Das Rathaus von Neu Sandez Foto: Frank Hilbert
Die polnische Toscana Einen Besuch ist die am Fluss Dunajec gelegene Stadt Nowy S±cz (Neu Sandez) allemal wert. Noch heute prägt die wechselvolle Geschichte der Stadt ihr Bild. Vom 14. bis zum 17. Jahrhundert fungierte Nowy S±cz als Königsresidenz. Hier entstand auch im 15. Jahrhundert der Krakau-S±cz-Malstil, die erste anerkannte polnische „Schule“. Einen Aufschwung erlebte die Stadt gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als sie eine Eisenbahnanbindung bekam. Die Bevölkerung – auch die jüdische - nahm stetig zu. Im Zweiten Weltkrieg wurde Nowy S±cz stark zerstört. Die Regierung ließ viel Geld in den Wiederaufbau fließen, so dass Nowy S±cz nicht das Schicksal vieler polnischer im Zweiten Weltkrieg verwüsteter Städte geteilt hat, in denen die alte Baustruktur gesichtslosen sozialistischen Einheitsbauten weichen musste.
Ein Spaziergang durch die Stadt
Wir beginnen unseren Rundgang am
Rynek, dem weitläufigen Marktplatz von Nowy S±cz, wo im Sommer viele Straßencafes und Restaurants öffnen und dem Ort eine fröhliche, geschäftige Atmosphäre verleihen. In der Mitte des Platzes steht das neubarocke
Rathaus aus dem Jahr 1897, in dem neben Ratssitzungen gelegentlich auch Musikkonzerte stattfinden. Das Rathaus besitzt einen repräsentativen Sitzungssaal mit einer Kassettendecke, originellen Kachelöfen und interessanten Gemälden, auf denen wichtige Ereignisse aus der Geschichte der Stadt dargestellt worden sind. Abgebildet sind dort unter anderem: der König Kazimierz Wielki (Kasimir der Große) bei der Verleihung der Stadtprivilegien an Nowy S±cz, die Königin Jadwiga, der Chronist Jan D³ugosz mit den Söhnen des Königs Kazimierz Jagielloñczyk und König Jan Sobieski bei einem Besuch in der Stadt. Heute beherbergt das Rathaus die Stadtverwaltung.
An der Nordseite des Rathauses findet man die anhand von archäologischen Ausgrabungen rekonstruierten
Fundamente des alten Rathauses aus dem 17. Jahrhundert, das im Jahr 1894 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel. Durch das Feuer wurden auch historisch wertvolle Dokumente vernichtet, inklusive sämtlicher Urkunden, in denen alle Privilegien dokumentiert waren, die der Stadt im Laufe der Jahrhunderte von den polnischen Königen verliehen worden waren.
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Wir verlassen den Marktplatz nach Süd-Osten und folgen der ul. Jagielloñska („Jagiellonenstraße“), die von anmutigen Jugendstilhäusern umsäumt ist. An der Kreuzung zur ul. Szwedzka („Schwedenstraße“) sehen wir das
Denkmal des polnischen Königs Wladys³aw Jagie³³o, das im Jahr 1911 errichtet worden ist. Während der Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg ordneten die Deutschen die Zerstörung des Denkmals an. Daraufhin wurde es von einigen Einwohnern von Nowy S±cz abgetragen und versteckt. Unbeschädigt konnte es dem Krieg wieder an seinem alten Platz aufgestellt werden.
An der Kreuzung biegen wir nach links in die ul. Wa³owa („Wallstraße“) ein. Wie der Name dieser Straße schon verrät, verlief hier in früheren Zeiten die Wehrmauer, die 13 Türme hatte. Wir biegen jetzt nach rechts in die ul. Sobieskiego („Sobieskistraße“) ein, kreuzen einen kleineren Marktplatz und sehen auf der linken Seite die Überreste eines Erdwalls, der zur mittelalterlichen Stadtfortifikation gehörte. Wir laufen ein Stück bergab bis zur ul. Lwowska („Lemberger Straße“), von wo aus sich ein toller Ausblick auf den
Stadtteil „Piek³o“ erstreckt. Die Bezeichnung „Piek³o“ bedeutet auf Polnisch „Hölle“. Diesen abwertenden Namen bekam dieses Stadtteil im 16. Jahrhundert, weil es von „Andersgläubigen“, den Arianern, bewohnt wurde.
