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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Landwirtschaft in Polen zwischen 1945 und 1989

In der Ferne hörte man noch die Kannonen donnern, als das "PKWN" (Polnisches Komitee zur Nationalen Befreiung) am 22. Juli 1944 ein Manifest veröffentlichte, das unter anderem eine Agrarreform betraf, auf die die "landhungrigen" polnischen Bauer warteten. Dabei stand hier jedoch nicht das Interesse der Bauern im Vordergrund. Gemäß der kommunistischen Doktrin ging es hier um die Parzellierung größerer Landbesitze, um die Besänftigung der Stimmung auf dem Land und um die Schwächung der Stellung der oppositionellen Bauernpartei (Polskie Stronnictwo Ludowe) am Vorabend des heranrückenden Referendums. Zudem brauchte das durch den Krieg gebeutelte Land einfach Brot. Doch die Freude der Bauern - trotz Zwangsabgaben (Kontingenten) von Agrarprodukten währte nicht lange. In den Jahren 1949 bis 1955 verschärfte sich die Stalinisierung des gesellschaftlichen Lebens in Polen. Für das polnische Land bedeutete es ausschließlich eines: die Kollektivierung, d. h. die Gründung von Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften.

Kühe auf einer Wiese
Foto: Frank Hilbert

Versuch der Zwangskollektivierung

Mit vielfältigen Methoden versuchte man die Bauern zum Beitritt in die von ihnen verhassten Genossenschaften zu zwingen. Die Palette reichte von kleineren und größeren Schikanen bis hin zum Einsperren im Gefängnis. Die kommunistische Propaganda, die Agrarverwaltung und sogar Organe der Öffentlichen Sicherheit bemühten sich nach Kräften, schnell und rücksichtslos die polnische Landbevölkerung zu kollektivieren.

Die polnischen Bauern konnten nur einen passiven Widerstand leisten, was sie auch nach Kräften taten. Als im Jahre 1956 in Polen Wladyslaw Gomulka an die Macht kam - es war die Zeit des sog. "Tauwetters" - und die Auflösung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften bewilligte, stellte sich heraus, dass beinahe 80 Prozent der Agrarflächen im Privatbesitz der Bauern waren! Es war im Ostblock der absolute Ausnahmefall. Gleichzeitig schaffte man auch - allerdings nur teilweise - die Zwangsabgaben von Agrarprodukten ab. Ob sich die Situation der polnischen Bauern dadurch verbesserte? In einem gewissen Sinne schon, aber mit einer Einschränkung: Der Ankauf von Agrarprodukten unterlag dem staatlichen Monopol, ebenso der Verkauf von Agrarproduktionsmitteln, d.h. von landwirtschaftlichen Maschinen, Traktoren, Kunstdünger, rassigen Zuchttieren und sogar von Zement, Stacheldraht, Dachpappe und Ziegelsteinen.

Staatsbetriebe: Planmäßiges Defizit

Gleichzeitig flossen riesige Summen aus dem Staatshaushalt in den Ausbau von Staatsgütern (PGR-y), wo man das Geld jedoch wieder verschleuderte. Die Staatsgüter produzierten vor allem eines: ein planmäßiges Defizit. Auf dem Land verfestigte sich eine ungünstige Agrarstruktur, die landwirtschaftlichen Betriebe blieben kleinwüchsig und zu allem Übel noch - da ohne jegliche staatliche Unterstützung - unterfinanziert. Aufgrund fehlender Perspektiven wurden sie nicht modernisiert. Von irgendwelchen Perspektiven für die Zukunft konnten die Bauern wegen der mit bloßem Auge sichtbaren Agrarpolitik des Staates nicht mal träumen. Als im Dezember 1970 Edward Gierek Erster Parteisekretär wurde, schien es, als ob die Regierung wesentliche Korrekturen der Agrarpolitik durchführen würde. Die Reformen verliefen jedoch gleich nach der Abschaffung der Zwangsabgaben im Sande. Natürlich mangelte es nicht an offiziellen Phrasen und Ehrbekundungen den "Ernährern des polnischen Staates" - den polnischen Bauern - gegenüber, aber das Geld wurde weiterhin nur in die Staatsgüter hineingepumpt.

Ende der 1970-er Jahre: Lebensmittelkarten

Infolge dieser absurden Politik musste Polen am Ende der 70-er Jahre beinahe 8 Millionen Tonnen Getreide jährlich importieren. Auf dem Lebensmittelmarkt kam es - "vorübergehend", wie die kommunistische Propaganda verlauten ließ - zu Engpässen in der Versorgung mit Milch, Butter und Fleisch. Die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung wurde mit Hilfe von Lebensmittelkarten rationiert. Dies alles passierte in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts, im Herzen Europas, in einer Zeit, als die Länder der Europäischen Gemeinschaft nicht wussten, wohin mit den Milch-, Butter- und Fleischbergen und dazu in einem Land, in dem jeder dritte Bürger auf dm Land lebte und arbeitete!

Die politische Wende

Seit 1989 versucht die polnische Landwirtschaft die westeuropäische einzuholen. Wieviel schneller könnte dies geschehen, wenn man all das Geld, welches man unwiederbringlich in die Staatsgüter hineingepumpt hatte, in Form von Subventionen den polnischen Bauern zur Verfügung gestellt hätte? Wie hätten dann die polnische Landwirtschaft und ihre Struktur heute ausgesehen? Wie hoch wäre der Prozentsatz der hoch spezialisierten landwirtschaftlichen Betriebe in Polen? Die polnischen Bauern scheuen weder Arbeit noch mangelt es ihnen an beruflichen Ambitionen. Was ihnen fehlt, sind ein gleicher Start und gleiche Chancen.
Und wenn die polnischen Bauern am Vortag des Beitritts Polens in die Europäische Union als Bittsteller oder ärmere Verwandte auftraten, dann sollte man die Ursachen dafür vielleicht doch in der Vergangenheit suchen. (Dr. Władysław Woyno)