Weissenhofsiedlung in Stuttgart – Vorbild für Architekturausstellung WuWa in Breslau

11 Architekten fanden sich in den 1920-er Jahren in Stuttgart zusammen, um eine Mustersiedlung zu bauen, die neue Wohnkonzepte und neue Wege preiswerten Bauens aufzeigen sollte. Das Konzept fand Nachahmer. Unter anderem 1929 in Breslau mit der Ausstellung „Wohnung und Werkraum“ (WuWa).

Haus von Mies van der Rohe in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung
Mehrfamilienhaus von Mies van der Rohe mit 24 Wohnungen. Im Zweiten Weltkrieg wurde es stark beschädigt und zwischen 1984 und 1986 saniert. Foto: Frank Hilbert

Die Museumsführerin steht zusammen mit Schülern eines Gymnasiums vor einem Modell der „Weissenhofsiedlung“, die sichtlich gelangweilt sind. Ein Mädchen hat ihr Gewicht auf das rechte Bein verlagert, die Arme verschränkt und kaut gemächlich auf einem Kaugummi herum. Ein Junge fummelt in seiner Hosentasche nach seinem Smartphone, zieht es heraus und schaut kurz auf das Display, bevor er es wieder in der Hosentasche verschwinden lässt. Andere gucken aus den großen Fenstern, die sich über die gesamte Breite des Raumes erstrecken und den Blick auf Stuttgart freigeben. Ein unverbaubarer Blick, weil die Siedlung an einem Berghang liegt. Die Szene spielt sich im Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier auf dem Stuttgarter Killesberg ab. Vor einhundert Jahren seien die Lebensverhältnisse in den Arbeitervierteln sehr beengt gewesen, erzählt die Museumsführerin. Oft hätten ganze Familien in einem winzigen dunklen Raum mit unzureichenden sanitären Einrichtungen leben müssen. So arm seien sie gewesen. Die Führerin möchte nun von den Teenagern wissen, welche Architekturrichtung versuchte, diese Missstände in städtischen Wohnquartieren zu beseitigen. Eine Antwort erhält sie nicht. Als die Stille peinlich zu werden drohte, mischt sich ein Besucher ein und gibt die richtige Antwort: das Bauhaus.

Ein großer Raum zum Wohnen, Kochen und Arbeiten

Dem Bauhaus wird die Weissenhofsiedlung nicht zugeordnet, ein hervorragendes Beispiel für moderne Architektur in der Weimarer Republik ist sie trotzdem. Sie entstand 1927 als Projekt des Deutschen Werkbundes und der Stadt Stuttgart unter der künstlerischen Leitung von Mies van der Rohe. Präsentiert wurde sie der Öffentlichkeit als Teil der Bauausstellung „Die Wohnung“. Es beteiligten sich 11 Architekten. Unter ihnen finden sich so bedeutende Namen wie Walter Gropius, Hans Poelzig und Le Corbusier. Sie errichteten 21 Häuser, die sich durch eine reduzierte Formensprache auszeichneten. Einige wurden unter Verwendung neuartiger Baumaterialien und -methoden errichtet. Walter Gropius zum Beispiel verwendete für sein Haus Nr. 17 ein vorgefertigtes Eisenskellet und Korkplatten als Füllung für die Wände. Alle Häuser haben Flachdächer, von denen einige begrünt sind. Le Corbusier baute ein Doppelhaus (Nr. 14 und 15} , deren Statik komplett auf Stahlpfeilern und nicht auf den Wänden ruhte. Die Reduzierung der tragenden Elemente auf die Pfeiler gab ihm die größtmögliche Freiheit bei der Gestaltung der Grundrisse der Wohnungen.
Nach über 90 Jahren ist das Wohnkonzept, welches die „Weissenhofsiedlung“ durchzieht wieder aktuell. Zentrum des Wohnens ist ein großer Raum, in dem gekocht, gewohnt und gearbeitet wird. Alle anderen Räume der Wohnungen und Häuser sind im Vergleich zu den Haupträumen klein. Die Architektur ist von überflüssigem Schnörkel befreit. Häuser wie das von Ludwig Mies van der Rohe in der Siedlung errichtete viergeschossige Mehrfamilienhaus mit den Nummern 1 bis 4 werden heute in Deutschland unzählige gebaut.

