Urlaub Tag 8: Auf den Spuren der Protestanten in Lublin

Im Rahmen der Interkulturellen Tage, die gerade in Lublin stattfinden, hat die evangelische Gemeinde zu einem Vortrag in ihre Kirche eingeladen. Das Thema: Auf den Spuren der Protestanten.

Innere der evangelischen Kirche in Lublin
Im Gegensatz zu den vielen im Stil des Barock errichteten katholischen Kirchen der Stadt ist die evangelisch-augsburgische Dreifaltigkeitskirche eher schlicht gehalten. Foto: Frank Hilbert

Außen ist die die evangelisch-augsburgische Dreifaltigkeitskirche weiß und schlicht, innen auch. Kein überbordender Schnörkel ziert den klassizistischen Bau. Den haben die Protestanten den Katholiken der Stadt und deren Kirchen überlassen. All zu viel Pomp ist offensichtlich immer noch nicht gefragt. Als Restauratoren entdeckten, dass das weiß getünchte Taufbecken einmal vergoldet war, gefiel das nicht allen in der Gemeinde. Sie diskutierte darüber, ob der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden soll. Am Ende durften die Restauratoren ihre Arbeit verrichten. Nun erstrahlt das Taufbecken wieder in seiner alten goldenen Pracht.

Der Referent ist Kunsthistoriker, arbeitet an einer der Lubliner Universitäten und ist Gemeindemitglied. Er referiert über die evangelisch-augsburgische Kirche in Polen und stellt die Architektur verschiedener protestantischer Kirchen im ganzen Land vor. Er spricht über den schweren Stand, den die Protestanten in Schlesien nach dem Dreißigjährigen Krieg unter den katholischen Habsburgern hatten und schließlich auch über die Protestanten in Lublin, die Nachfahren deutscher Kolonisten sind. Davon zeugen noch deutsche Namen: zum Beispiel Vetter, Schoeneich, Haberlau. Vor dem Zweiten Weltkrieg machten sie zwei Prozent der Lubliner Bevölkerung aus und besaßen 60 Prozent des Kapitals in der Stadt. Kein Wunder, schließlich handelte es sich bei ihnen um die bedeutendsten Unternehmer: Brauerei- und Bankbesitzer, Industrielle und Apotheker. Ihren Wohlstand verdankten sie ihrer Tüchtigkeit, dem sprichwörtlichen protestantischen Pietismus. Der verpflichtete sie auch, einen Teil ihres erwirtschafteten Vermögens für wohltätige Zwecke zu verwenden. So stifteten sie zum Beispiel Schulen, ein Theater, ein Krankenhaus und einen Alterssitz für pensionierte und alleinstehende Lehrerinnen.

Lampignons in der Brauerei in Lublin
Lampignons auf dem Brauereigelände in Lublin. In der Brauerei wird Bier der Marke Perła gebraut.

Im Ersten und Zweiten Weltkrieg hatten die Lubliner Protestanten einen schweren Stand. Während der polnischen Teilung gehörte Lublin zu Russland. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, verdächtigten die russischen Machthaber die Protestanten der Kollaboration mit dem deutschen Feind und deportierten sie ins Innere Russlands. Von 8.857 Protestanten blieben nur 519 in der Stadt. Ab 1916 kehrten sie nach und nach in ihre Heimatstadt zurück, sodass die Gemeinde 1919 wieder 5.051 Mitglieder zählte. Während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg verweigerten sie die Zusammenarbeit mit den Deutschen und wurden deshalb verfolgt. Pfarrer Juliusz Bursche zum Beispiel war ein glühender polnischer Patriot. Er hätte ins Ausland fliehen können, tat es aber nicht. Stattdessen wurde er von den Deutschen verhaftet, ins Konzentrationslager Oranienburg deportiert und schließlich von der Gestapo 1942 in Berlin ermordet. SS- und Polizeiführer im Distrikt Lublin, Odilo Globocnik, beschlagnahmte in Lublin die Villa der protestantischen Familie Haberlau und wohnte dort bis 1943. Das Wandbett, in dem der Massenmörder schlief, steht immer noch im Haus. Die evangelische Kirche nutzten die Besatzer für Gottesdienste, die auch Wachleute des Konzentrationslagers Majdanek besuchten.
Nach dem Krieg verheimlichten viele Gemeindemitglieder ihren Glauben, weil sie nicht mit den Nationalsozialisten in Verbindung gebracht werden wollten. Nur zehn Lubliner bekannten sich offiziell zu ihm. Heute zählt die Gemeinde 200 Mitglieder. Die meisten sind Konvertiten.

Grabstein der Familie Vetter auf dem evangelischen Friedhof in Lublin
Viele der Protestanten in Lublin waren vor dem Zweiten Weltkrieg sehr wohlhabend. Entsprechend aufwendig waren ihre Gräber gestaltet. Hier das Grab der Familie Vetter, der die Brauerei in Lublin gehörte.

Es ist kalt in der Kirche. Der Vortrag ist interessant, aber lang. Zwei Stunden dauert er. Im Auditorium sitzen überwiegend Menschen, die älter als 60 sind. Ein Fotograf, den vermutlich die Lokalredaktion der Tageszeitung Gazeta Wyborcza geschickt hat, macht Fotos. Ich werde mir die Montagsausgabe kaufen. Vielleicht finde ich ein Foto mit mir darin. Nach dem Vortrag noch ein Ausflug zu den beiden evangelischen Friedhöfen. Insgesamt hat die Veranstaltung drei Stunden gedauert. Schade, dass wir nicht noch andere Plätze und Gebäude besucht haben, die in Verbindung mit den Protestanten stehen. (fh)

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