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Ausgegeben am Mittwoch, dem 23.05.2012, um 17.55 Uhr.

Er selbst nannte sich Nikifor.
Durch eine Sprachstörung zum Außenseiter geworden, beobachtete er von klein auf seine Umwelt besonders aufmerksam. Bereits in jungen Jahren wusste er, dass er Maler werden möchte. Die Malerei wurde seine einzige Möglichkeit, mit der Welt in Kontakt zu treten und von seinen Mitmenschen, deren Hänseleien er oft ausgesetzt war, ernst genommen zu werden. Sein ganzes Leben lang malte und verkaufte er seine Bilder in Krynica und in den Dörfern der Umgebung. Als Honorar genügte ihm oft eine Mahlzeit oder eine Unterkunft für die Nacht.
Einen interessanten Anhaltpunkt für eine mögliche Erklärung liefert der polnische Kunstkritiker und Publizist Aleksander Jackowski, der Nikifor persönlich kannte, in seiner Monographie über den Maler: In der Vorkriegszeit fand in Krynica im Sommer ein für die griechisch-orthodoxe Bevölkerung bedeutendes Ablassfest statt, zu dem jedes Jahr eine große Zahl gläubiger Pilger aus der Region kam. Für zwei Tage herrschte in Krynica eine ausgelassene Volksfeststimmung. Stände mit Devotionalien, Kirmeskram, Speisen und Getränken umsäumten beide Ufer des schmalen Flüsschens. Das muntere Treiben der Gaukler, Feuerschlucker, Kraftmenschen und anderer Laiendarsteller zerfloss in der bunten Masse der Volkstrachten der Besucher. Eine gute Verdienstmöglichkeit witternd strömten auch ganze Heerscharen von Bettlern nach Krynica und nahmen vorwiegend vor den Kircheneingängen Stellung. Abends mietete der König der Bettlerzunft für sich und seine Mitbrüder ein großes Wirtshaus an, in dem Nikifor in seinen jüngeren Jahren gelegentlich aushalf.
Hier wurde Nikifor Zeuge einer unglaublichen Metamorphose: Die schmutzigen, geschundenen, zahn- und gliedlosen Gestalten streiften ihre Lumpen und verkrusteten Wunden ab und bekamen auf eine wundersame Weise ihre amputierten Gliedmaßen wieder. Nach einem ausgiebigen Bad, in saubere, farbenprächtige Gewänder gekleidet, setzten sie sich an eine festlich gedeckte Tafel und nahmen an einem opulenten Schmaus mit den besten Speisen und Weinen teil. Sie zechten, tanzten und sangen und zählten natürlich das am Tag erbettelte Geld, das sich sicherlich zu einem beträchtlichen Betrag summiert hatte. Dieses irreal anmutende Schauspiel scheint Nikifor nachhaltig beeindruckt zu haben. Vielleicht war das Betteln für ihn später ein Mittel, in diese märchenhafte, schillernde Welt, die er als Junge im Wirtshaus von Krynica beobachtet hatte, abzutauchen, eine Welt, in der auch er im Geiste seine irdischen Gebrechen wie schmutzige Lumpen abstreifen konnte. (Barbara Woyno)