Neubau eines Wohnhauses in Kiel
Neues Wohnhaus in Kiel. Typisch für viele Neubauten sind die einfachen Formen und Flachdächer. Kritiker sprechen von „Klötzchen-Architektur“. Foto: Frank Hilbert

Damals wie heute ist die Bauweise umstritten. In der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel zum Beispiel entbrannte im Januar 2018 ein Streit um die „Verklotzung“ der Städte und Gemeinden. Verbände forderten die Einrichtung eines Musterstudienganges für Architektur und Stadtplanung in Schleswig-Holstein. „Wir brauchen Baukultur statt Klötzchen-Architektur aus der Schublade“, ließ Haus & Grund-Chef Alexander Blažek verlauten (KN, 6. Januar 2018). Weniger anstößig scheint die immer enger werdende Bauweise zu sein, die dazu führt, dass sich nur noch die Wohnungen in den oberen Geschossen „sonnig“ nennen dürfen. Der Verband Norddeutscher Wohnungsbauunternehmer plädierte sogar für den Bau von Hochhäusern mit 10 bis 12 Stockwerken in norddeutschen Großstädten, um dem Mangel an bezahlbaren Wohnungen entgegenzuwirken (KN, 16.01.2018).
In der „Weissenhofsiedlung“ dagegen sind die Wohnräume konsequent Richtung Tal, nach Osten und Süden ausgerichtet, nicht unbedingt zur Straße hin. Die Ausrichtung der Häuser in Verbindung mit den Fensterbändern und großen Abständen zwischen den Gebäuden sorgt dafür, dass das Tageslicht die Wohnungen ungehindert durchfluten kann.

Doppelhaus von Le Corbusier in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung
Das Doppelhaus von Le Corbusier, dem sich ein Museum über die Stuttgarter Weissenhofsiedlung befindet. Der Autohersteller Mercedes nutzte das moderne Haus Ende der 1920-er Jahre noch als Kulisse für Werbefotos. Die Nationalsozialisten verunglimpften die Weissenhofsiedlung dagegen als „Entartete Baukunst“. Foto: Frank Hilbert

Wie „eine Vorstadt Jerusalems“

In Stuttgart der 1920-er Jahre bekämpften sich Anhänger der Moderne und Traditionalisten unter den Architekten. Umstritten waren vor allem die Flachdächer, die Mies van der Rohe zur Vorgabe für die Bauten gemacht hatte. Sie sollten vermutlich die terrassenartige Anordnung der Häuser am Hang unterstreichen. In die Diskussion mischten sich nur wenige Jahre vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zudem die ersten rassistischen Untertöne. Der dem Traditionalismus verbundene Architekt Friedrich Bonatz, der 1911 den Stuttgarter Hauptbahnhof entworfen hatte, sprach gar von einer „Häufung flacher Kuben […], die eher an eine Vorstadt Jerusalems erinnert als an Wohnungen in Stuttgart“. Schon in der Planungsphase wettert er gegen die Weissenhofsiedlung: „Der von Mies van der Rohe eingelieferte Plan der Werkbund-Siedlung zeigt einen hoffnungslosen Dilettantismus, er ist praktisch unbrauchbar.“

Trotz der anhaltenden Kritik fand die Ausstellung im In- und Ausland großes Interesse und Nachahmer. Unter anderem im heute zu Polen gehörenden Breslau (Wroclaw). Dort organisierte der Landesverband des Deutschen Werkbundes zusammen mit der Breslauer Siedlungsgesellschaft A. G. im Jahr 1929 die Ausstellung „Wohnung und Werkraum“ (WuWa). Für die WuWa wurde eine Mustersiedlung mit Reihenhäusern sowie Ein- und Mehrfamilienhäusern errichtet, die Entwicklungen in der modernen Architektur und im Bau preiswerter Wohnungen aufzeigen. Die Siedlung hat den Zweiten Weltkrieg unbeschadet überstanden und kann heute von außen besichtigt werden.

