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Barbara Anna Woyno M. A. - Übersetzungen polnisch-deutsch-polnisch

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Warniłęg in Westpommern - zu Besuch beim Kunsttöpfer Franciszek Grabowski

Mona Lisa zieht die Lefzen fast zu einem Lächeln zurück. Ihre kleine, schwarze Freundin bellt die Fremden laut an. Es ist kein aggressives Gebell, eher der überschwängliche Ausdruck einer freudigen Erregung. Auf der erhöhten Terrasse erscheint der Hausherr. „Keine Angst, die kleinen Kröten tun nichts. Sie versuchen nur, ihre geringe Körpergröße durch Lautstärke wettzumachen“, schmunzelt er. Es ist der Künstler höchstpersönlich. Schulterlanges, glattes, zurückgekämmtes Haar, wuscheliger Bart, altmodische Brille, zerknittertes Hemd, das lose über eine ausgebeulte Haushose herunterbaumelt. Eine leicht gewollte Lässigkeit. Einer, der tagtäglich mit Lehm, Staub und Erde zu tun hat und die Kunst über den Lebenskomfort gestellt hat, braucht schließlich keine feinen Klamotten.

Barbara Woyno und Franciszek Grabowski in der Galerie des Künstlers
Barbara Woyno und Franciszek Grabowski in der Galerie des Künstlers. Fotos: Frank Hilbert

Wir sind in dem malerischen Dorf Warniłeg und zu Besuch bei einem der bekanntesten Kunstkeramiker Westpommerns, Franciszek Grabowski. Sein Haus, das selbst auf den zweiten Blick nicht als ein altes Palais zu erkennen ist, beherbergt eine Töpferwerkstatt und eine kleine Galerie mit seinen Werken und einem bunt zusammengestellten Sammelsurium an Antiquitäten, Sperrmüll, Trockensträußen, Püppchen und diversen Flohmarktartikeln, unter denen Porzellan- und Tongeschirr aus verschiedenen Jahrhunderten dominiert. Die Wände sind geschmückt mit Diplomen diverser Kunsthochschulen, zahlreichen Auszeichnungen, Familienfotos und Bildern, die die Geschichte des Hauses dokumentieren. Franciszek Grabowski führt uns durch die Galerie und erzählt uns von der wechselvollen Geschichte seines Domizils.

Bis 1945, als das Dorf noch den deutschen Namen Warlang trug, befand sich das Schloss im Besitz der Familie von Knobloch. Zum Schloss gehörte ein 2.000 Hektar großes Anwesen. Nach der Parzellierung des Landgutes, die noch unter Hitler erfolgte, blieb nur noch der Schlosspark übrig, den man noch heute bewundern kann. Das restliche Land wurde an Kolonisten aus dem Reich verteilt. Das Schloss selbst wurde zeitweise als „Landwehrheim“ genutzt, in dem junge Menschen untergebracht wurden, die im Sinne der nationalsozialistischen Erziehung ein Landpraktikum absolvieren mussten.

Eine weitere Zweckentfremdung als Schule und Kinderheim und die damit einhergehende Zerstörung durch Vernachlässigung und durch unsinnige Umbauten, durch die Entfernung der schmückenden Elemente der einst prachtvollen Fassade und der Innenräume, erfuhr das Gebäude nach dem Krieg. Heute erinnert der nüchterne Kubus eher an ein verfallenes Kulturhaus einer Landwirtschaftlichen Genossenschaft der 1960er Jahre. Die zahlreichen Fundstücke, die Franciszek Grabowski immer wieder in seinem Garten ausgräbt und aus dem Parkteich fischt, machen seine Erzählungen im wahrsten Sinne des Wortes „greifbar“. Wir erfahren auch viel über sein Leben, das tragische aber auch sehr glückliche Momente kannte. Nach vielen, erlebnisreichen Jahren hat er an seinem Lebensabend in Warniłeg Zuflucht und zugleich sein kleines Paradies gefunden.

Das ehemalige Schloss in Warlang (Warniłęg)
Das ehemalige Schloss.

Im Laufe des eindrucksvollen Nachmittags kommt immer wieder das Kind in ihm zum Vorschein, das sich über die kleinen Dinge des Lebens freuen kann, aber richtig zu funkeln fangen seine Augen in seiner Werkstatt an. Ein langer Flur, von dem mehrere kleine Räume abgehen, in denen sich seine Ideen zu Tonobjekten materialisieren. Kleinere und größere Skulpturen, Schalen, Schüsseln stehen in Reih und Glied zum Brennen bereit. Es ist erstaunlich und beeindruckend zugleich, wieviel Wissen aus anderen, mit der Kunst zunächst nicht verwandten Fachgebieten wie Geologie, Chemie und Physik dieses Handwerk dem Künstler abverlangt. Franciszek Grabowski doziert über die Zusammensetzung verschiedener Ton- und Quarzarten, über die Vielfalt der Gesteine und über moderne Brenntechnologien. Stolz präsentiert er uns eine selbst gebaute Tonmischmaschine und ein von ihm entwickeltes filigranes Ajour-Muster, das zu seinem Markenzeichen wurde und das er patentieren ließ. „Sie dürfen gern etwas erwerben, wenn Sie möchten“, sagt er mit zaghaftem Geschäftssinn in der Stimme. Es ist schwer, nur von Luft und Ideen zu leben, und schließlich will am Ende des Monats  auch die Stromrechnung bezahlt werden. Wir entscheiden uns für eine hübsche Schüssel, die ab jetzt den Tisch in unserem Wohnzimmer schmücken und uns an die schönen Stunden in Warniłęg erinnern wird. (fh)

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