KZ Leonberg – Häftlinge fertigten Flügel für Düsenjäger Me 262

Alter Engelberttunnel in Leonberg bei Stuttgart
Von den beiden Autobahntunneln der A 81, in denen gegen Ende des Zweiten Weltkrieges die SS im Auftrag der Messerschmidt AG eine Montagehalle für Flugzeugflügel betrieb, ist nur noch eine Tunnelröhre erhalten geblieben. Die zweite wurde nach der Stilllegung der Strecke 1998 zugeschüttet.

Eine flache Talsenke in Leonberg in der Nähe von Stuttgart. Es ist ein kalter, schneeloser Wintertag. An den Hängen leuchten weiße Hausfassaden in der Sonne. Die Bäume sind kahl und die Pfützen gefroren. Kein Straßenlärm ist zu hören. Die Ruhe kehrte hier vor 20 Jahren ein, als die Autobahn 81 über 60 Jahre nach ihrer Einweihung unter die Erde verlegt wurde. Bis 1998 donnerten täglich tausende Pkw und Lastkraftwagen durch die Talsenke. Von der stillgelegten Strecke ist eine zwei Röhren eines Autobahntunnels erhalten geblieben. Sein Name ist Engelbergtunnel.
Schon einmal war der Autoverkehr an dieser Stelle unterbrochen. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges (1939-1945). Zwischen 1944 und 1945 montierten KZ-Häftlinge aus 24 Nationen im Auftrag des „Presswerks Leonberg“ Flügel für den Düsenjäger Me 262 von Messerschmidt. Sie kamen überwiegend aus der damaligen Sowjetunion, Polen, Frankreich und Ungarn.

Das Presswerk gehörte der Messerschmidt AG. Betreiberin des Arbeitslagers war die Schutzstaffel (SS), die in der Nähe des Tunnels ein aus zwei eingezäunte Lagern bestehendes Konzentrationslager (KZ) für ihre Arbeitssklaven errichten ließ: das Alte und das Neue Lager. Auf dem Appellplatz des Neuen Lagers stand ein Galgen.
Von 1944 bis 1945 schufteten in den beiden Tunnelröhren 4.000 Menschen in 12-Stunden-Schichten an sieben Tagen in der Woche. Um die Produktionsfläche zu vergrößern, wurden Zwischendecken eingezogen. Die Lüftung war völlig unzureichend und der Lärm unerträglich. Dazu kamen eine unzureichende Ernährung der Häftlinge und katastrophale sanitäre Verhältnisse. Mindestens 389 Menschen kamen in Leonberg ums Leben. Auf einem Friedhof in der Nähe des Stadtzentrums fanden die meisten von ihnen in einem Massengrab ihre letzte Ruhestätte. Das KZ Leonberg war ein Außenlager des KZ Natzweiler-Struthof.

Die fertigen Me-262-Flügel auf die Autobahn geschoben

Die Deutschen hatten die Produktion der Flugzeugflügel zum Schutz vor alliierten Bombenangriffen unter die Erde verlegt. Doch diese Rechnung ging nur teilweise auf. Ein Leonberger Freund erzählte mir von seinem Geschichtslehrer, den der Reichsarbeitsdienst als junger Mann zur Arbeit in der Tunnelfabrik verpflichtet hatte. Seine Aufgabe bestand darin, die fertigen Flügel vor den Tunnel auf die offene Autobahn zu schieben. Darauf hätten die Alliierten nur gewarten und sie mit ihren Flugzeugen beschossen und bombardiert, erzählte Lehrer in den 1970-er Jahren seinen Schülern.

Ausstellung KZ Leonberg im Alten Engelberttunnel

Ausstellung über die Montagehalle des einstigen KZ-Leonberg im Alten Engelbergtunnel. 1944 und 1945 fertigten in den Autobahntunneln Häftlinge aus 24 Ländern Flugzeugtragflächen für die Messerschmidt Me 262. In einem der Autobahntunnel erinnert eine Ausstellung an die unmenschlichen Bedingungen, unter den die Häftlinge hier arbeiten mussten.

