1949, Dietz Verlag Berlin, 1991, S. 46
  3. ebd. S. 46
  4. ebd. S. 47
  5. Deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag, Schauplatz Baltikum, Szenarium einer Okkupation und Angliederung, Dokumente 1939/1949, Dietz Verlag Berlin, 1991, S. 60
  6. Nichtangriffsvertrag zwischen Deutschland und der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, Schauplatz Baltikum, Szenarium einer Okkupation und Angliederung, Dokumente 1939/1949, Dietz Verlag Berlin, 1991, S. 37 ff.