Markttag und Kanonendonner in Hrubieszów

Es ist ein Donnerstag im Juni, ein wolkenloser Himmel und angenehme 25 Grad im Schatten. Der Markt löst sich langsam auf, die Verkäufer packen ihre Waren zusammen, die Kunden steigen in ihre Autos oder eilen mit schwer beladenen Taschen nach Hause. Es ist ein nicht unüblich schöner, gewöhnlicher Sommertag in Hrubieszów, einer kleinen Stadt, die Ziel meines Tagesausflugs ist. Ich möchte die Stadt besichtigen und zur Burg Wolhynien in Gródek, der Wiege der historischen Landschaft Wolhynien, wandern. Die Stadt Hrubieszów und die Burg liegen unmittelbar an der Grenze zur Ukraine, in die vor fast genau vier Monaten russische Truppen einmarschiert sind, das zweite Mal seit 2014. Täglich sterben hunderte Soldaten und Zivilisten. Millionen Ukrainer sind vor dem brutalen russischen Angriffskrieg geflüchtet, zu Verwandten und Freunden in der Ukraine oder ins Ausland.

  Auf dem Burghügel steht ein Kreuz. Am Waldrand im Hintergrund verläuft die Grenze zur Ukraine. Fotos: Frank Hilbert

Auf dieser Seite der Grenze bereiten sich die Menschen gemächlich auf ein wohlverdientes Wochenende vor, Kinder rennen zwischen den Tischen eines Cafés und quietschen vergnügt, zwei ältere Damen genießen ihre Sahnetörtchen und strecken ihre faltendeckend geschminkten Gesichter in die Sonne. Der Krieg in der Ukraine ist weit weg, so möchte man meinen. Er ist es nicht. Über unseren Köpfen kreist ein Militärhubschrauber, aus dem Fallschirmjäger abspringen. Kanonendonner ganz in der Nähe unterbricht die sommerliche Kleinstadtidylle. Die polnische Armee übt den Ernstfall und demonstriert Stärke und Verteidigungsbereitschaft. Was mich wundert ist, dass scheinbar keiner der Passanten Notiz von den militärischen Aktivitäten nimmt, und ich schließe daraus, dass Übungen dieser Art inzwischen nichts ungewöhnliches mehr sind. Gefühlt spricht in dieser Gegend sowieso jede zweite Frau auf der Straße ukrainisch oder russisch. Sie und ihre Kinder stellen das Gros der Flüchtlinge, denn ihre Männer dürfen die Ukraine nicht verlassen und müssen in den Krieg ziehen. An den Tankstellen haben sich Schlangen gebildet, weil seit dem Kriegsausbruch die Ukrainer nach Polen fahren, um ihre Autos aufzutanken.

Als ich zur Burg wandere, ist davon nichts mehr zu spüren. Der Kanonendonner ist verhallt. Mein Auto habe ich in Gródek abgestellt, einem kleinen Dorf, das von ausgedehnten Feldern und Wiesen umgeben ist. Die Huczwą, ein naturbelassenes Flüsschen, an dem ich Fischreiher auf der Suche nach Nahrung beobachte, fließt hier entlang und mündet nur 900 m weiter in den Grenzfluss Bug. Alles ist so ordentlich. Die Häuser sind gepflegt, der Rasen gemäht, die landwirtschaftlichen Maschinen und Geräte stehen in Reih und Glied, die Wanderwege sind neu angelegt. Schilder weisen die Fahrradwege aus. Und es herrscht Stille. Friedliche Stille. (fh)

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