Schachspiel mit historischem Bezug: „300 Jahre Entsatz von Wien mit König Jan III. Sobieski“

Ein Schachspiel made in Poland mit historischem Bezug befindet sich im Fundus eines Freundes in Süddeutschland. Es handelt sich um eine Jubiläumsanfertigung von 1983, die an den Sieg über die Türken vor Wien 1683, der Schlacht am Kahlenberg, erinnert.

Die schwarzen Schachfiguren stellen die türkische Streitmacht dar. In diesem Fall übernimmt ihr Oberbefehlshaber, Pascha Kara Mustafa, die Rolle des Königs. Auf dem Foto steht er neben seiner Frau, der Tocher des Großwesirs Mehmed Köprülü Pascha und der Königin auf dem Schachbrett. Fotos: Frank Hilbert

Damals marschierte das osmanische Heer, bestehend aus 160.000 Soldaten und ausgestattet mit 200 Kanonen, auf Wien zu. Die Lage war brenzlig. Das musste den Wienern schlagartig bewusst geworden sein, als Kaiser Leopold I. am 7. Juli 1683 die Stadt fluchtartig verließ. Die Türken unter dem Oberbefehl von Pascha Kara Mustafa erreichten Wien am 14. Juli. Bereits zwei Tage später war die Stadt eingeschlossen, und die Belagerung begann.

Durch die Vermittlung von Papst Innozenz XI. formierte sich ein polnisch-deutsches Entsatzheer unter der Führung des polnischen Königs Jan III. Sobieski. Es bestand aus 75.000 Mann, davon 24.000 Polen. Sie griffen am 12. September die Türken am Kahlenberg, auf dem heutigen Gebiet des Wiener Stadtteils Währing, an. Polnischen Panzerreiter, den Flügelhusaren, benannt nach ihrem prägnanten Flügelschmuck aus Adlerfedern, den sie auf ihren Rücken trugen, gelang es, den Belagerungsring zu sprengen und die Türken in die Flucht zu schlagen. Bis heute sehen sich die Polen deshalb als Retter des Christentums im Okzident.

Vom Glanz vergangener Heldentaten wollten offensichtlich auch Firmen im sozialistischen Polen profitieren und nutzten die Schlacht am Kahlenberg vor Wien geschickt für ihre Marketingzwecke aus, wie das Schachspiel zeigt. Es ist ein aufwendig gestaltetes Werbegeschenk der Krakauer Firma MARCO-ELECTRONIC an einen deutschen Unternehmer.

Schachspiel

Das Begleitschreiben zum Schachspiel lautet:

Schachspiel „300 Jahre Entsatz von Wien mit König Jan III. Sobieski“

300 Jahre ist es nun her, dass Polens König Jan III. Sobieski an der Spitze einer grossen Armee beim Entsatz von Wien den türkischen Belagerungsring gesprengt hat. Aus diesem Anlass hat unsere Firma „Marco-Electonic“ Kraków ein Schachspiel hergestellt, wo historische Figuren König Sobieski, seine Ehegattin, die polnische Armee einerseits und das türkische Heer mit Kara Mustafa andererseits vorstellen. Alles ist nach einem Projekt von Szymon Kobyliński (poln. Künstler, 1927–2002, Anm. d. Red.), meistens in Handarbeit ausgefertigt.
1983 feiern die Bundeshauptstadt Wien wie auch Volkskrepublik Polen dieses denkwürdige Ereigniss.
Dieses Schachspiel hoffen wir, wird als ein Andenken an das grosse historische Jubiläum das als Fest des Friedens und der Versöhnung gefeiert wird, anerkannt.

Polen – ausländisches Unternehmen „Marco – Electronic“, ul. Balicka 176/190, Kraków – Polen

Das Schachbrett aus Eichenholz, nicht die Figuren, stammt aus der Danziger Tischlerwerkstatt von Stanisław Ostrowski. Dessen Vater, Bolesław Ostrowski, hatte die Handwerksfirma zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Großpolen gegründet und deutsch-polnische Geschichte mitgeschrieben:
Großpolen war zu dieser Zeit polnisches Teilungsgebiet unter preußischer Herrschaft mit einer deutschen Minderheit. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verschärften sich die Gegensätze zwischen dem deutschen und polnischen Nationalismus. Um das „Deutschtum“ zu stärken, förderte der preußische Staat die Ansiedlung deutscher Siedlerfamilien. Diese Aufgabe übernahm ab 1886 die eigens dafür gegründete „Königlich Preußische Ansiedlungskommission in den Provinzen Westpreußen und Posen“. Auf der anderen Seite legten die preußischen Behörden Polen Steine in den Weg, wenn sie sich in Großpolen niederlassen wollten. So auch 1904, als dem Bauern Michał Drzymała im Dorf Pogradowitz die Baugenehmigung für ein Wohnhaus auf Grundlage des „Gesetzes, betr. die Gründung neuer Ansiedlungen“ verwehrt wurde. Drzymała ließ sich jedoch nicht entmutigen und kaufte sich einen ausgedienten Zirkuswagen. Um die Bauvorschriften zu umgehen und Restriktionen zu vermeiden, verschob er ihn regelmäßig um eine paar Meter. Diese Groteske machte Michał Drzymała zum polnischen Nationalhelden. Später kaufte er sich einen neuen, mit Spendengeldern finanzierten Wohnwagen, den Bolesław Ostrowski in seiner Werkstatt gebaut hatte.

1949 siedelte Stanisław Ostrowski nach Danzig (Gdańsk) um, wo inzwischen einer seiner Nachkommen die Tischlerei unter dem Namen „Zacharewicz & Syn“ („Zacharewicz & Sohn“) weiterbetreibt (Website: zz.netglob.com.pl).

Das Dorf Pogradowice (Pogradowitz, Kaisertreu) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu Ehren von Drzymała in Drzymałowo umbenannt. (bw)

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