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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Die Altgläubigen in Eckertsdorf (Wojnowo) in Masuren

Die Wände der kleinen orthodoxen Kirche in Eckertsdorf (Wojnowo)sind weiß. So ziehen die farbenfrohen Ikonen vor dem Altarraum sofort die Blicke der Besucher auf sich. Ein Mönch mit Vollbart und einem schwarzen Gewand bekleidet, das bis zu seinen Knöcheln reicht, unterhält sich mit einem älteren Ehepaar. "Auf jedem Kriegsschiff im Zarenreich gab es einen Altarraum", erzählt er. "Nach der Oktoberrevolution 1917 bauten die Sowjets die Altarräume aus den Schiffen aus." Schon der deutsche Philosoph und Protagonist der Arbeiterbewegung Karl Marx bezeichnete die Religionen als "Opium fürs Volk". Eine Sichtweise, die die Kommunisten nach der Oktoberrebolution übernahmen und die Kirchen gnadenlos bekämpften. Die finanziell klammen Sowjets hätten aber gewusst, führt der Mönch in der Kirche weiter aus, wie wertvoll die Ikonen waren und sie deshalb nicht zerstört, sondern verkauft. Auf diese Weise seien auch einige dieser Heiligenbilder in die Kirche von Eckertsdorf (Wojnowo) gelangt.

Kirche der Altgläubigen in Wojnowo
Russisch-orthodoxe Kirche Entschlafen der Gottesmutter Maria in Eckertsdorf (Wojnowo) Foto: Frank Hilbert

Das kleine Dorf Eckertsdorf (Wojnowo) in Masuren ist durch die Altgläubigen bekannt geworden, einer Sekte der russisch-orthodoxen Kirche. Die Altgläubigen (russ: "roskolniki" - abgeleitet von "roskol" - Spaltung, Schisma) lehnten die Reformen ab, die der Moskauer Patriarch Nikon in der Mitte des 17. Jahrhunderts eingeführt hatte. Nikon hatte sich entschieden, einige griechische Elemente in die Liturgie zu übernehmen. Dazu zählten zum Beispiel die Bekreuzigung mit drei Fingern und das Tragen von griechischen Kirchengewändern.

Gefragte Handwerker

Gegner der Reformen wurden von der zaristischen Regierung verfolgt. Ein Massenexodus begann. Einige der Altgläubigen zogen sich in unbewohnte Wald- und Steppengegenden, nach Sibirien, an die Wolga und an die Ufer des Weißen Meeres zurück. Andere flohen in den Westen: ins Kurland und in die Republik Polen. Mehrere polnische Magnatenfamilien, wie zum Beispiel die Familie Chodkiewucz, Radziwiłł und Czartoryski, verpachteten an sie Land und erlaubten ihnen, ihren Glauben frei zu praktizieren.
Die Altgläbigen haben sich schnell einen Namen im holzverarbeitenden Gewerbe gemacht: Ihre Arbeit als Holzfäller, Zimmerer, Tischler, Wagner und  Böttcher war anerkannt und gefragt. Ein Teil der Altgläubigen kam sogar nach Warschau (Warszawa) und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit Handel. Zeugnis ihrer Anwesenheit in der polnischen Hauptstadt war ein kleiner orthodoxer Friedhof (poln.: "Cmentarz staroobrzędowców na Kamionku") in der heutigen Ulica Grochowska, der leider im Jahr 1961 eigeebnet wurde. Kurz vor der ersten Teilung Polens im Jahr 1792 lebten geschätzt 100.000 Altgläubige auf dem Territorium der Republik Polen, hauptsächlich in Litauen (das mit Polen in der sog. Realunion verbunden war). Nach der Teilung Polens, um nicht erneut unter den Einfluss der russichen Regierung zu gelangen, packten die Altgläubigen erneut ihr Hab und Gut und gingen nach Preußen. Preußen, das um neue Siedler bemüht war, gewährte ihnen die Staatsbürgerrechte, darunter die für das Fortbestehen ihrer Gemeinschaft so wichtige Glaubensfreiheit. Mit dem am 5. Dezember 1825 erlassenen Dekret erlaubte König Friedrich Wilhelm den Altgläubigen, in Masuren am Beldahnsee (poln. jezioro Bełdany) und an dem Fluss Krutinna (poln: rzeka Krutynia) Land zu kaufen. Die einsame Johannisburger Heide, fernab von der zivilisierten Welt, war ein idealer Ort für Menschen, die Zuflucht und Ruhe suchten.

Friedhof der Altgläubigen in Wojnowo
Firedhof der Altgläubigen.

Verlorengegangene Bräuche

Ein wertvolles Bild über die Altgläubigen in Wojnowo geben die Reportagen des polnischen Publizisten Melchior Wańkowicz ("Na tropach Smętka") wieder, der 1935 zusammen mit seiner jüngeren Tochter eine Paddeltour durch das (damals deutsche) Ermland und Masuren machte. Wańkowicz berichtet unter anderem von heute nicht mehr praktizierten Bräuchen, wie zum Beispiel von der rituellen Waschung, der sich ein Altgläubiger unterzog, nachdem er versehentlich einen "Nicht-Algläubigen" berührt wurde. Auch sollen die Altgläbigen kein reines Russisch mehr gesprochen, sonder eher ein Kauderwelsch aus Russisch und Polnisch durchsetzt von zahlreichen Germanismen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, seit dessen Ende Eckertsdorf zu Polen gehört und Wojnowo heißt, emigrierten die meisten masurischen Altgläubigen in die Bundesrepublik. Sie ließen sich hauptsächlich in Hamburg nieder. In Polen leben noch ca. 1000 Mitglieder dieser Glaubensgemeinschaft

Das Kloster steht an der Südseite von Wojnowo (Eckertsdorf), direkt am See Duś. Auf der anderen Seite des Dorfes steht eine orthodoxe Kirche mit einem Zwiebelturm, in der Besucher die Ikonen aus den russischen Kriegsschiffen der Zarenzeit bewundern können. Die letzte Nonne des russisch-orthodoxen Klosters des Erlösers und der Heiligen Dreifaltigkeit in Wojnowo starb 2006. (fh)

Karte

Landkarte von Polen mit Eckertsdorf (Wojnowo)

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Eckertsdorf (Wojnowo), Polen28.03.2017 – 10:17 Uhr
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