Offener Brief an Erika Steinbach von Pater Emilio Szopinski
Hier, wie bereits angekündigt, der Inhalt des Offenen Briefes von P. Emilio Szopinski an Erika Steinbach und die Preußische Treuhand. Die Übersetzung aus dem Polnischen ins Deutsche stammt von P. Emilio Szopinski selbst.
Der Inhalt des Briefes:
Ein Offener Brief an:
Erika Steinbach
Preußische Treuhand
Sehr geehrte Damen und Herren,
das ist keine Predigt, es ist vielmehr ein Offener Brief eines Menschen an Menschen.
Ich schreibe den Brief nur aus folgendem Grund: Nach dem Lesen der Lektüre „Erzählen ist Erinnern“ (Kurzgeschichten, zusammengestellt vom Willi Kammerer, Erinnerungen „Gabi bringe ich nicht mit“ (von Erika Hanisch) reagierte ich einfach menschlich. Ich fühlte mich dabei sehr schlecht und mußte hinaus an die frische Luft. Ich sah dabei Kinder, die aus dem Kinderheim in die Schule gingen. Da dachte ich, heute gibt es in Deutschland - und nicht in der Dritten Welt - Kinder, die ein Kinderheim brauchen! Als ich mich etwas erholte von diesen Eindrücken, die auf mich die Erinnerungen von Erika Hanisch machten, kam ich vom „Regen in die Traufe“. In der Tageszeitung „Dorfener Anzeiger“, vom 18.12.2006, Nr. 291/51, las ich in einem kurzen Artikel „Neuer Ärger zwischen Deutschland und Polen“. Das hat meinen Zustand noch verschlimmert. Es geht mir nicht um den „Neuen Ärger zwischen Deutschland und Polen“, tief berührt hat mich die Erklärung der „Preußischen Treuhand“, eine juristisch unabhängige Gesellschaft, welche ebenso wie Frau Erika Steinbach an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte appelliert, die Rückgewinnung verlorenen Eigentums zu Gunsten der Deutschen und zu Lasten seiner Ost -Nachbarn zu entscheiden.
Als katholischer Priester und Missionar war ich Bürger nicht nur in Argentinien, sondern auch in Amerika und Ländern der Europäischen Union. Ich unterstreiche: mit Politik und Organisationen jeglicher Weltanschauung habe ich nichts zu tun.
Als Geistlicher und Missionar war ich in sehr vielen Kirchen auf der ganzen Welt. Überall sind Gedenktafeln der im Krieg Gefallenen. Was mich jedoch sehr wundert: nur in Deutschland sind die Gedenktafeln in den Kirchen, unabhängig davon, in welcher Einheit der Gefallene diente. Und wären es sogar Scharfrichter oder Henker aus dem KZ, für jemanden waren auch diese Sohn, Bruder, Vater. Christine Brückner erwähnt Dr. med. Anna K. und schreibt, daß das Leiden und Sterben im Krieg eine „Männersache“ war. Niemand erwähnt Frauen, die mit ihrem Leiden allein blieben.
Benedikt XVI., Joseph Ratzinger, ist der erste aller Männer un Frauen, die persönliches Zeugnis davon gegeben haben, dass niemand sie gefragt hat, ob sie der Hitlerjugend angehören wollten. Niemand möchte sich daran erinnern, was eienm in den Kopf gesteckt worden ist.
Mir ist bekannt, was eine deutsche Familie erlitt, nur weil sie einem verwundeten „Feind“ geholfen hat, oder: ein deutscher Geistlicher befand sich im KZ nur deshalb, weil er einem „feindlichen“ Priester erlaubte, die Heilige Messe bei verschlossener Tür zu lesen.
Mir fehlen Worte der Anerkennung, wie die Heldin Josefa Imma Mack Arzneien ins KZ-Lager in Dachau „schmuggelte“ (Sie war nicht die einzige, und das nicht nur in Dachau). Damit gefährdete sie das Leben ihrer ganzen Familie. Zwei Jahre lang wenigsten einmal in der Woche riskierte Imma Mack ihr Leben im Dienste der Gefangenen.