Wir laufen nun die ul. Lwowska wieder zurück in Richtung Marktplatz. Es lohnt sich, unterwegs einen Abstecher in das
Stadtmuseum (Muzeum S±deckie, ul. Lwowska 3) zu machen, das im sog. „Gotischen Haus“ aus dem 15. Jahrhundert untergebracht ist. Es besitzt eine reiche historisch-ethnographische Sammlung, eine große Ikonensammlung und die größte Sammlung von Malereien des naiven Künstlers Nikifor von Krynica in Polen. Hier sind auch einige Werke von Künstlern der Krakau-S±cz-Schule ausgestellt.
Der Überlieferung nach soll in diesem Haus im 15. Jahrhundert der in Polen sehr bekannte Chronist Jan D³ugosz gelebt und seine Chronik geschrieben haben.
Unweit des Stadtmuseums befindet sich eine der interessantesten Sehenswürdigkeiten von Nowy S±cz: die zum Großteil rekonstruierte alte gotische Kollegiatskirche, heute
Pfarrkirche St. Margarete (ko¶ció³ parafialny sw. Ma³gorzaty). Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Kirche (die 1466 von der Familie Ole¶nicki gestiftet worden ist) mehrmals umgebaut, so dass aus der alten Zeit nur zwei Renaissancealtäre und einige Wandmalereien verschont geblieben sind. Das Gewölbe an der Ostseite weist schon barocke Verzierungen auf. Die Kirchtürme sind mit edlen Steinfriesen und Medaillonporträts von Heiligen geschmückt. Hinter dieser Kirche, gleich am Rande der Böschung, begegnen wir wieder den Überresten der alten Stadt- und Wehrmauer.
Wir folgen nun weiter der ul. ¶w. Ducha („Heiligengeiststraße“). Diese führt uns zur
Jesuitenkirche mit dem angrenzenden Kloster. Von dem polnischen König Wladyslaw Jagie³³o im 15. Jahrhundert gestiftet, waren die Kirche und das Kloster ursprünglich der Sitz des Ordens der Norbertaner. Da der Klosterkomplex ebenfalls mehrmals umgebaut und restauriert worden ist, erinnert nur noch die gotische Kirchendecke mit ihren Stern- und Kreuzgewölben aus dem 15. Jahrhundert an die Zeit seiner Entstehung.
Durch ein Tor aus dem 17. Jahrhundert verlassen wir das Klostergelände und kommen auf die ul. Piotra Skargi („Piotr-Skarga-Straße“). Etwa 100 Meter weiter auf der rechten Seite wird hinter einer Häuserzeile aus dem 19. Jahrhundert das einzige erhaltene Fragment der früheren Festungsanlage sichtbar: die
Bastei „Baszta Kowalska“. Von den Einheimischen wird die Bastei oft als „
Burg“ bezeichnet, da sie einmal an die Mauern der früheren Burg anlehnte, deren Ruinen am westlichen Rand der Böschung zu sehen sind. Die Burg wurde in der Regierungszeit des Königs Kazimierz Wielki (Kasimir des Großen) in den Jahren 1350-60 gebaut. Im Jahr 1611 ließ sie die Magnatenfamilie Lubomirski nach der damaligen Mode im Renaissancestil umbauen. Vor dem Zweiten Weltkrieg beherbergte die Burg das Stadtmuseum. Im Zweiten Weltkrieg richteten die deutschen Besatzer hier ihre Kaserne ein. Im Krieg erlangte die Burg noch eine weitere traurige Berühmtheit: Sie wurde zum Schauplatz von Massenhinrichtungen, die die Deutschen an der zivilen Bevölkerung verübten. Am Vortag der Befreiung der Stadt, im Januar 1945, sprengten die Deutschen die Burg in die Luft.
An der Ecke zur ul. Berka Joselewicza („Berk-Joselewicz-Straße“) steht die ehemalige
Synagoge, die heute eine Galerie für zeitgenössische Kunst beherbergt. Die Innenräume des Hauses, wo im 19. Jahrhundert der beliebte Zaddiq Chaim Ben Halberstam (Sein Grab befindet sich auf dem überwachsenen jüdischen Friedhof in der ul. Rybacka.) predigte, wurden im Laufe der Jahre so sehr verändert, dass von der einstigen Synagoge nicht mehr viel zu erkennen ist. Nur eine kleine Fotoausstellung gibt ein Zeugnis über das jüdische Leben vor Ort in früheren Zeiten. Noch bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges machte die jüdische Gemeinde 30 Prozent der Stadtbevölkerung aus. Allein in der ul. Kazimierza Wielkiego standen vier weitere Synagogen, von denen heute keine Spuren mehr vorhanden sind. Das gesamte ehemalige jüdische Viertel wurde im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen in ein Ghetto umgewandelt. Im August 1942 begann man mit der Liquidierung des Ghettos, die Insassen wurden entweder hingerichtet oder ins Konzentrationslager Be³¿ec verschleppt.
