Urlaub Tag 4: Fotografieren und Alfred Döblin über das jüdische Viertel

Wolken. Wolken. Wolken. Allerhöchstens 18 Grad Celsius haben die Wetterfrösche für heute vorhergesagt. Ich schnappe meinen Kamerarucksack und zische in die Innenstadt ab, um Fotos in Kirchen zu schießen. Aufnahmen mit meinem Weitwinkelobjektiv.

Seitenaltar in der Dominikanerkirche in Lublin
Barocker Seitenaltar in der Dominikanerkirche in der Lubliner Altstadt. Fotografiert mit einem Weitwinkelobjektiv. Foto: Frank Hilbert

Das Fotografieren in den Kirchen ist ohne Stativ eine Herausforderung. Erschwerend kommt hinzu, dass die Beleuchtung außerhalb der Gottesdienste ausgeschaltet und die Verwendung eines Blitzlichtes wegen der alten, empfindlichen Wandmalereien und Bilder sowieso nicht erlaubt ist. Die Sonne scheint heute auch nicht. Deshalb ist es besonders schummrig in den Gotteshäusern. Es bleibt mir also nichts anderes übrig, als den ISO-Wert hochzuschrauben, um so eine Belichtungszeit hinzubekommen, mit der ich die Fotos nicht verwackele. Die Blende ist dementsprechend groß und folglich die Tiefenschärfe sehr gering.

Neben der Dominikanerkloster in der ul. Złota in der Altstadt entdecke ich ein leerstehendes altes Haus. Die Fenster und Türen sind mit Brettern vernagelt. Jemand hat an der Außenwand ein paar Quadratmeter Putz fein säuberlich abgeklopft. Das Loch gibt den Blick auf ein Sammelsurium verschiedener Baumaterialien frei: Ziegel, Feld- und Sandsteine. Ein zugemauerter Fensterbogen aus dem Mittelalter ist zu erkennen und das Stück eines Türrahmens aus der Zeit der Renaissance. Die Restauratoren sollten das Loch im Putz nicht wieder schließen, denn das frei liegende Mauerwerk erzählt sehr anschaulich mehr über die Geschichte des Hauses als ein Buch.

Schlossplatz in Lublin
Um das Schloss herum erstreckte sich bis zum Zweiten Weltkrieg das jüdische Viertel, das die deutschen Besatzer zerstört haben. Nach dem Krieg wurde der Vorplatz des Schlosses neu gestaltet. Auch die im Halbkreis angeordneten Häuser stammen aus der Zeit nach 1945. Foto: Frank Hilbert

Die Stadt ist voller Kinder. Schulklassen. Ende Mai ist „Grüne Woche“ in Polen. Die Schulen schicken die unteren Jahrgänge auf Exkursionen, damit sie die mündlichen Abiturprüfungen nicht stören. Es ist die Zeit, in der Touristenführer in Lublin ein Vermögen verdienen. Sie haben auch schon technisch aufgerüstet, stelle ich überrascht fest. Mikrofone und kleine plärrende Lautsprecher gehören zu ihrer Standardausrüstung, damit auch die desinteressiertesten Schüler jedes Wort verstehen. Eine Schulklasse folgt mir mit der plärrenden Lautsprecherstimme der Reiseführerin, vom Dominikanerkloster, über den Domplatz, die Grodska Str. hinunter zum Schloss. Viel Freiläche gibt es drumherum, wo früher Häuser dicht an dicht standen. Das jüdische Viertel. Die Menschen ausgerottet von der Generation meiner Großeltern.
Am Nachmittag lese ich weiter in Alfred Döblins Buch „Reise in Polen“ aus dem Jahr 1924. Im Kapitel über Lublin beschreibt er die große Armut und die schlechten hygienischen Verhältnisse im jüdischen Viertel am Schloss:

„Am Platz unten an dem Brunnen münden winklige Gassen ein; zerbrechliche Holzhäuser, mörtelige kleine Steinhäuser umgeben den Platz. Juden in schmutzigen Kaftanen wandern hin und her, schreiende Frauen; ein Scherenschleifer arbeitet. Ich gehe in eine der Gassen. Die Häuschen sind einstöckig oder haben nur das Erdgeschoß, manche sind rot getüncht. Über allen weg drohen zwei hohe mächtige Steinbeile vom Schloß her. Ich bin an der Rückseite des Schlosses. Die Gasse endet blind. Ich gehe eine andere. Wieder diese hüttenartigen Häuser; der Name dieser Gasse ist etwa Krawiecka. Kinder in Massen. Der Weg lehmig. Lumpige Frauen schleppen Säuglinge.“

Alfred Döblin, Reie in Polen, Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG., München, 2000, S. 167 f.

Vor dem Zweiten Weltkrieg plante die Stadt, das Viertel wegen der unzureichenden hygienischen Verhältnisse abzureißen. Sie beauftragte einen Fotografen, die Gebäude systematisch abzulichten. Ein Glücksfall. Denn er dokumentierte mit seinem Fotoapparat auch das jüdische Leben auf den Straßen. Eine Auswahl der Fotos hängt im einzigen noch erhaltenen jüdischen Gebetshaus in der Straße
Lubartowska 10. (fh)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*