In der Zeit der größten Epidemie - Typhus es gab im KZ-Lager in Dachau - schickte die Vorgesetzte eines Frauenklosters ihre Schwestern in die Apotheken, um Arz¬neien zu kaufen und sie heimlich ins Lager zu bringen. Alle riskierten dabei das Leben. Und die Apotheker, kam denn keiner auf den Gedanken, für wen die Schwestern die vielen Arzneien kauften die doch nur Typhuskranke brauchen?
Nicht jeder in der Waffen-SS war freiwillig dort, nicht alle sahen in Hitler einen genialen Menschen. Viele SS-Leute waren auch gute Menschen. Es gibt viele Deutsche, welche sich für ihre Kameraden aus der Kriegszeit schämen. Heute suchen sie Versöhnung, um ihre alten Wunden zu heilen.
Dr. med. Anna K. gibt ein Beispiel, am Hochzeitstag mußte der Ehemann an die Front und kam nie wieder zurück. Die junge (33-jährige) Frau hat Medizin studiert, um ihr Leben den Leidenden zu widmen.
Dort, wo der „Teufel Gute Nacht sagt“, traf ich ein junges deutsches Mädchen, das sich dessen bewußt war, wie viel Elend der Krieg brachte. Um ihr Gewissen zu beruhigen, opferte sie ihr junges Leben im Dienst an den Allerärmsten.
Wie könnte ich eine Sendung von Radio Bayern vergessen, die darüber berichtete, dass der ehemalige Präsident Argentiniens JD Peron hunderttausenden Kriegsverbrechern die Visa gab, nach Argentinien einzureisen und die deshalb nie ihre gerechte Strafe erreichte.
Fast unbegreiflich ist für mich die Handlungsweise des Volksbunds Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Als die Deutschen anfingen, Gräber der Kriegsgefallenen zu suchen, fanden sie auch Franzosen, Niederländer, Elssässer und Lothringer, und sahen in ihnen auch Deutsche. Aber das ist „Versöhnung über den Gräbern“, „Gräber kennen keine Grenzen“, „wir suchen Freundschaft“. Diese Deutschen gingen vor allem zuerst in die Kirche zu einem katholischen Priester, welcher nicht deutsche Soldaten, sondern Menschen beerdigte
Wie schwer ist es deshalb zu verstehen, dass es trotz all dem, was noch nicht so lange her ist, Deutsche gibt, die Sklerose haben oder das Gedächtnis verloren haben. „Treue Hände“ (Treuhand!) sind denen geblieben, die alte Wunden, welche so schwer heilen, aufs Neue aufzureißen. Als Mensch habe ich das Recht zu fragen: Warum appellieren sie an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte? Wäre es nicht besser, sie würden an ihr eigenes Gewissen appellieren mit samt dem Deutschen Volk!
Es ist ganz gleich, welcher Religion jemand angehört, selbst wenn er ungläubig wäre, hat er doch ein Gewissen. Wenn er kein Gewissen hat, bleibt ihm noch der Verstand und das Gedächtnis.
Die Polen kennen wohl nicht folgende Art der Literatur. Ich habe „Es begann am Ufer der Weichsel“ gelesen. Was blieb von Königsberg? (Ich war dort im Jahr 2002). Was wollt Ihr reklamieren? Der Verfasser Thorwald Jürgen erwähnt nur ein klein wenig vom Leiden deutscher Menschen, die ohne Schuld sind. Liest man vom Flüchten, braucht man nicht an die Hölle zu glauben. Tausende, Abertausende von Deutschen verließen ihr Eigentum, nur um das Leben zu retten.
Darum frage ich: Warum schafft man neue Probleme „Neuen Ärger zwischen Deutschland und Polen“? Haben die Polen die Deutschen herausgejagt aus Königsberg, Breslau, Sudetenland? Sind die Deutschen vor den Polen ausgerückt? Haben sie den Polen ihr Eigentum gelassen? Von dem, was sie mitnahmen, haben sie nicht nur die Koffer unterwegs gelassen. Leider mußten Mütter ihre Kinder zurücklassen. Die Nahrung, die Milch war eingefroren, ihre Hände waren eingefroren - so haben Mütter ihre größten Schätze zurückgelassen: Säuglinge.
