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"Fleißiges Lieschen" - Versuchsanlage Vergeltungswaffe V3 auf Wollin

Nahe des Badeortes Misdroy (Międzyzdroje) auf der Insel Wollin (Wolin) testeten die Nationalsozialisten die Vergeltungswaffe 3, kurz V3. Mit ihr wollten sie von Nordfrankreich aus London unter Dauerbeschuss nehmen. Die Reste der Versuchsanlage und ein kleines Militariermuseum im einstigen Munitionsbunker können besichtigt werden.

Museum Versuchsanlage Vergeltungswaffe V3 ZalipiePolen Fotos
In diesem Bunker, in dem 1944 die Versuchsmunition gelagert wurde, ist heute ein Museum untergebracht. Fotos: Frank Hilbert

Als den Militärs noch keine Raketentechnik zur Verfügung stand, waren Kanonen die einzige Möglichkeit, Sprengsätze auf den Feind aus größerer Entfernung niederprasseln zu lassen. Die Militärs und die Rüstungsindustrie forschten deshalb intensiv mit dem Ziel, die Reichweite der Geschosse zu erhöhen. Diesem Ziel kamen sie in der Mitte des 19. Jahrhunderts näher, als die Amerikaner Azel Storrs und James Richard Haskell das Prinzip des Mehrkammergeschützes entwickelten. Die Idee war simpel. An einem Kanonenrohr wurden Sprengkammern in T-Form angeordnet. Wenn ein Geschoss die Kammern passierte, zündete dessen Schweif die Ladungen nacheinander und das Geschoss erhielt neuen Schub. Die Geschwindigkeit und die Reichweite der Geschosse wurden dadurch erhöht.

5.000 Zwangsarbeiter schufteten auf Bunkerbaustelle

Die Nationalsozialisten griffen die Idee auf und planten den Bau von Mehrkammerkanonen im französischen Mimoyecques bei Calais, mit denen sie das 160 km entfernte London unter Dauerbeschuss nehmen wollten. Im September 1943 begannen sie mit dem Bau von zwei Bunkern, in denen je 25 Kanonenrohre – jedes einzelne 140 m lang - installiert werden sollten und die neun Stockwerke tief waren. Überdacht wurden die Bunker mit einer sieben Meter dicken Stahlbetondecke. Wenn es nach den Plänen der deutschen Militärs gegangen wäre, hätte die Batterie nach ihrer Fertigstellung 500 155-Millimeter-Granaten pro Stunde auf die Londoner Innenstadt abgefeuert und Tod und Schrecken in die britische Hauptstadt getragen. Die neue Wunderwaffe tauften die Nationalsozialisten V3 (Vergeltungswaffe 3, Spitzname „Fleißiges Lieschen“) und schlachteten sie neben der Flügelbombe V1 und der Rakete V2 propagandistisch als die Waffe aus, die "Vergeltung" für alliierte Bombenangriffe auf deutsche Städte und den „Endsieg“ bringen sollte.
Von vornherein war das Projekt zum Scheitern verurteilt. Es band enorme Ressourcen an Menschen und Material. In Mimoyecques schufteten auch 5.000 Zwangsarbeiter unter unmenschlichen Bedingungen. Zudem hatten die Deutschen längst die Lufthoheit über den von ihnen besetzten Gebieten und dem Reichsgebiet verloren, und ein Bauprojekt von so enormer Größe wie dem in Mimoyecques musste die feindliche Aufklärung entdecken. Im August 1944 griffen dann auch alliierte Bomber die Bunker mit Tallboy-Bomben (dts. großer Junge) an. Die Tallboy-Bombe war eine bunkerbrechende Waffe mit einem Gewicht von 5,4 Tonnen. Drei von ihnen durchschlugen die Betondecken und explodierten. Die Schäden waren so groß, dass die Deutschen das Projekt in Frankreich aufgaben.

