Urlaub Tag 2: Schriftsteller Jan Kochanowski und Museumsnacht in Lublin

Unser zweite Urlaubstag beschert uns einen Besuch Czarnolas, wo der polnische Dichter Jan Kochanowski im 16. Jahrhundert lebte und eine Museumsnacht in Lublin.

Der Dichter Jan Kochanowski verbrachte einen Teil seines Lebens in Czarnolas. Foto: Frank Hilbert

Wir sitzen im Hotelrestaurant in Kalisz, genießen den Überfluss des Frühstücksbuffets und planen den Tag. Laut Navi werden wir für die Fahrt von Kalisz nach Lublin viereinhalb Stunden benötigen. Müssen wir die Strecke in einem Ritt zurücklegen? fragt meine Frau. Müssen wir nicht. Sie schlägt einen Zwischenstopp im Gutshaus von Jan Kochanowski in Czarnolas vor. Ich hole mir erst einmal meinen dritten Cappuccino. Dann möchte ich mehr über Kochanowski wissen. Mit seinen Gedichten und Geschichten werden polnische Schüler gequält, erzählt meine Frau. Wie schrecklich, erwidere ich. Literatur aus dem 16. Jahrhundert kann man doch nicht zur Pflichtlektüre in Schulen machen. Nee, sagt meine Frau. Langweilig sind seine Werke nicht. Ein feinsinniger Humor und eine deftige Portion Erotik zeichnen sie aus. Ich lasse mich überraschen.

Unser Auto gleitet sanft über Autobahnen und Schnellstraßen durch Großpolen und Masowien. Das Land ist so platt wie das in Schleswig-Holstein, die Dörfer sind so langgezogen, dass die meisten Autofahrer die Geschwindigkeitsbegrenzung von 50 Kilometern pro Stunde nur bis zur Dorfmitte durchhalten. Dann geben sie Gas. Die Häuser sind neu und gesichtslos. In traditioneller Holzbauweise errichtete Bauernhäuser muss man suchen, wie die Stecknadel im Heuhaufen. Kurz vor Czarnolas habe ich die Stecknadel gefunden. Zufällig. Eine geschmückte Marienstatue vor einem alten hölzernen Bauernhaus und ein prächtiger Bauerngarten davor. Parken, Kamera auspacken, fotografieren. Als ich die Kamera wieder im Kofferraum verstaue, kommt eine misstrauisch dreinschauende Bäuerin auf mich zu. Sie trägt einen knallroten Pullover und ist vielleicht um die 70 Jahre alt. Warum wir das Haus fotografiert hätten, fragt sie uns. „Weil es so schön ist.“ Ungläubig schaut sie uns an. Sie überlegt, ob sie unseren Worten glauben schenken soll oder nicht. Nach ein paar Sekunden siegt das Vertrauen. „In diesem Haus wurde ich geboren.“

Zum Gutshaus führt ein Weg, den Schatten spendende Bäume säumen. Er ist voller Menschen. Familien mit Kindern, junge Paare und ältere Eheleute flanieren in Richtung Gutshaus. Der Weg mündet schließlich in einem Rondell aus Rasen, mit großen Bäumen und einem Denkmal zu Ehren des Dichters. Dahinter das Gutshaus mit schneeweißer Fassade und Säulen vor dem Eingang. Wenn schon keine zwei Stockwerke, dann wenigsten ein paar Säulen. Mehr Schein als Sein. Das Gutshaus ist sowieso ein bisschen geschummelt. Denn es stammt aus dem 19. Jahrhundert. Kochanowski lebte aber im 16. Jahrhundert. Zu seiner Zeit stand hier wahrscheinlich ein für die Zeit typisches Gutshaus aus Lärchenholz. Die Ausstellung im Inneren ist eher schlicht, dafür informativ. Jeder Raum ist einem Lebensabschnitt des Dichters gewidmet. Leider sind alle Informationstafeln nur auf Polnisch. Aus Lautsprechern, die an Bäumen hängen, ist eine Männerstimme zu hören, die aus Werken des Dichters liest. Der Park ist weder französisch noch englisch. Er ist einfach nur schön mit seinen vielen Bäumen und kleinen Seen. Es gibt neben dem Gutshaus noch eine kleine Kapelle und am Rande des Parks ein Amphitheater.

Um 16 Uhr Ankunft in Lublin. Wir beschließen, uns die Beine noch ein wenig zu vertreten und in die Innenstadt zu gehen. „Nacht der der offenen Museen“, informiert ein Plakat. Die Stadt ist voller Menschen. Sie schauen Straßenkünstlern zu, sitzen vor Cafés und Kneipen unter Sonnenschirmen oder schlendern in Richtung Schloss. Wir schließen uns dem Menschenstrom an und beschließen spontan, die Kapelle im Schloss zu besichtigen. Der Eintritt kostet für zwei Personen stolze 30 Zloty. In Polen ist das viel Geld. Aber es lohnt sich. Einlass ist ab 19 Uhr. Vor 450 Jahren vereinbarten polnische und litauische Adlige auf einer Zusammenkunft des Adelsparlamentes (Sejm) im Schloss die „Lubliner Union“. Aus dieser Zeit stammen die eingeritzten Schriftzeichen und Jahreszahlen an den Wänden in der Kapelle. Eine Art Graffiti aus der Frühen Neuzeit, mit der sich Adlige verewigt haben. Muss ich sehen. Muss ich ein Foto von machen. „Aber nur ohne Blitzlicht“, raunt mir eine Museumsdame mit strengem Blick zu.
Neben dem Alten Rathaus steuere ich unsere Lubliner Stammkneipe an. Ein Bier mit Saft als krönender Abschluss des Tages, garniert mit einem amüsierten Blick der Kellnerin. In Polen bestellen nur Frauen die Saftvariante. (fh)

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