Am 30. Januar 1945 befanden sich auf dem Boot „Wilhelm Gustloff“ 6.500 Menschen, die „wertvollsten Güter“, die „Schätze“ Deutschlands. Der höllische Weg von Königsberg nach Danzig war vorbei, aber das Boot wurde torpediert. Wo und bei wem werdet Ihr reklamieren? Wer gibt Euch Eure „Schätze“ (die menschlichen Leben) zurück? Das Torpedo U-Boot „S – 13“ oder das Wasser der Ostsee?
Der Eiserne Vorhang fiel. Der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ suchte im ehemaligen Rußland 2.200.000 deutsche Gräber. In diesem Falle, wo und bei wem werdet Ihr reklamieren?
Abgesehen von der gesetzlichen Seite, was wollt Ihr reklamieren? Alles wäre noch bis heute deutsch. Was hätten die Polen zu sagen? Wer hat den Polen Eure Länder zugesprochen?
Freundschaft, Frieden, Bruderschaft soll man nur über den Gräbern der Kriegsgefallenen bauen? Frau Erika Steinbach, ich weiß nicht, ob Sie Mutter sind. Jedenfalls sind Sie eine Frau.
Wenn schon der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ so eine Sorge um die Gräber zeigt, wäre es da nicht besser, wenn sie im Schnee die armen, zurückgelassenen Säuglinge aufsuchten.
Vielleicht wäre es Zeit, die „Treuen Hände“ auszustrecken nicht um ein ETWAS, sondern für das, was wir brauchen:
Frieden, Freundschaft, Bruderschaft, nicht wieder neue Tote und Gräber.
P. Emilio Szopinski cssr.
Zum Thema passende Beiträge:
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- Neurotische Teletubbies
- Rospuda-Tal: Ultimatum für Polen
23. Juni 2007 um 08:18
Zumächst vorab einmal eine Frage an den geneigten, deutschen Leser dieser Zeilen.
Was zum Teufel ist die “Deutsche Treuhand” und vorallem wer ist Frau Erika Steinbach ?
Diese Dame ist in Deutschland der deutschen Bevölkerung meist völlig unbekannt, jedoch in Polen nach Angela Merkel die zweitbekannteste Deutsche.
Was soll diese Meinungsmache und Deutschenhetze auf dieser Webseite ?
Eine geschichtlich fundierte Auseinandersetzung z.B. zum Thema “Jedwabne-Greuel” steht einer historischen und realitätsbezogenen Aufarbeitung der deutsch-polnischen Verhältnisse besser zu Gesicht.
M.f.G.
Günther Hoffmann
13. März 2008 um 22:46
Das Thema Vetreibungen ist veil mehr realitätsbezogen, als es Herr Hoffmann meint. Es ist ein imme wieder von der deutschen Öffentlichkeit wiederholter Mythos, Frau Steinbach sei in Deutschland föllig unbekannt. Nach dem Bericht über die Polendarstellung in den deutschen Medien in Jahren 2006-2007 (der Stiftung “Deutsch-Polnische Aussöhnung”) befassten sich 49% Artikel über deutsch-polnische Anliegen mit Frau Steinbach.
Selbst wenn Frau Steinbach trotzdem eine für Deutsche unwichtige Person wäre, die einzige richtige Reaktion an dieser Stelle ist, die Gründe der Aufregung zu erforschen und nicht einfach sagen, Polen regen sich zu sehr auf oder sie seien überempfindlich, wie man es oft hört. Frau Steinbach und die Prußische Treuhand vergiften die Atmosphäre zwischen vielen Menschen, die sich für die deutsch-polnische Versöhnung engagieren.
Deutschenhetze? Da müssen Sie, Herr Hoffmann, den Brief falsch verstanden haben. Das ist doch keine Anklage. Eher ein Aufruf zur Versöhnung. Und ein Hinweis darauf, was leider vielen Deutschen unterläuft - nämlich auf den geschichtlichen Kontext der Vertreibungen: von Polen etwas zu verlangen, wenn es gar nicht die Polen diejenigen waren, die über die Grenzverschiebung entschieden haben, ist Absurd; wenn dazu noch solche Forderungen von dem Volk kommen, das Polen, zusammen mit der Sowjetunion, aus der Weltkarte wegwischen wollte (Hilter-Stalin-Pakt), das Polen überfallen und systematisch zerstört hat, 6 Mio Menschen umgebracht, dann ist es einfach unverschämt.