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Museum der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Bolegorzyn (Gut Bulgrin)

Stolz drückt das Gesicht der älteren Frau nicht aus, als sie mir fast verlegen den Weg zum Museum der Landwirtschaftlichen Genossenschaft der Gemeinde Bolegorzyn (Muzeum PGR, Państwp Gpstżdarstwo Rolne) erklärt.

Museum der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Bolegorzyn
"Was hast du für die Erfüllung des Plans getan?" wird der Betrachter dieses Plakates aus der Zeit der Volksrepublik Polen gefragt. Fotos: Frank Hilbert

Immerhin ist sie aber sehr zuvorkommend, wie auch übrigens alle anderen Menschen der Westpommerschen Seenplatte, mit denen ich in den wenigen Tagen meines Aufenthalts in dieser Region zu tun hatte. Vielleicht liegt die außergewöhnliche Offenheit und Freundlichkeit der Einheimischen daran, dass es sich bei vielen von ihnen um Nachkommen der Vertriebenen aus den früheren polnischen Ostgebieten handelt, die – und darunter insbesondere die Lemberger – für ihre Herzlichkeit und ihren Humor über die Landesgrenzen hinaus bekannt waren. Vielleicht ist der Freundlichkeit aber auch dem Umstand zu schulden, dass die „Westpommern“ es mit ungläubiger Sympathie zur Kenntnis nehmen, wenn sich ein Fremder in die ärmliche, wenn auch durch ihre unberührte Natur bestechend schöne Gegend mit den zahlreichen kristallklaren Seen verirrt. Und wenn er diesen gottvergessenen Landstrich mit Absicht zum Ziel seiner Reise wählt und sich obendrein für landwirtschaftliche Geräte aus den 1950er Jahren interessiert, dann hat er bei den Menschen hier einfach einen Stein im Brett. Er stellt ihr Lebenswerk nicht in Frage, er ist beinahe einer von ihnen. Oder ist es etwa doch die herrliche Ruhe, die die Gemüter gelassener macht?

Der erfolgreiche Landwirt

„Arbeit, Ruhe, Stabilisierung“ leuchtet mir von einem Banner an der Fassade eines nüchternen Kubus aus der Ära Giereks, des ersten Sekretärs der Polnischen Arbeiterpartei entgegen. Eine junge Frau bittet mich herein und führt mich eine schiefe Betontreppe in den ersten Stock des Gebäudes in die Museumsstube hinauf. Drinnen, in der ehemaligen Kantine der LPG Bolegorzyn, erwartet mich ein Panoptikum von Dingen des sozialistischen Alltags: Tassen mit Goldrand und kaschubischem Blumenmuster, hölzerne Butterfässer, quietschgelbe Kunststoffentsafter, schwarze Bakelittelefone, erfindungsreiche Schnapsbrenner, Schwarz-Weiß-Fernseher, Röhrenradios, Rechenschieber, angestoßene Tintenfässer, Schreibmaschinen aus allen Jahrzenten, von Motten angefressene Lammfellmäntel, dicke Inventarbücher, vergilbte Ratgeber mit dem schönen Titel „Der erfolgreiche Landwirt“ und diverse Auszeichnungen mit tollen Sprüchen für die fleißigsten Traktoristinnen und Melker. Wer immer noch nicht genug hat, kann sich auf dem Landmaschinen-Fuhrpark hinter dem Museum neben dem Mähdrescher „Bison“ ablichten lassen. Auch hier bestätigt sich die Regel, dass der verzweifelte Versuch, der erzwungenen Änderung der Lebensumstände zu trotzen, häufig skurrile Züge annimmt.

Mähdrescher im Museum der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Bolegorzyn (Gut Bulgrin)
Für die damalige Zeit stellte dieser Mähdrescher eine Arbeitserleichterung dar, denn er schnitt nicht nur das Getreide, sondern band es anschließend zu Garben.

Die Äcker liegen brach

Die LPG in Bolegorzyn, die 1949 durch die Zusammenlegung ehemals deutscher Landgüter entstanden war, existiert seit über 20 Jahren nicht mehr. Sie hielt den Anforderungen der Marktwirtschaft nicht stand und ging wie die meisten im Land pleite. Die Äcker liegen größtenteils brach, die schmucklosen Plattenbauten, in denen die landwirtschaftlichen Mitarbeiter lebten, verfallen. Die Angestellten sind in Frührente gegangen, mussten umschulen oder versuchen, mit Satellitenfernsehen und Alkohol der Schwermut zu entfliehen. Das Schloss der früheren deutschen Gutsherren in der Nachbargemeinde wurde zerstört, nur noch die vor sich hin bröckelnden barocken Säulen an der Einfahrt zum weitläufigen, zugewachsenen Schlosspark zeugen von der früherer Pracht des Anwesens und dem hochherrschaftlichen Lebensstil seiner früheren Besitzer. Auf dem Rückweg winkt mir die Dame, die mir den Weg zum Museum gezeigt hatte, über den Gartenzaum zu. „Und, haben sie in der Ausstellung viel gelacht?“, fragt sie augenzwinkernd. (fh)

Karte

Landkarte Polen mit Bolegorzyn (Gut Bulgrin)

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Szczecinek, Polen

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(CC BY-SA 2.0: OpenWeatherMap)

Kontakt

Muzeum PGR
Bologrozyn 1
78-523 Nowe Worowe
Tel.: +48 (0) 509 161331
E-Mail: muzeumpgr@op.pl