Röchling-Speere waren zu langsam

Und noch etwas war widersinnig. Die Deutschen begannen mit dem Bau der Anlage in Mimoyecques, obwohl die Technik nicht ausgereift war. Der Vorschlag zum Bau einer Super-Gun kam von der Firma Saar Röchling, die 1942 unter der Leitung von Oberingenieur August Coenders mit der Entwicklung begann. Das Ergebnis war das Mehrkammergeschütz Langrohrkanone LRK 15. Es gelang den Ingenieuren zunächst auch, die Schwierigkeiten mit dem Timing der Zündung der Treibladungen zu lösen, indem sie sie elektrisch auslöste. Damit die Geschosse nicht schon vor London niedergingen, mussten sie eine Mündungsgeschwindigkeit von 1.500 Metern pro Sekunde erreichen. Die speziell für die Kanone entwickelten Geschosse, die sogenannten Röchling-Speere (15-Zentimeter-Sprenggranate), waren mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 1.100 m pro Sekunde viel zu langsam. Nach dem Verlassen der Geschützrohre entfalteten sie Stabilisatoren, die jedoch nicht verhinderten, dass die Geschosse bei hohen Geschwindigkeiten instabil wurden. Schwierigkeiten gab es auch mit den hohen Drücken, die während des Schießens in den Kanonenrohren auftraten. Die Rohre waren den hohen Kräften nicht gewachsen und platzten.

Reste der Stellung Mitte der Versuchsanlage der Vergeltungswaffe V3
Reste der Stellung Mitte der Versuchsanlage der Vergeltungswaffe V3.

Für die Tests suchten die Ingenieure und Nationalsozialisten nach ersten Versuchen in der Heeresversuchsanstalt Hillersleben bei Magdeburg ein geeignetes Gelände. Sie fanden es westlich von Swinemünde (Świnoujście) auf der Insel Wollin. Zwischen den Orten Laatziger Ablage (Zalesie) und Vietzig (Wicko) und nur wenige Kilometer vom heutigen Badeort Misdroy (Międzyzdroje) entfernt errichteten sie drei (vielleicht auch vier) Abschussanlagen. Die Gegend war dünn besiedelt und so bestand kaum Gefahr, dass ein fehlgeleitetes Geschoss in ein Wohngebebiet stürzt oder die Versuche von Neugierigen beobachtet werden. Zusätzlich tarnten Militärs das Superkanonenprojekt mit der Bezeichnung "Pumpwerk Misdroy". Das Geschütz selbst trug den Tarnnamen "Hochdruckpumpe".

"Bunker mini Muzeum"

Von den drei Stellungen Nord, Mitte und Süd ist die Stellung Mitte am besten erhalten. Die meisten der Stützen aus Beton, auf denen das Kanonenrohr lag, stehen hier noch. Nördlich von ihr befindet sich ein kleiner Bunker, in dem die Munition lagerte. An ihm prangt heute ein große Schild: "Bunkier mini Muzeum". Davor stehen ein ausrangiertes Zwillingsgeschütz sowjetischer Bauart (vermutlich eine vollautomatische Flugabwehrkanone vom Typ AK-230, die unter anderem auf polnischen Küstenschutzbooten zum Einsatz kam), ein paar Bänke und eine Attrappe von einem Geschoss der Vergeltungswaffe 3. Gleich neben dem Museum, das privat betrieben wird und nur in der Sommersaison geöffnet ist, beginnt ein Wanderweg zum oberen Ende der Stellung Mitte.

Während der Ardennenoffensive im Frühjahr 1945 kam dann doch noch eine verkürzte Version der Vergeltungswaffe V3 zum Einsatz. Mit zwei Kanonenrohre, die in der Nähe von Lampaden bei Trier unter der Leitung von SS-Gruppenführer Hans Kammler errichtet worden waren, beschossen die Deutschen die Stadt Luxemburg. 44 Geschosse schlugen in der Innenstadt ein und töteten zehn Menschen. Die Wende im Krieg brachte der Beschuss nicht. Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg zu Ende. (Frank Hilbert)

Kontakt

Museum Versuchsanlage Vergeltungswaffe 3
Nadbrzeżna
72-500 Wicko Zalesie
Tel.: +48 (0) 601 624355
Internet: www.bunkierv3.pl

Öffnungszeiten:
Geöffnet hat das Museum nur in der Sommersaison.

Karte

Zalesie - Museum Versuchsanlage Vergeltungswaffe 3, Nadbrzeżna, 72-500
Zalesie - Museum Versuchsanlage Vergeltungswaffe 3, Nadbrzeżna, 72-500 Wicko Zalesie (Google Maps)