Urlaub Tag 1: Zwischenstopp in Kalisz in Großpolen

Heute beginnt unser Urlaub, den wir in Lublin verbringen werden. Der Wecker klingelt uns um 3 Uhr aus dem Bett. Schlaftrunken schlürfen wir in der Küche unseren Kaffee, der uns die Müdigkeit austreibt. Die Koffer sind bereits gepackt und schnell im Kofferraum unseres Autos verstaut. Um 4.30 Uhr fahren wir ab.

Mautstation auf der A2 bei Posen in Polen
Mautstation auf der A2 bei Posen. Foto: Frank Hilbert

Die Straßen sind leer. Berlin erreichen wir, bevor der Einkaufsverkehr die Straßen verstopft. Nur kilometerlange Baustellen auf dem Berliner Ring bremsen uns aus. An der ersten Mautstation in Polen ziehe ich eine Karte, die ich am Ende der Mautstrecke kurz vor Posen einlöse. 38 Złoty muss ich für die Strecke berappen. Die nächste Mautstation steht hinter Posen. 20 Złoty zahle ich und noch einmal 20 Złoty an einer weiteren Mautstation, bevor ich die Autobahn A 2 in Richtung Kalisz verlasse, wo wir einen Zwischenstopp einlegen und übernachten werden.

Unser Hotel liegt an einem Park am Rande der Altstadt. Wie sich später herausstellt, war das Gebäude früher einmal eine Puppenfabrik. Eine nette junge Frau empfängt uns an der Rezeption mit der freudigen Botschaft, dass wir ohne Aufpreis in einem größeren Drei-Bett-Zimmer übernachten werden. Im Zimmer steht nur ein Doppelbett. Darüber bin ich nicht böse. Es gibt viel Platz, und auch das Badezimmer hat die Dimensionen eines kleinen Tanzsaales. Eingerichtet ist unser Zimmer gediegen, mit dunklen antiken Möbeln.

Talmud-Schule und Infotafeln in Kalisz
Die ehemalige Talmud-Schule in Kalisz. Auf dem Platz davor informieren Tafeln mit Fotos über die Zerstörung der Stadt im Ersten Weltkriege. Foto: Frank Hilbert

In Deutschland ist Kalisz beinahe unbekannt, und auch ich kenne die Stadt nicht. Wir begeben uns auf Erkundungstour durch Kirchen, die an diesem Tag voller Pilger sind, schlendern über den Markt und stolpern auf der Suche nach dem evangelischen Friedhof über Informationstafeln mit Bildern, die ein zerstörtes Kalisz zeigen. Deutsche Artillerie hat die Stadt fast vollständig zerstört. Aber nicht, wie ich spontan vermute, im Zweiten Weltkrieg (1939-1945), sondern 1914. Also im ersten Weltkrieg (1914-1918). Der Zerstörung folgte der Wiederaufbau. Die Architektur der Bürgerhäuser zeugt von Wohlstand, den die Kaliszer in ihren Textilfabriken erwirtschafteten. Es gab viele jüdische Händler. 38 Prozent der Einwohner war jüdisch. Ein stiller Zeuge der jüdischen Geschichte, die 1940 mit der Deportation Ermordung der Juden durch die Deutschen ihr Ende fand, ist die frühere Talmud-Schule gleich neben den Infotafeln, die eine leuchtend gelbe Fassade hat.

Es ist sommerlich warm. Auf dem Markt sitzen die Menschen unter Sonnenschirmen und genießen das Leben. Dort, wo früher die Stadtmauer verlief, bildet ein Park einen grünen Ring um die Stadt. Auf den Bänken ist kaum ein freier Platz zu finden, junge Familien mit Kindern spazieren im Schatten der Bäume. Meine Frau hat Hunger und steuert zielstrebig eine „Milchbar“ neben dem Marktplatz an, wie es sie in ganz Polen gibt. Hier gibt es preiswertes Essen, meist traditionelle polnische Gerichte. Sie bestellt sich auch gleich eine Zupa Pomidorowa (Tomatensuppe) und dazu Kompot (Saft mit Fruchtstückchen). Den Abend verbringen wir bei einem Glas Wein im Hotelrestaurant. Im Saal nebenan ist eine Veranstaltung. Etwa hundert Gäste folgen einem Vortrag über die positive wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Der Redner ist offensichtlich ein städtischer Angestellter oder ein Lokalpolitiker. Wir fragen nicht nach, sondern verschwinden, müde von der langen Autofahrt und den vielen Eindrücken, in unserem Zimmer. (fh)

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