Staatlich anerkannte und ermächtigte Übersetzerin
der polnischen Sprache (§ OLG Schleswig-Holstein)
Eckernförder Str. 73
24116 Kiel
Tel.: +49 (0) 431 - 1 22 77 65
Handy: +49 (0) 160 - 8 31 07 82
E-Mail: bw@polish-online.com
Internet: www.polish-online.com
Internetadresse der ausgedruckten Seite:
http://www.polish-online.com/polen/staedte/lublin-kz-majdanek.php
Ausgegeben am
Freitag, dem 03.09.2010, um 16:17 Uhr.

Auf Befehl von Reichsführer SS Heinrich Himmler errichteten die Deutschen im Spätsommer 1941 ein Konzentrationslager in der Nähe des Lubliner Stadtteils Majdanek / Tatarski. SS-Oberführer Dr.-Ing. Hans Kammler erteilte am 22. September 1941 den Baubefehl für das Konzentrationslager. Polnische Zivilarbeiter sowie polnische und sowjetische Kriegsgefangene, die in einem Lager in der Lipowa-Str. in Lublin inhaftiert waren, umzäunten das Gelänge und begannen mit den ersten Bauarbeiten. Nach der Errichtung der ersten Sicherungsanlagen verlegten die Deutschen einige hundert sowjetische Kriegsgefangene in das Konzentrationslager. Bis Ende 1941 war die Zahl der Häftlinge auf 5.000 angewachsen. Im Lager breitete sich schnell eine Fleckfieberepedemie aus, die fast alle inhaftierten Soldaten dahinraffte. Nur 150 bis 200 von ihnen überlebten. Es kamen neue Inhaftierte: Häftlinge aus deutschen Konzentrationslagern, polnische Bauern aus der Umgebung, die nicht die von den Deutschen festgelegten Mengen an landwirtschaftlichen Produkten abgeliefert hatten, und kleine Gruppen von Juden, vor allem Facharbeiter.
Erst im März und April 1942 erreichten Majdanek die ersten großen Judentransporte mit zehntausenden Juden aus der Slowakei. Sie brachten ihr Geld, ihren Schmuck und die Handwerker ihr Werkzeug mit, weil ihnen die Deutschen erzählt hatten, sie könnten in Polen ein neues Leben beginnen.
Später kamen Transporte mit Juden aus allen von den Deutschen besetzten Gebieten. Die Pläne der Nazis sahen ein Lager für 150.000 Menschen vor. Dazu kam es aber nicht mehr. Wegen der durch den Krieg verursachten Verknappung von Baumaterial konnten sie ihre Pläne nicht verwirklichen. Das Lager erreichte deshalb lediglich eine Kapazität von 35.000 bis 40.000.
Denkmal mit der Asche der Toten
Es ist menschenleer auf dem ehemaligen Gelände des Konzentrationslagers. Eine asphaltierte Straße führt an den Sicherungsanlagen aus einem doppelten Zaun vorbei. Alle paar Meter ragt ein niedriger Wachturm aus Holz in die Höhe. Die Straße scheint unendlich zu sein. An ihrem Ende schimmern die Umrisse eines weiteren Denkmals durch den Dunst: das "Mausoleum für die Opfer des Faschismus". Es ähnelt einer flachen Schale, deren Deckel angehoben ist. Das Denkmal hat einen Durchmesser von rund 20 m und ist gefüllt mit der Asche ermordeter Menschen.
Ein Stück weiter steht eine Holzbaracke mit einem Schornstein aus Backstein, der mehrere Meter über das Dach hinaus ragt. Es ist das Krematorium. Der Hochnebel hat sich gelichtet. Die Sonne schickt noch einmal ein paar wärmende Strahlen auf die Erde. Vielleicht ist es der letzte schöne Herbsttag in diesem Jahr. Neben dem Krematorium haben die Mitarbeiter des Museums Blumen gepflanzt, deren Blüten orangefarbend in der Sonne leuchten. Im Inneren des Krematoriums ist es düster. Eine junge blonde Frau in einer roten Jacke und ein junger Mann betreten das Gebäude. Flüsternd unterhalten sie sich. Die Kameras bleiben in den Taschen. Verunsichert blicken sie in den "Baderaum", in dem der Chef des Krematoriums sein Bad nahm, während nebenan in den Öfen das Feuer loderte.
Ganz in der Nähe befindet sich ein kleiner Raum mit einem Seziertisch aus Beton. An der Stirnseite hängt eine Tafel mit Erläuterungen. In vier Sprachen erfährt der Besucher, dass Häftlinge die Leichen – bevor sie in die Verbrennungsöfen kamen - nach Goldzähnen untersuchen mussten. Dazu öffneten Sie den Toten mit einer Zange den Mund. Ein deutscher Zahnarzt, ebenfalls ein Häftling, zog ihnen die Goldzähne. In den sieben Brennöfen konnten jeden Tag 1.000 Leichen verbrannt werden. Wenn die Kapazität nicht ausreichte, ließen die Deutschen die Toten auf Schienen und Eisengestellen im Freien legen und verbrennen. Als sowjetische Soldaten das Konzentrationslager befreiten, fanden sie im Krematorium die Überreste halb verkohlter Leichen.