Etwa 50 Meter von den Burgruinen entfernt steht in der ul. Pijarska („Piaristenstraße“) die
Kapelle der Verklärung des Herrn (kaplica Przemienienia Pañskiego) von 1663, die einmal zum Klosterkomplex der Franziskanerkirche gehörte. Die Kirche wurde im Jahr 1297 errichtet, brannte mehrere Male und wurde im Jahr 1802 gänzlich abgetragen. Ende des 17. Jahrhunderts erwarb die jüdische Gemeinde von Nowy S±cz die Kapelle. Da jedoch die religiösen Gebote der Juden die Nutzung christlicher Gebäude untersagen, verkaufte die jüdische Gemeinde die Kapelle weiter an die evangelische Gemeinde, deren Mitglieder deutsche Kollonisten aus Nowy S±cz und dem Umland waren. Auch heute noch wird die Kapelle von der evangelischen Gemeinde genutzt. Außer der Kapelle ist von der alten Franziskanerkirche nur noch der Grabstein von Jan Dobek Lowczowski erhalten geblieben. Der Adlige mit zahlreichen Besitztümern im Sandezer Land bekleidete zu Anfang des 17. Jahrhunderts das Amt des Truchsess (poln. „podstoli“, ursprünglich die Bezeichnung für einen Hofbeamten, der die Aufsicht über die fürstliche Tafel führte) am Hofe des polnischen Königs Zygmunt III Waza und stiftete eine Kapelle in der Franziskanerkirche. Sein Grabstein wurde aus der alten Kirche entfernt und unter den Arkaden des heutigen Glockenturms aufgestellt.
Auf der linken Seite, im Haus Nr. 11 der ul. Franciszkañska („Franziskanerstraße“), befindet ich die
Öffentliche Bibliothek. Das Haus aus dem 17. Jahrhundert war früher im Besitz der Familie Lubomirski. Bei Renovierungsarbeiten im Jahr 1960 legte man dort zahlreiche wertvolle Steinmetzarbeiten frei, darunter Fensterportale und Säulen im heutigen Lesesaal.
Wir folgen nun der ul. Pijarska und laufen am Gerichtsgebäude bis zur Strafvollzugsanstalt, die in dem umgebauten ehemaligen
Piaristen-Kloster (klasztor Pijarów) untergebracht ist. Im Jahr 1732 errichtet, wurde das Kloster (in dem sich zeitweise ein Gymnasium befand) in den Jahren 1818 bis 1838 umgebaut und schließlich im Jahr 1855 zu einem Gefängnis umfunktioniert.
Jetzt biegen wir nach links in die ul. Szwedzka ein und folgen der Straße, bis wir die ul. Jagielloñska erreicht haben, wo wir nach rechts abbiegen müssen. Etwa 50 Meter weiter befindet sich die „
Schwedenkapelle“ (kapliczka szwedzka), in der schwedische Soldaten bestattet wurden, die bei der Erstürmung der Stadt im Jahr 1655 getötet worden waren.
Die ul. Jagielloñska führt uns weiter nach Süden an der städtischen Grünanlage (Planty) vorbei. An der Kreuzung mit der ul. Mickiewicza („Mickiewiczkstraße“) steht das
Denkmal des Namensgebers der Straße, des romantischen Dichters
Adam Mickiewicz.
Weiter geht es auf der Aleja Wolno¶ci („Freiheitsallee“) und ihrer Verlängerung, der Aleja Batorego („Batoryallee“). Sie führen uns zum Bus- und Eisenbahnhof. Auf der rechten Seite (etwa 250 Meter hinter dem Stadtpark) liegt der
Alte Friedhof (Stary Cmentarz). Interessant sind hier vor allem die Gräber der polnischen Gebirgsjäger (Strzelcy Podhalañscy), die sich nach der Kapitulation Polens im Jahr 1939 nach Norwegen absetzten und dort in Kämpfen gegen die Deutschen fielen.
(bw)
Landkarte:

Wetter:
Wirtschaft:
regionales Industrie- und Handelszentrum
Einwohner:
74.000
Weiterführende Links
www.nowy-sacz.pl