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Die Kämpfe bei Gorlice - Artillerievorbereitung

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Die Kämpfe wurden im ersten Weltkrieg durch ein Übergewicht der Defensive bestimmt. Die im Verhältnis zu früheren Kriegen enorm gesteigerte Feuergeschwindigkeit der normalen Gewehre machte zusammen mit dem neu eingeführten Maschinengewehr den Sturmangriff der naturgemäß ungeschützten Infanterie auf eine feindliche Stellung zu einem selbstmörderischen Unterfangen. Der britische Militärhistoriker John Keegan bezeichnet es als "schlichte Wahrheit des Stellungskrieges 1914-1918", dass die "Konfrontation einer großen Anzahl von Soldaten, die nur durch Uniformen aus Tuch geschützt waren, mit einer großen Masse anderer Soldaten, die durch Grabensysteme und Stacheldraht geschützt und mit Schnellfeuerwaffen ausgerüstet waren, (...) bei den Angreifern zu sehr hohen Verlusten führen (mußte)".

Gedenktafel mit der Darstellung einer Szene aus der Schlacht von Tarnów-Gorlice
Gedenktafel in Gorlice mit der Darstellung einer Szene aus der Schlacht von Tarnów-Gorlice. Fotos: Frank Hilbert

Unter diesen Bedingungen, so Keegan, seien die hohen Verluste, die die Offensiven des Ersten Weltkrieges forderten, unvermeidlich gewesen:

Die Bedingungen der  Kriegführung zwischen 1914 und 1918 machten ein Gemetzel nahezu unvermeidlich, und nur eine völlig andere Technik, die freilich erst eine Generation später zur Verfügung stand, hätte ein solches Resultat vermeiden können.

Während die heraneilenden Angreifer für die Verteidiger ein gutes Ziel boten, waren umgekehrt die durch ihre Schützengräben gedeckten Verteidiger für die Angreifer kaum zu fassen. Deshalb kam der Artillerie eine überragende Bedeutung zu. Nur wenn es gelang, durch ihren Beschuß die feindlichen Verteidigungsanlagen wie Schützengräben und Stacheldrahtverhaue weitgehend zu zerstören und die Kampfmoral der Verteidiger durch das Trommelfeuer zu zermürben, hatten die Soldaten der beim Sturmangriff eingesetzten Infanterie eine gewisse Aussicht auf Erfolg und Überleben.

Die deutsche Artillerie begann am 1. Mai mit dem Einschießen, das sich während des Nachmittags und in der Nacht zu einem Störfeuer steigerte, das die russische Führung von einer Verstärkung ihrer Verteidigung abhalten sollte. Während der Nacht pausierte der Beschuß von 1 bis 3 Uhr, damit deutsche Spähtrupps die Lage erkunden und deutsche Pioniere Wege durch die russischen Drahtverhaue bahnen konnten. Der nächste Tag brach an. Tile von Kalm beschreibt diesen Tag, den 2. Mai 1915, mit einem poetisch anmutenden Stil, der für ein solches Archivwerk eher ungewöhnlich ist, als einen "schönen, warmen Frühlingssonntag" und fährt fort:

Noch lag leichter Nebel über der Landschaft, nur die schneebedeckten Spitzen der Tatra und die Höhen der Westbeskiden ragten, schon von der Sonne bestrahlt, in voller Klarheit aus den Dunstwolken hervor. Die höheren Stäbe standen bereits auf ihren hochgelegenen Gefechtsständen. Die steigende Sonne drückte nun die letzten Nebelballen fort und die beiderseitigen Kampflinien lagen in voller Deutlichkeit, aber wie tot da.

Diese klare Sicht war ideal für die Artilleriebeobachter, die den um 6 Uhr einsetzenden intensiven Beschuß leiteten. Auch in seiner Darstellung der nun einsetzenden Kanonade verläßt Tile von Kalm die nüchterne Sachlichkeit, die man eigentlich bei einem vom Reichsarchiv herausgegebenen Werk erwarten kann, indem er die Kriegsmaschinerie in Metaphern einer Naturkatastrophe beschreibt. Da "rollt" der "Donner", Flammen "schlagen empor" und schließlich "verdunkelt" eine "gewaltige schwarze Wolke" die Sonne:

Schlacht von Tarnów-Gorlice 1915 - Kriegsgräber in Łuzna
Kriegsgräber in Łuzna.
Die Artillerievorbereitung begann. 6 Uhr vormittags! ein gewaltiger Schlag läßt die Luft erzittern. Der Boden erbebt. In langem, rollendem Widerhall geben die Berge des südlichen Kampfabschnittes den Donner zurück. Die erste Salve aus allen Geschützen des Wirkungsschießens ist eröffnet. Und nun erhebt sich ein Höllenlärm, das Rollen und Grollen vom scharfen Knall der Feldkanone bis zum dumpfen Schlag des schweren Mörsers. Das gesamte Steilfeuer schlägt in die feindlichen Infanteriestellungen hinein. Unter der Wucht der schweren Mörsergeschosse spritzt die Erde haushoch empor, Balken der Unterstände und Hindernisteile wirbelnd mit sich reißend. Zündend fahren Brandgranaten in die Strohdächer der Ortschaften und in das Häusergewirr von Gorlice. Bald sieht man einzelne Häuser in und hinter der Front in Brand geraten, und bald auch schlagen hohe Flammen aus dem Westeile von Gorlice empor. Staub- und Rauchwolken legen sich auf das schaurige Bild der Zerstörung. Eine gewaltige schwarze Wolke verdunkelt die Sonne. Sie überzieht das Schlachtfeld mit rußigem Qualm. Die Petroleumraffinerie östlich Gorlice steht in Flammen.