"Erntefest"
Die Zahl der im KZ-Majdanek getöteten Menschen werden auf rund 230.000 geschätzt. 100.000 von ihnen waren Juden. Den Höhepunkt des Mordens bildete das so genannte "Erntefest" am 3. November und 4. November 1943. Die Vorbereitungen auf das Massaker an Juden begannen bereits Tage vorher. Häftlinge mussten lange gewundene Gräben ausheben. In der Nacht zum 4. November kamen Transporte mit Juden aus Lublin und anderen Konzentrationslagern. Die Juden standen in einer langen Schlange, die bis zur 1 km entfernten Straße nach Chełm gereicht haben soll. In Zehnergruppen mussten die Gefangenen vortreten. SS-Leute erschossen sie. Die nächsten zehn Juden mussten sich auf die bereits Toten stellen und wurden erschossen. Marsch- und Unterhaltungsmusik aus den Lautsprechern übertönte den Hall der Schüsse. Die ganze Nacht lang. Am Morgen waren 18.000 Menschen tot. Unter ihnen befanden sich fast alle jüdischen Häftlinge des KZ-Majdanek. Die 300 überlebenden Juden mussten später die Toten ausgraben und verbrennen.
1.000 Häftlinge in einer Baracke
Das Lager nahm eine Fläche von 250 ha ein und war mit einem Stacheldrahtzaun umgeben. Nur an der südöstlichen Seite wurde das Lager durch kleine Bunker gesichert, die ständig mit SS-Wachleuten besetzt waren. Den Kern des Lagers bildete das Schutzhaftlager, das mit einem doppelten Stacheldrahtzaun umgeben und ab Sommer 1942 - nach einem Ausbruch sowjetischer Kriegsgefangener- durch eine Starkstromleitung gesichert war.
Die Häftlinge schliefen in Baracken, die immer noch auf dem Gelände der Gedenkstätte stehen. Einige der Holztore stehen offen. Die Baracken haben keine Fenster. Licht konnte nur durch die Dachlucken ins Innere dringen. Die Häftlinge schliefen auf Stroh oder auf Papiersäcken. Später ließen die SS-Leute Pritschen aufstellen. 250 dreifach übereinander liegende Pritschen in einer Baracke. Bis zu 1.000 Häftlinge teilten sich eine Baracke – ca. 360 Quadratmeter Fläche.
In einer Baracke stehen heute anstelle der Pritschen Käfige, die bis unter die fast drei Meter hohe Decke reichen. Schmale Gänge führen durch sie hindurch. Lampen gibt es nicht. Licht dringt nur durch das Eingangstor ein. Die Käfige sind bis zur Decke mit den Schuhen der ermordeten Menschen gefüllt.
Duschen vor dem Tod
Insgesamt gab es in Majdanek sieben Gaskammern. Gemordet wurde mit Kohlenmonoxid und dem Insektenvertilgungsmittel Zyklon B. In dem Gebäude mit den Gaskammern befand sich auch ein Duschraum, den die Häftlinge nur selten benutzen durften. Wenn überhaupt, dann nur für wenige Minuten, ohne Seife oder Handtücher zu bekommen. Auch diejenigen, die vergast werden sollten, durften vorher duschen. Dadurch täuschten die SS-Leute eine "Normalität" vor, die Panik verhindern sollte. Die ehemalige KZ-Insassin Irina Marszalek erinnert sich:
"Der Dampf ist gewichen, ich kann jetzt die kleinen und hochgelegenen Fenster sehen, dahinter die Gesichter von SS-Leuten. Sie beobachten uns, so wie sie sonst ihre Vergasungsopfer beobachten. In der Ecke am Eingang steht eine steinerne Wanne. Sie ist mit Lysol gefüllt, zur Desinfektion. Die Türen öffnen sich, zwei SS-Männer und die Aufseherin unterhalten sich und lachen dabei. Auch der Kapo benimmt sich ungehemmt: Von Zeit zu Zeit gibt er einer der nackten Frauen einen Klaps auf den Po. Das Wasser wird abgestellt. Jede von uns muss in die steinerne Wanne tauchen. Dann stehen wir in einer zweiten Schlange zum Flittieren an: Ein SS-Mann hält einen großen Zerstäuber mit Flit in der Hand. Wir müssen die Hände hochheben, alle haarbewachsenen Körperpartien werden bespritzt. Die Siegergesellschaft lacht dabei."
Die "Blutige Brigitte"
Die Aufseher des Konzentrationslagers führten ein brutales Regime. Zu den gefürchtetsten von ihnen gehörte die von den Häftlingen „Blutige Brigitte“ genannte Hildegard Lächert. Augenzeugen berichteten, dass sie im Garten des Konzentrationslagers ihren Schäferhund auf eine schwangere Frau hetzte. Der Hund zerriss die Jüdin.
Nach der Befreiung des Konzentrationslagers durch die Rote Armee begann im Juli 1944 eine sowjetisch-polnische Kommission mit der Untersuchung der Verbrechen, die in Majdanek von den Deutschen verübt worden waren. Im November 1944 standen sechs Angehörige der Wachmannschaften vor Gericht. Zwei begingen Selbstmord, vier wurden zum Tode verurteilt. Zwischen 1946 und 1948 wurden in Lublin weitere sieben Todesurteile verhängt, darunter gegen Else Ehrich, die Kommandantin des Frauenlagers.
In der Bundesrepublik rückte das KZ-Majdanek erst 1975 in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses, als in Düsseldorf der so genannte Majdanek-Prozess gegen 16 SS-Leute begann. Die "Blutige Brigitte" verurteilt das Gericht in Düsseldorf am 30. Juni 1981 zu zwölf Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord an 100 Menschen. An diesem Tag verkündete Richter Günter Bogen auch die anderen Urteile:
Die Namen der Kommandanten des KZ-Majdanek:
(Frank Hilbert)