Altehrwürdige Stadt Leonberg

Im Engelbergtunnel hat der Verein KZ-Gedenkstätteninitiative Leonberg ein Dokumentationszentrum eingerichtet. Ein „Weg der Erinnerung“ führt durch die Stadt an Stationen vorbei, die in Verbindung mit dem Lager stehen. Ich habe mich auf den „Weg der Erinnerung“ gemacht.

Leonberg ist eine altehrwürdige Stadt mit einem Schloss, einem Terrassengarten aus der Zeit der Spätrenaissance, einer 700 Jahre alten Stadtkirche und Fachwerkbauten in ihrem Stadtkern. Als ich auf dem Marktplatz ankam, drängelten sich Menschen vor Marktbuden, und Kinder streichelten Ponys. Die Feuerwehr war mit einem Einsatzfahrzeug vertreten. Es herrschte Volksfeststimmung. In Leonberg fand gerade der traditionelle Pferdemarkt statt.
Nur wenige Minuten Fußweg vom Marktplatz entfernt befindet sich in der Seestraße ein Friedhof, die erste Station auf dem „Weg der Erinnerung“. 256 Häftlinge haben hier ihre letzte Ruhestätte gefunden. Ein Denkmal und eine Tafel mit ihren Namen markieren das Massengrab.

1.000 Namen in Stahlplatten geschlagen

Der Engelbergtunnel ist die Station Nr. 5 auf dem „Weg der Erinnerung“. Die letzten Meter vor dem Tunnel begrenzt die „Namenswand“ aus über zwei Meter hohen Stahlplatten den Weg, aus denen die Namen von 3.000 Häftlingen mit Schneidbrennern herausgeschnitten wurden. Vereinzelt stecken verwelkte Blumen in den Buchstabenlöchern.
In einem anderen Projekt haben Schüler 2013 zusammen mit dem Tübinger Künstler Johannes Kares die Namen von weiteren 1.000 Häftlingen in Stahlplatten geschlagen. Viele der Häftlinge waren ungarische Juden, die aus dem KZ Auschwitz über das niederschlesische KZ Groß Rosen nach Leonberg verlegt worden sind. Die Stahlplatten mit ihren Namen hängen in einer Konstruktion aus Stahlrohren vor dem Tunnel.
Dieser ist mit einem Gitter abgesperrt. Es ist Februar. Die Gedenkausstellung ist jedoch nur zwischen März und Oktober geöffnet und auch nur am jeweils ersten Sonntag im Monat. Der Verein Gedenkstätteninitiative bietet aber auch individuelle Führungen an.
Die Zwischendecke aus der Kriegszeit gibt es nicht mehr. Die Wände sind geweißt. Das Deckengewölbe ist aus Backstein und akkurat ausgebessert. Die einstige Fahrbahndecke ist neu und frei von Schlaglöchern. Überall stehen oder hängen Informationstafeln und ein riesiges Foto hängt an der Wand. Einige Ausstellungsstücke sind mit Planen abgedeckt. Hinten rechts erkenne ich den Flügel einer Me 262. Und auf einem Schild lese ich:

Der Tod war mitten unter uns und mähte unser Leben wie der Bauer das Gras.

Der „Weg der Erinnerung“ besteht aus sechs Stationen:

  1. Friedhof, Seestraße
  2. Neues Lager, Samariterstift, Seestraße
  3. Altes Lager, Blosenbergkirche
  4. Eingang zum Alten Lager, Kreuzung Seestraße / Römerstraße
  5. Alter Engelbergtunnel, ehemalige Produktionsstätte mit Ausstellung; geöffnet von März bis Oktober jeweils am 1. Sonntag im Monat zwischen 14 und 16 Uhr
  6. Blosenberg, wo sich die ehemaligen Sammalgräber der verstorbenen Häftlinge befanden

Messerschmidt Me 262

Die Me 262 war das erste in Serie gebaute Düsenjäger. Entwickelt wurde er von der Messerschmidt AG in Augsburg. Von der zweistrahligen Maschine wurden zwischen 1943 und 1945 rund 1.400 Exemplare ausgeliefert. 800 von ihnen kamen zum Einsatz. (Frank Hilbert)

Das könnte Sie auch interessieren:

KZ Auschwitz
KZ Majdanek
KZ Stutthof
Vergeltungswaffe 3 (V 3)

Website des Vereins KZ Gedenkstätteninitiative Leonberg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*