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Warschau (Warszawa) - Powązki-Friedhof

Die alte Frau scheint mit der Grabpflege beschäftigt zu sein. Von der Seite wirft sie uns aber verstohlen interessierte Blicke zu. Frank und ich sind auf dem Warschauer Powązki-Militär- und Kommunalfriedhof und gehen durch schier endlose, symmetrisch angeordnete Reihen gleichförmiger Soldatengräber. Manchmal bleiben wir nachdenklich vor einem der Gräber stehen und versuchen, die Inschrift in den historischen Kontext zu bringen. Aus einem Meer von Namen sticht hier und da der Name einer bekannten Persönlichkeit heraus.

Birkenkreuze auf dem Powazki-Friedhof in WarschauPolen Fotos
Birkenkreuze kennzeichnen die Gräber derjenigen, die während des Warschauer Aufstands 1944 gefallen sind. Fotos: Frank Hilbert

Die alte Frau stellt die schwere Metallgießkanne ab und lehnt die Harke an einem Grabstein an. "Waren Sie schon in der Ehrenallee? Haben Sie Jacek Kaczmarek Guten Tag gesagt? Und Rudy? Er liegt mit den anderen Aufständischen des Bataillons "Parasol" auf der Parzelle mit den Birkenkreuzen. Chruściel dagegen finden Sie gleich hier um die Ecke, hinter dem großen Stein", ruft sie uns unvermittelt und fast in einem Atemzug zu, während sie leicht hinkend auf uns zukommt. Mit ihrer schlichten, adretten Kleidung, den ebenmäßigen, edlen Gesichtszügen und ihrer altmodischen Hochsteckfrisur sieht sie aus, als ob sie gerade einer Fotografie von 1940 entstiegen wäre. Ihre wachen, jugendlich gebliebenen Augen mustern uns neugierig. Nachdem wir versichert haben, dass wir die Ehrenallee des Militärfriedhofs, in der wichtige Persönlichkeiten aus Politik und Kultur Polens ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, bereits gesehen haben, erhellt ein Lächeln ihr hübsches Gesicht. "Gut so. Aber Chruściel müsst ihr noch unbedingt besuchen, wo ihr schon hier seid. Viele laufen an ihm vorbei, dabei ist er so leicht zu finden. Übrigens: Ward ihr schon auf dem Alten Powązki-Friedhof?" Ich erwidere, dass ich aus dem Ausland angereist bin, um auf dem Powązki-Friedhof unser Familiengrab aufzusuchen. "Eine Warschauerin also? Gut so, gut so", murmelt sie zufrieden und ein wenig gedankenversunken, wünscht uns noch einen schönen Tag und entfernt sich geräuschlos. Ihre Shilouette löst sich zwischen den grauen Grabsteinen auf.

An der Stelle, die uns die alte Frau gezeigt hat, finden wir tatsächlich das schlichte Grab von Antoni Chruściel, dem Oberbefehlshaber des Warschauer Aufstands von 1944, dessen sterbliche Überreste 2004 (Er war 1960 im amerikanischen Exil verstorben.) von den USA nach Warschau überführt wurden. Jemand hat frische Blumen niedergelegt. Grablichter brennen, auch auf anderen Gräbern. Ein großer Teil des Militärfriedhofs ist mit Gräbern von Opfern des Warschauer Aufstands belegt. Der Warschauer Aufstand ist ein wichtiges nationales Symbol für den Widerstandsgeist der Polen gegen fremde Besatzungsmächte. Selbst 65 nach der Niederschlagung der Erhebung gegen die deutschen Besatzer halten die Warschauer die Erinnerung an ihre gefallenen Helden wach. Wie die grauhaarige, gute Seele des Friedhofs, deren Bekanntschaft wir machen durften. Mir fällt auf, dass aus dem Mund der alten Dame kein einziges Mal das Wort "Grab" oder "Toter" gefallen war. Sie sprach von den Verstorbenen, als ob diese noch lebende Menschen wären und nur zufällig auf dem Friedhof eine neue Wohnadresse gefunden hätten.

Grab von Jacek Kuron auf dem Powązki-Friedhof in Warschau
Schüler am Grab von Jacek Kuroń (1933 - 2004), ein polnischer Bürgerrechtler, Publizist und Politiker.

Wir verlassen den abseits gelegenen Militärfriedhof, laufen bei sengender Mittagshitze entlang der viel befahrenen Powązkowska-Straße zum Alten Powązki-Friedhof zurück. Schon bald lassen wir den Verkehrslärm hinter der meterhohen, dicken Friedhofsmauer zurück. Uns empfangen eine erholsame Ruhe und der kühle Schatten der Jahrhunderte alten Alleen. Obwohl ich schon öfter auf diesem Friedhof war, verlaufe ich mich wieder einmal auf dem 43 Hektar großen Areal und kann ich die Parzelle mit unserem Familiengrab nur mit Hilfe freundlicher Friedhofsarbeiter finden. Von dem wuchtigen Obelisk aus schwarzem Granit leuchten mir in Gold die Namen meiner Vorfahren entgegen. Die Generationen meiner Urväter und -mütter, die hier bestattet wurden, reichen ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Neben einigen Namen wurden nicht nur die Lebensdaten und der Beruf des Verstorbenen in den Stein gemeißelt, sondern es wurde auch - offensichtlich mit gewissem Stolz - vermerkt, die Person sei "Bürger der Stadt Warschau" gewesen.

Der 1790 gegründete Powązki-Friedhof ist einer der historisch und kulturell bedeutendsten Friedhöfe in Polen. Obwohl er im Zweiten Weltkrieg teilweise stark beschädigt wurde, ist er ein wichtiges Denkmal für polnische Kleinarchitektur und Bildhauerei aus über zwei Jahrhunderten. Überall begegnen dem Besucher wunderschöne, aber auch wunderliche Grabskulpturen: zu Stein gewordene barfüßige Feen, in Traum versunkene Engel, leidende Christusse, verspielte Fabeltiere. Generationen von Warschauern wurden hier bestattet, darunter auch viele berühmte Persönlichkeiten. Heute steht der Friedhof unter Denkmalschutz, was unter anderem bedeutet, dass Gräber nicht eingeebnet werden dürfen. Bestattet werden kann auf dem Alten Powązki-Friedhof allerdings nur noch, wer einen Platz in einem Familiengrab oder besondere Verdienste für das Land Polen vorzuweisen hat. Auf Initiative des großen Liebhabers und Förderers von Powązki, des polnischen Musikkritikers Jerzy Waldorff (1910-1999), sammeln seit 1974 an jedem 1. November (Allerheiligen) und am 2. November (Allerseelen) bekannte Künstler und Journalisten auf dem Friedhof für die Renovierung und den Erhalt von Powązki. (fh)

Sehenswürdigkeit

Powązki-Friedhof (Cmentarz Powązkowski) in Warschau
Powązkowska 14
01-067 Warszawa

Karte

Warschau - Powązki-Friedhof, Powązkowska 14, 01-067
Warschau - Powązki-Friedhof, Powązkowska 14, 01-067 Warszawa (Google Maps)