„Entartete Baukunst“ Weissenhofsiedlung

Weniger Glück hatte die Weissenhofsiedlung. Alliierte Bomben zerstörten einige der 23 Häuser. Darunter die beiden Bauprojekte von Walter Gropius, die Häuser Nr. 16 und 17. Nach dem Krieg wurden sie nicht wieder aufgebaut. Schon den Nationalsozialisten war die „Weissenhofsiedlung“ ein Dorn im Auge. Sie zählten sie zur „Entarteten Baukunst“ und planten deren Abriss. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verhinderte die Umsetzung der Pläne. Nach 1945 ging der Aderlass weiter. Noch 1956 fielen die von Adolf Rading und Bruno Traut errichteten Häuser der Abrissbirne zum Opfer. Der Retter der Siedlung hieß Arnulf Klett. Der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister stellte das gesamte Bauensemble Ende der 1950-er Jahre unter Denkmalschutz.

Reihenhaus von Mart Stam in der Weißenhofsiedlung in Stuttgart
Die Westfassade des Hauses 28-30 fällt sofort ins Auge. Entworfen hat es Mart Stam. Ugnewöhnlich sind die aus Beton gefertigten Treppen zu den Eingängen, die an Gangways bei Schiffen erinnern. Im Hintergrund steht das Terrassenhaus von Peter Behrens mit acht Dreizimmer- und vier Vierzimmerwohnungen. Foto: Frank Hilbert

Die einfache Formensprache und die von Stuck befreiten Fassaden sollten auch die Baukosten senken und so das Bauen und die Mieten erschwinglicher machen. In Stuttgart ist dieses Ziel jedoch nicht erreicht worden. Die Siedlung gehört heute dem Bund, der die Wohnungen und Häuser an Bedienstete des Bundes, des Landes und der Stadt Stuttgart vermietet. Die Warteliste sei lang, erzählte die Museumsführerin, obwohl sich nicht jeder die hohen Mieten leisten könne. (Frank Hilbert)

Architekten der Weissenhofsiedlung

  • Peter Behrens (geb. 1868 in Hamburg, gest. 1940 in Berlin)
  • Le Corbusier (Charles-Edouard Jeanneret-Gris, geb. 1897 in La Chaux-de-Fonds, gest. 1965 in Roquebrune-Cap-Marin)
  • Josef Frank (geb. 1885 in Baden bei Wien, gest. 1967 in Stockholm)
  • Ludwig Hilberseimer (geb. in Karlsruhe, gest. in Chicago)
  • Johannes Jakobus Pieter Oud (geb. 1890 in Purmerend, gest. 1963 in Wassenaar)
  • Hans Poelzig (geb. 1869 in Berlin, gest. 1957 in London)
  • Mart Stam (geb. 1899 in Purmerend, gest. 1972 in Berlin)
  • Adolf Gutav Schneck (geb. 1883 in -Esslingen/Neckar, gest. 1938 in Istanbul)
  • Max Taut (geb. 1884 in Königsberg, gest. 1967 in Berlin)
  • Walter Gropius (geb. 1883 in Berlin, gest. 1969 in Boston)
  • Victor Bourgeois (geb. 1897 in Charleroi, gest. 1962 in Brüssel)

Museum

Weissenhofmuseum im Haus Le Corbusier
Rathenaustraße 1-3
70191 Stuttgart
Telefon: +49 (0) 711 2579187
E-Mail: info@weissenhofmuseum.de
Internet: www.weissenhofmuseum.de

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