Winston Churchill schildert in seiner Geschichte des Ostkrieges die vernichtende Wirkung dieser Artillerievorbereitung auf die russischen Verteidiger: "Die aus Erde und Sandsäcken, gestützt auf Baumstämme bestehende Abdeckung der russischen Schützengräben wurde durch die deutschen Haubitzen und Minenwerfer zerschlagen. Der Beschuß wurde von der gegnerischen Artillerie kaum erwidert. Die wenigen Batterien, die das versuchten, wurden sofort durch überwältigendes Feuer zum Schweigen gebracht. Die deutsche Infanterie duckte sich nicht hinter der Brustwehr, sondern beobachtete aufrecht stehend und fast unbeeinträchtigt die Wirkung des Artilleriefeuers. Als die Minenwerfer um 9 Uhr ihre volle Intensität entwickelten, wurden die russischen Drahtverhaue Maschinengewehre in die Luft gewirbelt.

Der schwedische Asienforscher und Publizist Sven Hedin, der die Ostfront bereiste, um von diesem Kriegsschauplatz zu berichten, besuchte den Schauplatz der Kämpfe um Gorlice kurze Zeit später. Er bezeichnet das einleitende Trommelfeuer als "die gewaltigste Artillerievorbereitung, die es bisher in der Kriegsgeschichte gegeben hat". Ein solches, nach einem genauen Feuerplan ausgeführtes Trommelfeuer, war zwar an der Westfront allgemein üblich, im Osten jedoch bisher unbekannt gewesen. Eine Beschießung dieses Umfangs hatte aber auch im Westen noch nicht stattgefunden, sollte dort aber bald übertroffen werden. So setzten die Mittelmächte bei Tarnow-Gorlice im Mai 1915 15 Geschütze pro Kilometer ein, die französische Armee im September 1915 in der Champagne jedoch bereits 49. Der österreichische Feldmarschall v. Arz sprach von einem "Geschoßhagel von bis dahin nie gekannter Dichtigkeit", der "alles in Schutt verwandelt" und "mächtige Rauch- und Staubwolken" habe aufstiegen lassen, die die Berge auf der feindlichen Seite der Sicht entzogen hätten. Der Feldmarschall fühlte sich an Urgewalten erinnert: "Unter dem donnernden Getöse hatte man den Eindruck, einen arbeitenden Vulkan vor sich zu haben". Sven Hedin zitiert einen österreichischen General, der von 18.000 abgefeuerten schweren Artilleriegeschossen zu berichten wußte, was einem Eisenbahnzug von 50 Waggons entspreche.

Dieser vorbereitende Beschuß zerstörte nicht nur die russischen Stellungen und tötete ein Drittel der Verteidiger, sondern erschütterte auch die Kampfmoral der Überlebenden nachhaltig, wie der Verlauf des anschließenden Sturmangriffs auf die russischen Stellungen zeigte. (Alexander Molter)

Sehenswürdigkeit

Museum - Ausstellung von Erinnerungsstücken aus der Schlacht von Gorlice
ul. Wąska 7-9
38-300 Gorlice
Tel.: ś48 (0) 18 3522615
E-Mail: muzeum.pttk.gorlice@interia.pl

Karte

Gorlice - Museum Schlacht Tarnów-Gorlice, ul. Wąska 7-9, 38-300
Gorlice - Museum Schlacht Tarnów-Gorlice, ul. Wąska 7-9, 38-300 Gorlice (Google Maps)
  1. Einleitung Schlacht von Tarnów-Gorlice 1915
  2. Die Kriegslage im Frühjahr 1915
  3. Die Entscheidung für den Durchbruch bei Tarnow-Gorlice
  4. Die Kämpfe bei Gorlice
  5. Artillerievorbereitung
  6. Sturmangriff
  7. Das Schicksal der Stadt Gorlice
  8. Gründe für den Erfolg der Offensive
  9. Militärstrategische Folgen
  10. Politikstrategische Folgen
  1. Der Bericht eines britischen Militärbeobachters (mit Bild des dt. OB Mackensen)
  2. Karte mit dem Verlauf der Ostfront 1915
  3. Kurze Darstellung des Verlaufs der Schlacht von Tarnów-Gorlice mit Fotos

Anmerkungen

Literatur:
  • Rauchensteiner, Manfred: Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Wien 1993
  • Stone, Norman: Gorlice-Tarnow, in: Enzyklopädie Erster Weltkrieg hrsg. von Gerhard Hirschfeld u.a., Paderborn u.a., 2003
  • Ders.: The Eastern Front 1914-1917, London u.a. 1975
  • Tile von Kalm, Oskar: Schlachten des Weltkrieges Bd. 30: Gorlice, Reichsarchiv (Hrsg.), Oldenburg i.O. 1930
  • Urbanski von Ostrymiecz, August: Conrad von Hötzendorf, Graz, Leipzig, Wien 1938.
  • Die Übersetzungen aus Churchill: The Unkown War und Hedin: Kriget mot Ryssland wurden vom Autor angefertigt.